The Sword – Used Future

von am 8. April 2018 in Album

The Sword – Used Future

Es scheint fast so, als wäre The Sword für Used Future grundsätzlich der Sinn danach gestanden, die stilistischen Freiheiten von High Country (und seinem Zwilling Low Country) auf noch ungezwungener schweifende Art außerhalb ihres angestammten Korsetts fortzuführen, bevor man J.D. Cronise und Co. doch noch zu einigen kompromissbereiten Zugeständnissen überzeugen konnte. Schade.

Alleine die Wahl von Tucker Martine (The Decemberists, My Morning Jacket) als zuständigen Produzenten spricht eine deutliche Sprache hinsichtlich des anhaltenden Willens von Cronise, seine Band aus jedweder Komforzone zu treiben, Grenzen zu verschieben und The Sword eben in die anvisierte Used Future zu führen. Unbedingt zwanglos folgt das Quartett allerdings auch diesmal nicht der Muße, stehen nach dem eröffnenden Prelude (ein sich episch gebender Drone, der aus den 70ern in die 80er schielt) doch auch immer wieder die Spurenelemente einiger relativ wertkonservativ ausgerichtete Routinearbeiten im genetischen Code der Platte, die sich halbherzig mühen, das Klientel jener rockigen Stoner-Aushängeschilder zumindest noch ansatzweise an Bord zu holen, denen The Sword zwischen Age of Winters und Apocryphon mit ihrer riffwütigen Energie den Kopf vertreten.
Bevor The Sword ihre Vision eines Future-Southern Rock gerade in der lockereren zweiten Albumhälfte also doch noch etwas deutlicher formuliert in Szene setzen, wirkt die Aufbruchstimmung von Used Future weniger bemüht forciert als noch auf High Country, aber ähnlich gravierend von alte Gewohnheiten gehemmt.

Deadly Nightshade ist abgehakt-catchy daherkommender Boogie-Hardrocker, wie ihn die Texaner seit Warp Riders vor den ZZ Top-Schrein zirkeln, zeigt sich dabei jedoch, symptomatisch für den derzeitigen Modus von The Sword, bei aller unterhaltenden Klasse ein klein wenig zu zurückgelehnt inszeniert: Souverän ist das durchaus, lässt aber jedwede Angriffslust oder den nötigen Biss vermissen. Weswegen die letzten Sekunden der Nummer zudem ein im Nichts verpuffenden Interlude anreißen, ist nur ein weiteres Sinnbild einer gewissen Orientierungslosigkeit.
Auch Book of Thoth hätte an sich all die Grundzutaten, aus denen die Band früher einen geschlossen zupackenden Kicker gemacht hätte. Heute verschwimmen jedoch die Konturen, die Schrauben sitzen locker. Der Song bleibt eher eine vage Andeutung, wird niemals konkret – und ist damit wie vieles auf Used Future grundsätzlich faszinierend anziehend, aber letztendlich auch unbefriedigend.
Deutlich besser macht insofern Twilight Sunrise seine Sache aus einer ähnlichen Ausgangslage. Das Quartett schüttelt hier schon mehr lässige Coolness aus dem Handgelenk, die Komposition wirkt unangestrengter, lässt The Sword befreit aufgehen. Zwischen diesen Polen entwickelt die Reise in weiterer Folge so zu einem Stückwerk-Blindflug zwischen starken Szenen und gefälligem Leerlauf.

Das psychedelisches Rhythmusgerüst von The Wild Sky platzt etwa vom vielversprechend schimmernden Krautrock in den Sludge auf und verharrt dort als zielloses Instrumental – The Sword reihen hier eher Jam-Ideen unter einem kohärenten Sound aneinander, als einen tatsächlichen Song zu schreiben. Auch das spacerockige Zwischenspiel Intermezzo bleibt als stoische Secret Machines-Referenz ein notdürftig verschweißtes Sammelsurium. Bereits zu diesem Zeitpunkt der Platte ist deswegen auch klar, dass das strukturell zerfahrene Used Future unausgegoren zwischen den Stühlen zu sitzen pflegt, im Hintergrund am besten aufgeht.
Don’t Get Too Comfortable gibt danach den nonchalanten All-Relaxer, recycelt die Aufbereitungen von Icky Thump und gibt sich dabei so entspannt, bis die Füße einzuschlafen drohen. „Don’t get to comfortable, you might not be there to long“ singt Cronise, doch seine Band plätschert einfach zu wenig zwingend. Wenn sie sich allerdings etwas später in den Jam legt, macht die Sache mehr Spaß und wacht aus der Beliebigkeit auf – aber hier sind eben nur einzelne Phasen wirklich überzeugend. Der ohne Eier plätschernde Titeltrack empfiehlt sich deswegen auch für den Beifahrersitz auf einem endlosen Highway samt Tempolimit, der zumindest für seinen Refrain einen Arschritt durch die Wüste gebrauchen könnte, bevor Reprise den Faden des Intros noch einmal stimmig aufnimmt, um den losen Spannungsbogen ganzheitlicher zusammenzufügen. Doch bleibt der Closer nicht nur im Kontext des Gefüges eine keineswegs essentielle Gest, sondern eher stimmungsvoller Appendix.

Einige Szenen der Platte verdeutlichen jedoch auch weniger eingeschränkt das vielversprechende Potential der Wandlung, an deren Abschluss The Sword noch nicht gänzlich angekommen sind. Nocturne transportiert als dystopisches Synth-80er-Intermezzo mit Pianomelodie beispielsweise ganz wunderbar die Schwere und Sehnsucht von Blade Runner sowie Terminator und räumt der Band vor allem eine Nische frei, die sich zwischen dem Vintage-Rock von Black Mountain und dem Western-Postrock von Grails ausbreiten können: Eine atmosphärische Skizze im Spannungsfeld aus Retrofuturismus, Ambient und Score – darauf lässt sich aufbauen!
Sea of Green lüftet den verspielten Fluss hingegen als hoffnungsvoller Optimismus durch, bekommt den Spagat zwischen Fleisch und Fisch kohärenter zu Stande. Country und Southern Rock definieren die legere Gitarrenarbeit leichtgängig, der Synthbass rückt die Band endgültig aus der Metal-Ecke, und obwohl hinten raus breitbeiniger Druck gemacht wird, steht am Ende eine hippiesken Harmonieseligkeit samt Chören. Anderswo wäre ein solcher Song das verdiente Finale einer Platte – hier hat er sich ohne erkennbaren Climax in die Mitte einer immer wieder mit einem opulenten Schlusspunkt liebäugelnden Dynamik verirrt. Das altmodische Dösen Come and Gone wiederum weckt Erinnerung an verschwommene Eindrücke von Pink Floyd, friedlich und mit sanft erhebenden Blick in den interstellaren Raum. Zum ersten Mal verpassen The Sword hier übrigens die wohl ideale Verabschiedung der Platte; zum zweiten Mal dann in Brown Mountain, dass die räumlicheren Freiheiten und Einflüsse zuvor noch einmal lose zusammenfasst.

Derartige Momente beweisen dann auch, dass es letztendlich weniger die stilistische Verschiebung ist, die der Qualität des aktuellen Outputs von The Sword zu schaffen macht: Die Band klingt auf dem (wenn auch aus falschen Beweggründen heraus) ideal betitelten Used Future sogar deutlich eher im Reinen mit sich und auch näher dran an ihrem neuen Selbst als noch vor drei Jahren. Was auf High Country schließlich noch Brechstange war, fühlt sich nunmehr nach organischer Entwicklung an.
Doch den im Ansatz gelungenen Entwicklungsschritt im Auftreten kann das allgemeine Songwriting eben nicht gänzlich standhalten, weswegen genretechnische Wachstumsschmerzen (die spätestens nach Gods of the Earth vorhanden waren, früher jedoch mit einer erschlagenden Energie und niederschmetternd walzenden Dichte den Fokus im Griff hatten) zusätzlich gravierender als bisher betont werden. Used Future wirkt deswegen auch wie die nicht die letzten Meter gehende Verpuppung vor dem Schlüpfen im formvollendet neuen Outfit. Die 44 Minuten kommen nur lauwarm agierend nie vollends auf Betriebstemperatur; haben Vergangenheit und Zukunft aussichtsreich verschlungen, verdauen diese Ansätze nun aber nicht auf den Punkt findend mit einigem Leerlauf.
(Es scheint mehr denn je an, als hätte die Band sich vollständig und schlichtweg radikaler von den Strukturen ihres ursprünglichen Wesens lösen müssen. Eventuell wäre es insofern effizienter gewesen, einen ganzheitlich zusammenhängenden Konzeptstrom zu erzeugen, Songstrukturen und Trackliste aufzulösen, den vollwertigen Cut zu ihren Anfangstagen vollziehen und noch unvoreingenommnener an ihre Ambitionen herangehen. Sonst laufen J.D. Chronise und Co. wohl bald Gefahr, an ihren – Ambitionen – nicht nur zu straucheln, sondern an ihnen als Band zu scheitern). So oder so: Used Future ist mutmaßlich die Übergangsplatte, mit der sich The Sword endgültig freispielen, bevor sie in neuer Form und hiermit anvisierter Zielstrebigkeit eventuell zu ungekannter Stärke auflaufen könnten.

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