Tobias Jesso Jr. – Goon

von am 16. März 2015 in Album

Tobias Jesso Jr. – Goon

Der 29 jährige Kanadier Tobias Jesso Jr. besitzt nicht nur ein sentimentales Herz und das zurückgelassene Klavier seiner Schwester, sondern mutmaßlich auch die gesamte Solo-Discografie von John Lennon.

Justament wenn man erahnt, dass diese Zutaten alleine – sowie die immanente Liebe zu rührenden, zeitlosen Melodien der Marke Randy Newman oder Harry Nilsson, sowie die federleichte 60s/70s-Produktion der Betreuer-Armada Patrick Carney (The Black Keys), John Collins (The New Pornographers), Ariel Rechtshaid und dem ersten Förderer (respektive Ex-Girls-Bassist) JR White – kaum genügen, um im Jahr 2015 aufgewärmt über die volle Distanz bedingungslos zu fesseln und das  komplette Album tragen zu können, variiert Pianomann Jesso Jr. die Zutaten seines Debütalbums spätestens mit The Wait insofern, als dass er das Szenario kurzerhand mit sanft gezupfter Akustikgitarre weiter hin Richtung Folk verschiebt.

Auch das abschließende Tell the Truth orientiert sich an Nick Drake, Tim Buckley und Paul McCartney, während das von der Haim-Schwester Danielle gespielte Drumset schon zuvor in Without You gemächlich dahinläuft. Es ist, wie sich nach und nach aufklärt, aber ohnedies keine Frage der instrumentalen Inszenierung, sondern des gelegentlich etwas eindimensional wirkenden Songwritings, dass verletzlich und intim klingt, aber nur selten abseits einer ganz zauberhaften Berieselungsmagie auch wirklich packend ergreift. Den Hang zu Kitsch und Harmlosigkeit darf der Wuschelköpfige Posterboy zudem gerne ablegen.
Vor allem im Mittelteil gelingt Goon der Balanceakt am Rande der betörenden Gleichförmigkeit allerdings äußerst vorteilhaft, voll schwermütiger Schönheit und leichtgängigem Wohlklang. Jesso Jr. geht am effizientesten mit seinen sorgsam in Szene gesetzten Ressourcen um, hat seine Lektionen anhand zahlreicher Déjà-vu-Begegnungen stets verinnerlicht. Der smoothe Sound, das elegante Gefühl für Zurückhaltung, die souligen Backingchöre, der Beckeneinsatz und die unaufdringlichen Harmonien, die aufmunternden Streicherahnungen: Lennon’s Geist schwebt hier über jedem perlenden Akkord – Songs wie Just a Dream sind praktisch Verneigungen in Reinform! -, während Can We Still Be Friends ganz ungeniert Todd Rundgren den unsterblichen Cheers-Titelsong zitieren lässt.

Überhaupt ist Goon eine Platte, deren Gedanken generell in der Vergangenheit hängen. Geboren aus der leidvollen Erfahrung des missglückten Karrieredurchbruchs (Jesso Jr. zog nach L.A., dort bricht man ihm das Herz und die Träume, später bei einem Autounfall auch beinahe die Knochen, während die Mutter zuhause an Krebs erkrankt) und der schmachvollen Heimkehr ins elterliche Haus nach Vancouver, arbeitet der 29 Jährige hier 47 seelenbalsamierende Minuten mit viel Melancholie die harten Lehrjahre auf. Singt Zeilen wie „There is no future/I want to see without you“ und schafft damit ein bisweilen berührend plätscherndes Debüt, das anhand wunderbarer Liebesballaden wie Can’t Stop Thinking About You gebrochene Herzen mit viel Einfühlvermögen tröstet und selbst dann auf universeller Ebene funktioniert, wenn die ferne Traumfabrik in Hollywood zur nostalgischen Metapher wird, die von in einer jazzigen Blechbläserfantasie zu Grabe getragen wird.
Tobias Jesse Jr. hat Talent, das zeigt jede Sekunde dieses unheimlich angenehm zu konsumierenden Einstands, welcher sich trotz aller vor sich her getragener Retrohaftigkeit vor allem als Versprechen an die Zukunft erweisen sollte. Spätestens dann darf allerdings auch die genrelle Ausrichtung des Kanadiers ein paar unerwartete Asse im Ärmel haben und sich gerne weiter von seinen Vorbildern lösen, um einen individuelleren Zugang zu seinen Gefühlen zu artikulieren.

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