Swans – The Glowing Man

von am 26. Juni 2016 in Album, Heavy Rotation

Swans – The Glowing Man

It sounds like the musical equivalent of Ben-Hur. Ben-Hur coupled with Kursawa’s Ran“ hat Michael Gira versprochen – und liefert nun mit dem letzten Album dieser Inkarnation der Swans auch wirklich den formvollendet abrundenden Abschluss einer Reise, die mit dem gerne übersehenen My Father Will Guide Me up a Rope to the Sky in die Wege geleitet wurde. Dabei hat The Glowing Man natürlich von vornherein zwei ganz gravierende Probleme.

Diese hören auf die Namen The Seer und To Be Kind. Sie erschweren The Glowing Man nun insofern das Leben, als dass die beiden Vorgängerwerke den aktuellen Stil der Swans nicht nur erschaffen und kultiviert, sondern auch gleich formvollendet und perfektioniert haben. Auch einfach eher da waren als das aktuelle, vierzehnte und mutmaßlich in dieser Konstellation auch letzte Album von Michael Giras Experimental-Flagschiff – und vor allem in der nun ein drittes Mal beschrittenen Gangart vermeintlich bereits alles gesagt zu haben schienen. Tatsächlich könnte man meinen, dass sich Swans nun einer bequemen Herangehensweise bedienen. Auch The Glowing Man fordert nach bekanntem Muster wieder knappe 2 Stunden Spielzeit ein, ist ein neuerlich zu einem epochalen, herausfordernden Kraftakt angewachsenes Monstrum von einer Platte geworden, die mit Haut und Haar verschlingen kann, wenn Gira die in The Gate vorgestellten Gerüste zur vollen Größe aufbaut und entlang hypnotisierender Spannungsbögen verdichtet, variiert, intensiviert. Was den Ersteindruck von The Glowing Man eben durchaus schmälern kann: Die versammelten 8 Songbrocken scheinen generisch auf der Stelle zu treten, die bereits The Seer und The Be Kind ausgewalzt haben. Denn ja, das alles ist auch diesmal wieder so unheimlich monolithisch, erhaben, manisch und kathartisch, überwältigend, ausufernd und in seiner Länge und Volumen erschlagend, mit sakraler Wucht aus strukturbefreiten Meditationen hervorwachsend. Eben ein erschöpfender Gewaltakt, dessen berghohen Handlungsradius man bereits kennt.

Wo The Glowing Man in großem Maße die selben Adjektive und Charakterisierungen verlangt, um das gebotene Spektakel zu umschreiben, fordert es doch andere Wege, um den Zugang zu verorten, mit dem die Band ein letztes Mal Einlass in ihr ureigenes Hohheitsgebiet gewährt. Eine Formelhaftigkeit mit neuen Variablen also, wenn man so will. Swans haben ihren bewährten Modus Operandi abermals im Detail verschoben, erschaffen ähnliche Stimmungen auf leicht geänderten Routen und ringen ihrem Sound so abermals neue Facetten ab, die The Glowing Man zum vielleicht zugänglichsten, kurzweiligsten, konventionellsten und entgegenkommensten Album dieser Ära machen. Freilich – wie alles bei dieser Kombo – relativ gesehen. Denn The Glowing Man agiert trotz Songlängen von bis zu 30 Minuten straighter, entschlackter und griffiger, als man das von den Swans zuletzt gewohnt war, bettet seine Kompositionen in weichere Arrangements und harmonischer inszenierte Backgroundszenen. Gira dirigiert seine Band wendiger, neigt zu weniger behebiger Kunst-Opulenz, wodurch die Platte einen angenehm die Ärmel hochkrempelnden Fluss bekommt und Raum für eine bisher untergegangene Stringenz in den langsam konstruierten Atmosphäreschichten sorgt: The Glowing Man zündet viel direkter und rockt stellenweise extrem angenehm nach vorne. Es es sind gerade all diese sich verselbstständigenden Ausbrüche im assimilierenden Groove, die all die langen Spannungsbögen und akribisch konstruierten Klanggebete mit viel Verve auflösen und das Album letztendlich dominant bestimmen. Ihm damit nicht nur einen gänzlich eigenen, unverwechselbaren Charakter verleihen, sondern auf Dauer wohl auch deutlich öfter dafür sorgen sollten, dass The Glowing Man öfter den Plattenteller finden wird, als seine vergleichsweise arbeitsintensiveren Brüder The Seer und To Be Kind. Denn vorläufige Abgesang der Swans, er macht in seiner nichtsdestotrotz forcierten aufgeriebenen Widerborstigkeit und Unangepasstheit letztendlich vor allem erfüllenden Spaß. Natürlich aber eben wieder: relativ gesehen.

Schon vom Einstige weg vermittelt The Glowing Man jedenfalls den Eindruck, den Zug zu einem runden Abschluss zu suchen. Cloud of Forgetting erwacht so bald aus einem postrockigen Flimmern. Um den stoisch einsetzenden Rhythmus tröpfeln Piano, Soundscapes und eine zuerst noch energisch angeschlagene Gitarre, die unwirklich im Gesamtfluss verschwindet. Gira tritt beschwörend aus dem nebulösen Dunkel, zieht Vokale mit seiner sonoren, monotonen Stimme, mantraartig in die Länge, man kennt das. Wie wie wenig Anlaufzeit der 12 minütige Zustand jedoch benötigt, um im Sog der Band anzukommen, ist mindestens ebenso erstaunlich wie die immanente Heimeligkeit des packenden Geschehens: Swans transportieren unter der rauen Oberfläche nun mehr Schönheit, mehr Wohlklang.  Auf die letzten Meter zündet die Band zwar noch einmal Schübe, schichtet die Monumentalität weiter auf,  entscheidet sich aber doch für eine relative Versöhnlichkeit – der Opener  beruhigt sich, Gira resigniert, „I am blind“ fleht er, das Piano stürzt in eine mollverhangenen Abgrund. Auch das noch exzessivere Cloud Of Unknowing entwickelt sich am Scheitelpunkt aus Noise, Ambient und der Exzentrik einer hochgezogenen Klanginstallation. Wenn es der Trance-Groove ist, der das innerste eines Swans-Songs ausmacht, brauchen Gira und Co. knappe 6 Minuten, um diesen zu finden – haben danach aber immer noch entspannte 20 minuten, um ihn zu entfalten. Sie beschwören ein erhebendes Metal-Konstrukt in abgründiger Lauerstellung, das irgendwann unter klerikalem Glockengebimmel seinem Zenit und Ausbruch ansteuert – bis die Band abermals einen Coitus Interruptus vollzieht und beinahe leichtfüßig mit verspielter Percussion einem entspannten Finale entgegentänzelt. Einen Teilaspekt seiner Faszination zieht The Glowing Man auch hier wieder zu jedem Zeitpunkt aus seiner räumlichen, massiven, klar lokalisierbaren und doch luzid verschwimmenden, fast magischen Produktion, doch verlässt sich die Platte in der starken Eröffnung noch ein wenig zu sehr auf verinnerlichte Muster. Sucht man prätentiöse Längen im Album, findet man sie am ehesten noch in dieser Phase von The Glowing Man.

Danach reihen sich jedoch die nahezu makellosen Prunkstücke aneinander. The World Looks Red/The World Looks Black lässt zuerst melancholischen Optimismus perlen, Swans treiben mit Referenzen an Sonic Youth über eine versöhnliche Traumlandschaft, eine sportliche Psychedelik in repetitiven Schleifen. Mit welcher Lockerheit sich die Band danach dem zweiten Part zuwendet, ohne Brechstange ein spannungsvolles Anlaufnehmen zum smooth aus der Hüfte kreisenden Rock samt Call-and-Response-Part und hirnwütig feiernden Jazz-Bläsern vorbereitet, das zeugt von einer formvollendeten Selbstsicherheit und keinem Gramm Fett und einer bisher ungekannt gewichteten Dynamik im Swans-Kosmos. Ohne prominente Gastmusiker scheint die Band einen schärferen, kantigeren Fokus gefunden zu haben. Swans arbeiten konzentriert und aus dem Bauch heraus, ohne sich in exzessiven Avantgarde zu verlieren, während der forcierte weibliche Backgroundgesang von Kaela Sinclair und Katrina Cain für eine ätherische Anmut und einen wärmenden Kontext zu Giras Organ sorgt. Nachzuhören auch glimmernden Abgang der Tour de Force, der nahtlos in den entspannt torkelnden Neo-Folk des verschworenen Zaubertaumel People Like Us führt und in der erleuchtend aufmachenden Schönheit des Americana-Skeletts When Will I Return seinen Zenit findet. Dass die Demo der Nummer auf der aktuellen Gira Tour-CD vertreten ist macht jetzt noch mehr Sinn: Mit Jennifer Giras märchenhaft am Wunderland-Abgrund schmeichelnden Gesang finden Swans orgelschwanger in die abgründig-anmutige Ecke der Angels of Light.

Die beiden darum herum aufgebauten Epen gehören wiederum gleich zum besten, was Gira projektübergreifend zusammengebraut hat. Das im Vergleich zur bekannten Liveversion destilliert daherkommende Frankie M verdichtet sich mit sirenenhaft duellierendem Schamanengesang in eine verstörend-penetranten Schieflage, die plötzlich unter ein gehetztes Stampfen kulminiert. Die daraus entstehende, wellenförmig nach vorne gehende Unaufgeregtheit aus Gitarrenriff und treibendem Beat ist sinnbildlich für die luftige Lockerheit, die The Glowing Man immer wieder ausstrahlt, der entstehende Exzess wirkt zielgerichteter. Als hätte Gira mit The Glowing Man die Kontrolle über seine Kreation gefunden, nicht mehr umgekehrt. Der aus Black Hole Man  und Black-Eyed Man geborene Titelsong schichtet unter diesem Aspekt seine markerschütternden Passagen mit fesselnder Gravitation zu einem apokalyptischen Hämmern, einer in sich zerfallenden Kakophonie, einem vor wahnsinnigem Noise rotierenden Ungetüm, das unvermittelt als mitreißende, fast schon sehnig groovende Abfahrt explodiert, in der sich die Musiker mit einer jammenden Losgelöstheit gegenseitig befeuern und antreiben. Ein auf sich selbst verweisender Geniestreich zwischen mathematischem Spacerock und fiebriger Improvisation, ein Malstrom und so brutaler wie eleganter Rausch. Besser als hier war Giras Band eventuell noch nie. Ganz am Ende, im auf einen gurgelnden Wave-Basslauf und schunkelnde Fröhlichkeit (!) bauenden Finally Peace mitsamt seinem umarmenden Gemeinschaftsgesang, scheint es dann folgerichtig auch so, als hätten die vor einer ungewissen Zukunft stehenden Swans nicht nur den Bogen bis zurück zur ersten Inkarnation mit Jarboe gesponnen, sondern tatsächlich endlich Frieden gefunden. Nicht zuletzt mit sich selbst. Alleine diese exorzierende Erlösung hebt den monumentalen Abschluss einer Ehrfurcht gebietenden Trilogie dann auch unverrückbar über den Stand einer schaulaufenden Ehrenrunde hinaus. Das dritte Meisterwerk in Folge begegnet The Seer und To be Kind letztendlich anstandslos auf Augenhöhe und sorgt für den krönenden Abschluss eines beispiellosen Laufes. Ein würdiger Schwanengesang.

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