Thurston Moore – Rock n Roll Consciousness

von am 12. April 2017 in Reviews

Thurston Moore – Rock n Roll Consciousness

Stilistisch näher ran an eine Fortsetzung der Geschichte von Sonic Youth wird man in diesem Leben wohl nicht mehr kommen, als mit dem fünften Soloalben von Thurston Moore. Klingt gut? Ist es! Rock n Roll Consciousness zeigt allerdings auch, warum das trotzdem nicht zwangsläufig genug sein muss.

Rock n Roll Consciousness nimmt sich abseits von Chelsea Light Moving nach seinen vier direkten – überwiegend an akustischer Zurückhaltung und Intimitäten interessierten – Vorgängern nun sogar überdeutlich der Bürde von Moores legendärer ehemaliger Band an: Kurz vor seinem 59. Geburtstag artikuliert der Wahl-Londoner unter Mithilfe von Produzent Paul Epworth fünf teils überlange Songs, die über knapp 44 Minuten mit unverkennbar ikonischer Handschrift in weitläufige Jamsession ausarten und sich entlang einer fabelhaft vitalen, instrumental vielschichtig texturierten Performance ungefähr  in der Nähe der frühen 2000er-Platten von Sonic Youth treiben lassen.

Moore hat einen damit praktisch ansatzlos am Haken: Rock n Roll Consciousness ist eine sofort willkommen heißende Platte, die über vertraute Ingredienzen mit einer rostfreien Nostalgie hantiert, in den Details aber doch einige neue Ansätze erkennen lässt, ohne den Kontrast dafür  sonderlich hochzuschrauben. Etwa, wenn Exalted fast schon eine doomige Blues-Schwere destiliert, Cusp mittels der militärischen Strenge von Langzeitkumpel Steve Shelley und der drückenden Bass-Präsenz von Debbie Googe (My Bloody Valentine, Primal Scream) ordentlich an der Dynamik-Kurbel anzieht, Turn On immer wieder zu einer eingängigen Melodie zurückfindet, das repetitive Smoke of Dreams mit Hardrock-Versatzstücken flirtet oder Aphrodite zumindest ansatzweise ein wenig Exzess, Unberechenbarkeit und tja, eben den  Rock’n Roll-Spirit per se forciert – paradoxerweise schließlich eine Ausnahme im Kontext.

Immerhin speist sich Rock n Roll Consciousness vor allem aus zwanglos (jedoch nichtsdestotrotz akribisch) gewobenen Szenen. Eine legere Nonchalance, in der Moore und seine Band immer wieder auch zu ziellos durch eine Nabelschau mäandern, die es sich phasenweise doch zu bequem in ihrer Selbstreferentialität macht und phasenweise „nur“ souverän dahinschrammelt. Eine Fingerübung für Moore quasi.
Wo man anhand der mangelnden Ankerpunkte im Songwriting deswegen jedoch auch förmlich zu spüren meint, dass der kompositorische Input von Ranaldo und Gordon den hippiesk freigeistigen Nummern ein wenig zur nötigen Konsequenz und Nachdrücklichkeit fehlt, scheitert Rock n Roll Consciousness im Umkehrschluss bis zu einem gewissen Grad leider auch zusätzlich daran, in transzentental-medidative Gefilde – also ins Unterbewusstsein – zu hypnotisieren.
Das macht die Platte zu einem rundum gelungenen, bisweilen sogar absolut tollen Soloalbum Moores, dem man die soundtechnische Vorhersehbarkeit und die gesanglichen Konventionalitäten nur zu gerne als Vorzüge auslegt – aber assoziativ eben auch zu einem relativ schwachen Sonic Youth-Nachhall. In dieser undankbaren Position nimmt man als Fan freilich, was man bekommen kann. Das zurückbleibende unzufrieden-egale Gefühl hat Rock n Roll Consciousness jedoch eigentlich absolut nicht verdient. Spätestens etwaige folgende Live-Termine sollten es mühelos revidieren.

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