The Low Anthem – Eyeland

von am 21. Juni 2016 in Album

The Low Anthem – Eyeland

Das exzentrische Cover (zusammengewürfelte Photoshop-Esoterik anstelle stilisierter Simplizität) hat bereits Umbrüche vermuten lassen. Wie drastisch diese allerdings ausgefallen sind, überrascht dann doch absolut: Aus den ehemals so großen Traditionalisten von The Low Anthem ist in den fünf Jahren seit Smart Flesh eine arrivierte Experimental-Kombo geworden.

Multi-dimensional future folk“ nennen die beiden (nach dem Ausstieg von der sich auf Arc Iris konzentrieren wollenden Jocie Adams) verbliebenen Bandköpfe Ben Knox Miller und Jeff Prystowsky das Ergebnis. Um zu verstehen, was sie damit meinen, muss man wohl bis ins Jahr 2011 zurückblicken, in dem The Low Anthem mit dem Soundtrack zu Arcadia ihre auf Oh My God, Charlie Darwin und Smart Flesh perfektionierte Arbeitsweise aufbrachen, den Zugang zu ihren Folksongs ambivalenter gestalteten, in einem breiteren Spektrum zu verstehen begannen – und nun entlang der Produktionsgeschichte von Eyeland auf ein neues Level hieven: Ein geschlossenen Varieté baute die Band zum Tonstudio und Konzertclub um und trieb ihre muskialischen Wurzeln entlang einer weiteren Konzeptplatte so ohne stilistische Fesseln oder Einschränkungen bis zum Exzess hinein in die Zukunft: „Wir experimentierten, was das Zeug hielt und schöpften sämtliche akustische Möglichkeiten aus, die sich uns in den Räumen boten, was teilweise ganz schön skurril war. Wir liefen durch das Gebäude und versuchten alle Geräusche aufzunehmen, die wir hören konnten.“

In Wahrheit ist das alles dann noch viel gravierender und kompromissloser ausgefallen, als die Ankündigungen vermuten lassen – der Erstkontakt mit Eyeland kann schon durchaus einem mittelschweren Schockmoment gleichkommen. (Vor allem wenn man berücksichtigt, dass The Low Anthem eine der wenigen Kapellen da draußen gewesen wären, von denen man eine weitere Platte mit leisetretenden Genre-Perlen durchaus innigst willkommen geheißen hätte).
So aber ist das nominelle Fünftwerk der Band über weite Strecken mehr eine suchende Klang-Installation aus der Perspektive demütiger Flaming Lips oder eines reduziert agierenden Age of AdzSufjan Stevens geworden, das seinen Folk nur noch ganz hinten im irritierend eigenwilligen Mix installiert, verhuschte Sounds und sperrige Effekte über kompositorische Kleinode legt und ganz bewusst auch immer das Bild einer inmitten tiefster Experimental-Psychedelic niedergelassenen Baustelle evoziert. Eyeland ist gezielt in eine Aura des Unfertigen gezirkelt, ist eine verwirrende, oft ziellos ausfransende Platte, damit aber auch ein enorm spannender, innovativer Trip in unbekannte Gefilde. Alleine produktionstechnisch beackern The Low Anthem hier ein Terrain, dass die künstlerische Ambition zur Weiterentwicklung geradezu schmerzhaft über jedwede kommerzielle Vermarktbarkeit stellt – und haben damit unter Wachstumsschmerzen ein vor latenten Kinderkrankheiten, versandenden Geistesblitzen, großartigen Melodiegespenster und eindringlichen Flüchtigkeiten nur so wimmelndes Sammelsurium an erfrischend unkonventionellen Sounds und facettenreichen Skizzen geschaffen, dass tatsächlich wie nichts anderes da draußen klingt. Eine einzigartige, verhuschte Odyssee, der nicht alles gelingt, aber die selbst im Scheitern so viele interessante Optionen aufwirft.

Der Beinahe-Titelsong In Eyeland eröffnet den traumwandelnden Reigen als Ambientscore, imitiert dann ein verhuschtes Schlaflied-Kaleidoskop und schunkelt schließlich über Synthieschichten, die nur im kaum fassbar werdenden Refrain zu erkennbaren Rhythmen greifen und schon mal als ätherische Unterwasser-Gospel-Elegie dösen. Mit diesem lose bleibenden Treiben sind die Segel gesetzt – entgegenkommender werden The Low Anthem nur in der wunderschöne Gitarrenminiatur The Pepsi Moon, das mit leisem Bläsereinsatz und trotz ziseliert-quetschendem Streicherterror unter die Haut geht, dem behutsam auf einen minimalistischen Drumbeat programmierten Behind the Airport Mirror, der zauberhaften Klavierballade Dream Killer oder dem stimmungsvoll wärmenden Tröster In the Air Hockey Fire. Wie unheimlich angenehm diese vertrauten Oasen den Zugänglichkeit in einem gar nicht unbedingt anstrengenden, aber doch auch bemüht avantgardistisch ausgebreiteten Gesamtwerk wirken.
Ansonsten fordern The Low Anthem nämlich immer wieder gnadenlos heraus – sich selbst, Erwartungshaltungen und Hörgewohnheiten. Waved the Neon Seaweed driftet als sphärische Noisewolke in bedrohliche Industrial-Gefilde, Am I the Dream or Am I the Dreamer verzettelt sich irgendwo im weiten Niemandsland aus willkürlich ausgestreuten Freejazz, Batman-Basslauf, retrofuturistischen Vococerstimmen und episch zugedecktem Electro-Wahnsinn. Wzgddrmtnwrdz klingt dann gar anstandslos, wie es heißt: Eine Collage aus Drone-Szenen, rumpelnden Fieldrecordings, und plötzlich pfeift jemand Yellow Submarine in den abgrundtiefen Raum.

Ja, Eyeland neigt dazu phasenweise schlicht zerfahren bis zum Irrsinn sein, auch übermotiviert in seinem Bestreben Grenzen auszuloten und diese verschwimmen zu lassen. Am deutlichsten wird dies in den straightesten Songs – übrigens immer schon die Schwachstelle von The Low Anthem – der Platte: Her Little Cosmos kommt aus der Konserve wie unter einem rauschenden Schleier aus dem Nebenzimmer, darüber zerschnipseln das Quintett einen 50s-Popsong und eine neongrell fiepende Synthie-Miniatur, bevor es die beiden Bruchstücke hirnwütig neu zusammensetzt, während Ozzie schmissigen Lofi-Noisebeachrock ala Wavves mit  feister Trompetenunterstützung  zelebriert. Dennoch ein heterogenes Chaos mit System, verwoben zu einem durchaus homogenen Ganzen.
Dass The Circular Ruins in Euphio regelrecht versöhnlich und leise glimmernd entlässt, ist insofern durchaus schlüssig: Eyeland ist eine imposante Wiedergeburt, die stellenweise abgespacter inszeniert ist, als es den nicht immer zu Ende gedachten Kompositionen an sich gut tut, manch grandiose Idee gar zu zerschossen auf dem Altar der Progressivität opfert – letztendlich aber nicht verschleiern kann, dass im tiefen Inneren der so mutig neu eingekleideten The Low Anthem immer noch diese verletzliche und erhebende Emotionalität schlummert, die die – nunmehr absolut unberechenbar gewordene – Band aus Rhode Island seit jeher auszeichnet.

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