Turbonegro – Rocknroll Machine

von am 5. Februar 2018 in Album

Turbonegro – Rocknroll Machine

Annähernd 6 Jahre nach dem rundum soliden (aber an dieser Stelle definitiv zu hoch bewerteten, mittlerweile dann wohl auch längst in der kollektiven Vergessenheit verschwundenen) Neubeginn Sexual Harassment haben Turbonegro durchaus ein soundästhetisches Gimmick gefunden, um ihrem pflichtbewussten Deathpunk neue Impulse zu geben. Das kaschiert dann auch ziemlich ansatzlos den dahinter stattfindenden altersbedingten Abfall an zwingender Energie.

Für Studioalbum Nummer zehn unterziehen die norwegischen Asseln unter tatkräftigem Mitwirken des absolut prägenden Neo-Keyboarders Crown Prince Haakon-Marius ihren Sound einer inszenatorischen Frischzellenkur, die den trashigen Charakter von Turbonegro durchaus adäquat ausleuchtet: Einerseits wandern die Kompositionen noch weiter hin zum Hardrock und Glam, andererseits kleistern Happy Tom, Euroboy und Co. ihre Arschraketensause nunmehr aber auch mit retrofuturistischen Synthieflächen zu, die in ihrer gallig-funkelnden Vintage-Neongrelle so schonungslos klingen, wie das aktuell nicht einmal mehr John Carpenter tut. Im großartig schmierigen Highlight John Carpenter Powder Ballad, das sich am epischen Kitsch von Whitesnake oder Journey zu bedienen versucht, erfährt die Stilikone letzendlich nichtsdestotrotz auch ihren verdienten Tribut bis hin zum notgeilen Solo.
Spätestens nach zwei Bier und dem Laustärkevolumen im Anschlag rechtfertigen übrigens im Grunde alleine diese viereinhalb Minuten die neuerliche Rückkehr von Turbonegro, doch generell ist der schwülle Keyboardschwall ein endgültig überzeichnet-glitzernder Anstrich, der in Zeiten von Stranger Things oder dem IT-Remake sicher auch markwirtschaftlichen Trends folgend klug kalkuliert gesetzt ist, Rocknroll Machine aber vor allem tatsächlich überraschend gut steht und zudem gleich eingangs für einen zusätzlichen Shub an Ambition sorgt.

Die eröffnende dreiteilige Suite The Rock and Roll Machine ist frelich weitaus weniger progressiv, als dass Turbonegro bereits hier die Spannweite ihres Bewegungsradius stringent abgrasen: Chrome Ozone Creation lässt seine Synthies theatralisch als demonstrativ-hymnisches Intro braten, bevor Well Hello zeigt, dass letztendlich alles halb so wild ist. Da stampfen Turbonegro gewohnt flott rockend nach vorne und holen langgediente Turbojugend-Mitglieder unmittelbar ab, kurbeln simpel mit klimpernder Pianobar dahinter – Apocalypse Dudes ist eben auch schon wieder 20 jahre her,. Der Spaß an der Sache ist in gedämpfterem Ausmaß aber immer noch vorhanden, zumal sich Nüchternheit und Turbonegro ohnedies noch nie sonderlich gut vertragen haben.
Der Quasi-Titeltrack RockNRoll Machine drosselt danach dennoch bereits das Tempo, lehnt sich zurück und erfüllt seine Pflicht mit lahmen Oi-Rufen, abgestandenen Bikerclub-Riffs und Vocal-Effekten von der Tron-Müllhalde. Und führt erstmals vor, dass Tony Sylvester der große Verlierer der Platte ist.

Wo Hank von Helvetes Nachfolger auf Sexual Harassment noch überzeugen konnte, klingt der Mann am Mikro auf Rocknroll Machine jedoch erschreckend dünn und kaum hühnenhaft drangsalierend, verpasst den Songs keinerlei Schub oder gewaltige Leidenschaft, sondern klingt in den schwächeren Fällen sogar regelrecht ermüdend auftretend. Dann darf sich ein AC/DC‚eskes  Fist City noch so einen geilen Titel gönnen und mit seinem mauen Classic Rock-Standard im Windschatten von besseren Konsorten wie The Darkness oder Hobosexual auf der relaxten Überholspur des Highway cruisend austoben – der Funke will einfach nicht restlos zündend überspringen, mitreißen oder packen. Der angedeutete Exzess bleibt ein geschminktes Lippenbekentnis.
Zumal in diesen Momenten auch am deutlichsten wird, dass es sich Turbonegro ohne den nötigen inszenatorischen Druck, eine gewisse beißende Schärfe im Auftreten (wie zahm und unterdrückt sind mittlerweile alleine die Gitarren bitte?) und der unterschwelligen Angriffslust im Vortrag ganz allgemein schlichtweg ein wenig zu bequem hinter den neuen Arrangements gemacht haben und das theoretisch freigelgte Potential der Kurskorrektur so stellenweise einer generischen Kraftlosigkeit opfert, die Rocknroll Machine unter Wert zu verkaufen droht. Punkte, über die man vor allem als Fan (sowie einer Affinität für die von Turbonegro hier – parodierten? – Epoche) jedoch durchaus wohlwollend hinwegsehen kann.

Schließlich steht das getriebene Hurry Up & Die durchaus ordentlich im Saft, deutet (das natürlich wenig intelektuelle) Hot for Nietzsche dramatisch-oppulente Powerballaden-Wucht in The Who-Tradition an oder tanzt On the Rag ohne die frühere Turbonegro’sche Gefährlichkeit sowie einem Bruchteil der verruchten Energie eines Danko Jonesgeschenkt. Da suhlt sich der lockere Singalong Skinhead Rock & Roll gekonnt im Schweiß von Van Halens Jump, Kiss‘ Black Diamond sowie dem Erbe von Survivor und Europe vor einem spacigen Tastenhagel, bevor der kurzweilige Reigen Rocknroll Machine ohne relevanten Ausfall über das routinierte, aber wenig interesannte Special Education gekonnt nach Hause gespielt wird.
Hinter dem Augenkrebs-Artwork lauert somit ein durchaus über den Erwartungen liegendes neues Kapitel im Turbonegro-Kosmos, das sein (nüchtern betrachtet) 0815-Songwriting mit viel Chuzpe aufpeppt. Entlang seiner zielsicher über die Stränge schlagenden Nostalgie-Kante mag diese verschmitzte (Selbst)Zitatesammlung hinter der unmittelbaren Eingängigkeit ihrer gefälligen Melodien zwar genau genommen wenig wirklich nachhaltiges abwerfen und, bevor es womöglich ähnlich schnell in der Versenkung verschwinden wie Sexual Harassment, aber durch einen individuelleren Charakter bis dahin wohl deutlich besser unterhalten als sein Vorgänger.

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