Michael Gira – I Am Not This

von am 7. Mai 2016 in Compilation, Sonstiges

Michael Gira – I Am Not This

Der Boss der Swans und Angels of Light versammelt Songs all seiner Veröffentlichungsplattformen als potentielle Setlist seiner Solotour – was auf regelrecht bekömmliche Weise durchaus Neuankömmlinge in Gira’s Gefolgschaft anziehen könnte, ist jedoch primär auf bereits eingefleischte Fans zugeschnitten und nur in limitierter Stückzahl auf Tour und im Onlineshop von Young God Records erhältlich.

Zwei Dinge sind es, die die Freude an dieser damit von vornherein als dezent paradoxe Liebhaber-Nischenbedienung konzipierte Veröffentlichung trüben müssen. Zum Ersten sind das natürlich die vehementen Vergewaltigungsvorwürfe von Larkin Grimm, sowie die ambivalenten, die Anschuldigungen in ein zweifelhaftes Licht stellen sollenden Reaktionen von Jennifer und Michael Gira. Wo die Wahrheit in dieser schockierenden Geschichte liegt, kann man als Außenstehender freilich nicht sagen – in Unkenntnis des tatsächlichen Tathergangs bleibt jedenfalls ein bitterer Beigeschmack.
Zum Anderen – und weitaus erfreulicher – ist dann hingegen der lange Schatten, den The Glowing Man auch über die Live/Demo The Gate bereits vorwegwirft. Bevor das finale Album dieser Swans-Inkarnation den Kreis aus My Father Will Guide Me up a Rope to the Sky, The Seer und To Be Kind erwartungsgemäß fulminant schließen wird (soviel sei bereits an dieser Stelle verraten), lenkt Gira den Fokus weg von der markerschütternden Wucht seiner Hauptband und erinnert im Zuge seiner Tour mit einem Streifzug durch alle Epochen seines Schaffens vor allem an deren minimalistischen, archaisch-ruhigen und intim in das Unterbewustsein kletternden Ausläufer.

I Am Not This übernimmt so praktisch die Funktion einer veritablen Werkschau, die sich den Luxus gönnt, unter rein subjektiven Selektionskriterien zusammengestellt worden zu sein – und damit nicht den Gesetzen regulärer Best of-Compilations unterworfen einen enorm homogenen Rückblick auf den reichhaltigen Katalog von Gira zeichnet: Der Pool, aus dem Gira die Songs seiner Toursetlist fischt, erweist sich als enorm stimmig gewählt.
Da unterstreichen Song wie Forever Yours oder der traumhafte Untitled Love Song, dass die großartigen Angels of Light auch angesichts des anhaltenden Höhenfluges der Swans nur zu gerne unter Wert verkauft werden, während auf der anderen Seite vor allem die verletzlichen Stücke des fantastischen White Light From The Mouth Of Infinity aufzeigen, wie kurz die Distanz von Giras Songwriting ästhetisch zu den melancholischen Tröstern von The National sein kann, während vor allem die sparsamen Homerecordings von The Milk of Michael Gira eine beklemmende Nahbarkeit erzeugen: In gewisser Weise lenkt diese Compilation immer wieder den Blick auf die immanente Zerbrechlichkeit und Schönheit, die durch Giras gesammtes Schaffen schimmert. Über 77 Minuten vereint ergibt das trotz der über knapp zweieinhalb Dekaden verstreuten Veröffentlichungszeitraum aller Titel ein atmosphärisch dichtes Gesamtbild.

Die Frage ist freilich: Wer benötigt dies, wenn I am Not This ja keinen regulären Vertrieb bekommt, obwohl es grundsätzlich gerade dazu perfekt geeignet wäre, bisher Uneingeweihten über eine relativ versöhnliche Seite Zugang zu Giras Welt zu verschaffen. Längst angefixte Fans werden sich hingegen über die gelungene Anordnung und persönlich geprägte Zusammenstellung der geschmackvoll arrangierten Compilation durchaus freuen, die meisten verträglichen Songs hiervon allerdings bereits zumindest kennen – nur die tolle Demo zu Song for a Warrior (das wehmütig-liebliche, das Karen O der Studioversion eingeimpft hat, ist hier in einem Loch aus Resignation nur zu erahnen) und das spartanisch wärmende Annaline sind bisher unveröffentlicht.
Bleiben also die Hardcore-Sammler und unbedingten Komplettisten als vorderste und beinahe einzige Zielgruppe – eben jene dürfen dann eben nicht nur die stimmige Qualität des Inhalts feiern, sondern auch den handsignierten physischen Tonträger in gewohnter Young God Records-Wertarbeit ihr Eigen nennen.

Daher die Compilation allerdings bereits vergriffen ist und es sich eben nur bedingt lohnt horrende Preise für I Am Not This auf den Tisch zu legen, sollte es eigentlich auch die entsprechende Zusammenstellung via Spotify tun – es fehlen dabei allerdings die Beiträge von The Gate sowie die beiden bisher unveröffentlichten Stücke.

Related Post:

Print article

1 Trackback

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen