See-Rock Festival 2013: Tag #2 [22.06.2013 Schwarzlsee, Graz]

von am 24. Juni 2013 in Featured, Reviews

See-Rock Festival 2013: Tag #2 [22.06.2013 Schwarzlsee, Graz]

Mit Limp Bizkit, Slayer, Alkbottle, Oomph!, Eisbrecher, Mnemic, Niie, Rohstoff und Parazite X.

Die Latte für den zweiten Tag des See-Rock liegt hoch, haben Iron Maiden, Stone Sour und Co. doch für eine ordentliche Vorgabe gesorgt. Dass der zweite Tag subjektiv gesehen namentlich nicht mit dem weitestgehend bärenstarken ersten mithalten kann, spricht aber eher für Marrok, Ghost und Konsorten als gegen die Technik-Metaller Mnemic, die deutschen  Eisbrecher und das restliche Line-Up am Samstag. Zumal sich für die späten Abendstunden zumindest die (verbliebenen) Headliner ohnedies wieder sehen lassen können.
Bis es soweit ist, gilt es allerdings auch am Samstag wieder den Elementen zu trotzen: wo sich Tags darauf die Sonne unbarmherzig zeigte, herrscht 24 Stunden später Unwetterwarnung und akute Hagelgefahr. Zuflucht findet sich aufgrund mangelnder Unterstellmöglichkeiten kurzerhand im VIP-Bereich. Auswirkungen hat das auch auf den durcheinander gewirbelten Timetable, der ohnedies bereits im Vorfeld modifiziert werden musste: Slayer rücken als zweiter Headliner einen Startplatz nach hinten, die Crew des erkrankten Lemmy Kilmister wird hingegen durch Spontanbesuch aus Wien vertreten.

Natürlich ist der zweite Tag des See-Rock getrübt durch die Absage der heiß erwarteten Motörhead, einem der potentiellen Highlights des Wochenendes. Letztendlich höhere Gewalt, die man niemandem negativ ankreiden kann. Zumal die Veranstalter mit Allbottle kurzfristig einen zuverlässigen Ersatz geholt haben, der abseits vieler enttäuschter Gesichter in Motörhead-Shirts auch reichlich gefeierten Zuspruch findet. Als sich Roman Gregory und seine Mannen kurz nach 20.00 Uhr dem Ende ihres engagierten Sets nähern, goutieren das zumindest nicht wenige mitsingende Kehlen bierselig. Womit eventuell annähernd das beste aus der überraschenden Ausgangslage gemacht wurde.

Zumal die ärgerliche Absage von Motörhead durchaus auch den einen positiven Effekt hat: Slayer bekommen ein längeres Set zugesprochen, zwischen 20.35 Uhr und 22.10 Uhr bekommen die Thrasher (beinahe) ihre gängige Setliste der aktuellen Festival-Tour unter.
Von den schwierigen Begleitumstände des Auftritts – Ausnahmeschlagzeuger Dave Lombardo wurde aufgrund finanzieller Streitigkeiten (wieder einmal) vor die Tür gesetzt, Gitarrenmonster Jeff Hanneman verstarb vor wenigen Wochen an einem alkoholbedingten Leberschaden – lassen sich der leicht fülliger gewordene, mittlerweile ergraute Tom Araya und seine etwas hüftsteifer gewordene Band jedoch nichts etwas anmerken. Araya selbst ist vom unverwüstlichen Dauerheadbanger aus gesundheitlichen Gründen längst zum stoischen Fels in der Brandung geworden, dafür badet er umso genüsslicher und schlichtweg cooler mit neckischer Miene in den wenigen Pausen zwischen den nach wie vor beispiellosen Song-Monstren.
Und sicher: Slayer in Originalbesetzung sind eben mit nichts zu vergleichen – daran ändert der zurückgeholte Paul Bostaph ebenso wenig wie der ebenfalls von Exodus stammende Hanneman-Langzeitersatzmann Gary Holt, beide übrigens mit einer anstandslosen Leistung.

Trotzdem werden auch in dieser „Rumpfformation“ alle Songs so knüppeldick wie technisch wieselflink aus den Instrumenten gedroschen als gäbe es kein Morgen, Slayer präsentieren sich blind aufeinander eingespielt, knallhart und bestialisch nahe der Bestform. Der Sound ist fett (verwunderlich allerdings: während ‚Spirit in Blacksieht man Araya singen, hört ihn aber nicht), die ausgewogene Setliste (nur ‚At Dawn They Sleep‚ fehlt im derzeitigen Standard-Repertoire) inklusive aller essentieller Klassiker lässt dann praktisch keine Wünsche offen und (subjektiv) nur eine Erkenntnis zu: die beste Thrashband der Welt reißt sich bei ihrem Graz-Gastspiel die Krone des See-Rock Festivals an sich. Das braucht keine ausgetüftelte Bühnenshow um mit alleiniger Konzentration auf die druckvollen Performance der atemloseste Auftritt der beiden Tage zu werden. Auch der einzige, der Teile des Publikums veranlasst unkoordiniert Feuerwerkskörper zu zünden.
Dazu kreieren Slayer der Gänsehaut-Moment des Festivals: nach dem furiosen ‚Raining Blood‚ fällt das klassische Slayer-Pentagram-Backdrop und ein modifiziertes Heineken-Emblem zollt dem verstorbenen Hanneman Tribut: „Angel of Death – Hanneman 1964 – 2013 – Still Reigning„. Seine Weggefährten Kerry King und Tom Araya spielen mit Bostpah und Holt dazu unkommentiert ‚South of Heaven‚ und ‚Angel of Death‚. Das ist in dieser Phase überwältigend berührend, orgasmisch, überlebensgroß und Metal in Reinform sowieso.

Setliste:

    1. World Painted Blood
    2. Spirit in Black
    3. War Ensemble
    4. Hate Worldwide
    5. Bloodline
    6. Disciple
    7. Mandatory Suicide
    8. Chemical Warfare
    9. The Antichrist
    10. Die by the Sword
    11. Postmortem
    12. Hallowed Point
    13. Seasons in the Abyss
    14. Dead Skin Mask
    15. Raining Blood
    16. South of Heaven
    17. Angel of Death

Dass es Limp Bizkit danach schwer haben würden erschien klar – zumal sich nicht wenige Besucher über die Platzierung der (ehemaligen) Nu-Metal Big Player als Festivalsbschluss wunderten.
Um es vorweg zu nehmen: innerhalb von knapp eineinhalb Stunden erklären Frontkappe Fred Durst und Co. anhand von fettest dargebotenem Crossover, warum dem allerdings beinahe zwangsläufig so sein musste. Die Band aus Jacksonville versteht es vom ersten Moment an bedingungslos Stimmung zu machen, lässt das See-Rock bis kurz nach Mitternacht in den besten Momenten zu einer hemmungslosen Party mutieren, bei der sich bis in die hintersten Reihen wild abgehende Metalfans aller Altersklassen beim wilden Abtanzen finden.
Sam Rivers und John Otto geben dabei wie üblich die souverän groovende Rhythmusmaschine im Hintergrund, DJ Skeletor macht praktisch nichts anders als der geschasste DJ Lethal. Wes Borland erweist sich mit typischer Ganzkörperbemalung und leuchtender Maske einmal mehr nicht nur als postapokalyptischer Blickfang der Band, sondern auch als der musikalische Hinhörer: spielt er die markant-knackigen Riffs der Band, tut er dies so bombastisch drückend wie möglich, dazwischen zeigt er sein imposantes Können mit beinahe experimentellen Ausflügen in den Noise. Dass er für ‚9 Teen  90 Nine‚ seine Gitarre zudem an einen Fan aus dem Publikum abgibt (dem an dieser Stelle ordentlich Respekt gezollt sein will!), bringt zusätzlich Sympathien. Herrlich angepisst derweil Fred Durst: als vollbärtiges Äquivalent zu Super Mario ist dem 42 jährigen wohl eine Laus über die Leber gelaufen, was dem Auftritt das zusätzliche Quäntchen an fiesem Nachdruck beschert und den aggressiv hampelnden Durst nicht davon abhält in den Bühnengraben zu klettern und im permanenten Dialog mit dem Publikum unermüdlich Endorphine zu pushen.

Natürlich ist das genauso herrlich prollig wie absolut anachronistisch, dafür sprechen alleine die am Bühnenrand tanzenden Groupie-Chicks. Die goldenen Prä-2000er liegen für Limp Bizkit eben immer noch in Griffweite, die explosiven Hits von „damals“ zünden ohne Anlaufzeit: ‚Rollin‘ (Air Raid Vehicle)‚, ‚My Generation‚, ‚Nookie‚, ‚Take a Look Around‚ oder ‚Break Stuff‚ werden frenetisch gefeiert, bei Coverversionen wie dem vermurksten ‚Behind Blue Eyes‚ (The Who), George Michael’s ‚Faith‚ und ‚Killing in the Name‚ (Rage Against the Machine) beweisen hunderte Kehlen Textsicherheit. Dass vom (unterbewerteten) Comeback ‚Gold Cobra‚ gerade einmal der Titelsong Platz in der Setliste findet ist (wohl mehr als sonst schon nur aus subjektiver Sicht) schade, tut aber der Kompaktheit des Auftritts als makelloser Dienst am Festivalvolk gut. Limp Bizkit zeigen sich damit auch ungeachtet ihrer dicksten Jahre als todsichere Lieferanten und erfüllen ihren Job überraschend mitreißend. ‚Stayin Alive‘‚ passt da zum Abschluss einer Darbietung, die Erwartungshaltungen übertrifft und gerne auch länger hätte dauern können. Oder anders gesagt: ein fulminanter Ausklang.

Setliste:

  1. Thieves (Ministry)
  2. Rollin‘ (Air Ride Vehicle)
  3. Hot Dog
  4. Eat You Alive
  5. My Generation
  6. Livin‘ It Up
  7. My Way
  8. Counterfeit
  9. Nookie
  10. Re-Arranged
  11. Killing in the Name (Rage Against the Machine)
  12. Faith (George Michael)
  13. Gold Cobra
  14. Behind Blue Eyes (The Who)
  15. 9 Teen 90 Nine
  16. Take a Look Around
  17. Break Stuff

Was also bleibt also nach zwei Tagen See-Rock?
Ein starkes bis grandioses Line-Up in erster Linie, dazu vor allem natürlich auch die Freude, zahlreiche musikalische Schwergewichte quasi vor der eigenen Haustüre serviert bekommen zu haben. Nachdem im Rahmen des See-Rock zwar bereits 2011 viele große Namen an den Schwarzlsee geholt wurden, diese musikalisch jedoch noch eine deutlich andere Gewichtung vorzuweisen hatten, 2012 aber die härtere Neujustierung durchaus gelang, zeigt die 2013er Ausgabe alleine Band-technisch noch einmal einen enormen Qualitätsanstieg.
Die vorhandenen organisatorischen Kinderkrankheiten (als Anregungen wären da vor allem zu nennen: Stoffbänder anstelle der Plastikteile auszugeben, schattenspendende Bereiche in das Konzertareal zu integrieren, den Wavebreaker aus Stimmungsgründen zu verkleinern und vor allem die Gastro an eine weniger geldgeile Sektion auszugliedern) trüben das musikalisch positive Gesamtbild zwar ein klein wenig, aber die Weichen es in Zukunft noch besser zu machen scheinen ohnedies gestellt. Darf man die bisherige Entwicklung des Festivals als Gradmesser für die Zukunft ansehen, ist am Schwarzl genug Potential vorhanden um bereits lange etablierten Veranstaltungen mindestens auf Augenhöhe zu begegnen – auch abseits dessen herrscht aber bereits jetzt berechtigterweise eine immense Vorfreude auf das See-Rock 2014.

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