Turbonegro – Sexual Harassment

von am 26. Juni 2012 in Album

Turbonegro – Sexual Harassment

Gut, wenn eine Band einen Ersatzsänger gefunden hat, der dem abhanden gekommenen das Wasser reichen kann, ohne den Klon zu machen. Noch besser, wenn das verloren geglaubte Energien mit sich bringt. Trotzdem irgendwie ärgerlich, dass Turbonegro es bei ihrem zweiten Comaback nicht in letzter Konsequenz verstehen, daraus nahtlos mitreißende Songs zu provozieren.

Schon klar, man kann die Marke Turbonegro nicht einfach sterben lassen, bei all den bierdurstigen Kneipenbesuchern, Arschfackelfans und Jeansjackenträgern. Konnte man schon nach der Jahrtausendwende nicht, kann man auch nach dem Ausstieg des drogenkrisengeschüttelten Aushängeschild Hank von Helvete nicht. Freilich sind die Erwartungshaltungen 2012 nun ganz andere, leichter zu erfüllende, als jene, die man noch vor zehn Jahren nach dem überragenden ‚Ass Cobra‚ und dem unsterblichen Trilogieauftackt ‚Apocalypse Dudes‚ in die Rückkehr der Norweger gesteckt hatte. Inzwischen wurden eben ‚Scandinavian Leather‚, ‚Party Animals‚ und ‚Retox‚ vom Stapel gelassen, drei sich auf der Abwärtsspirale kontinuierlich nach unten bewegende Aufgüsse altbekannter Zutaten, die jedoch niemals den Spielwitz und Inspiration der 90er aufgreifen konnte, zuletzt gar lustlos und ermüdend am eigenen Denkmal kratzten. Zwanzig Jahre nach dem ersten Album bzw. ein unwürdiges Jahrzehnt nach der Reunion hätte man damit dann auch nicht mehr unbedingt damit gerechnet: für die um Happy Tom und Euroboy wieder einmal runderneuerte Truppe zeigt die Formkurve erstmals wieder deutlcih nach oben.

Mitverantworlich für die wieder gestiegene Qualität im Songwriting sicherlich der Mann am Mikro: Als neue Frontplautze Tony Sylvester nimmt als ehemalige Dukes of Nothing Sänger den Platz des zu Doctor Midnight and The Mercy Cult abgewanderten Hank  wie selbstverständlich ein. Dass Sylvester seine Stimme in Lemmy Kilmisters Reibeisenschule an unzähligen Whiskeys kehlig gegrölt hat, rückt die Band darüber hinaus aus dem kokketierenden Licht der neonreklamenbeleuchteten Homoerotik, weiter hinein zu Bikerclubs, Bierzelten und Punkern, denen Fucked Up selbst auf ‚Davids Town‚ noch zu kompliziert waren. Weil Turbonegro die Sache zwischen Ramones und New York Dolls, den Hellacopters und Backyard Babies, Kiss und T. Rex immer noch unkompliziert als simpel gestrickten Haudraufrock inszenieren, wieder direkter und zügiger, die Betonung im Glam-Punk auf dem ersten Wort, wo die dem nächsten Gniedelsolo entgegensprintende Gitarre von Beginn an vor Geilheit geifert und der Rest längst in Nietenjacken Party macht. Das geht in ‚Hello Darkness‚ bis an die Grenzen der peinlichen Stimmungsmache und vergewaltigt im Tiefpunkt ‚Shake Your Shit Machine‚ Cowbells zu ermüdenden Wiederholungen und Altherrenrefrain vor Stooges-Klaviervirtosität und macht so schon von Beginn an klar: Vollkommen die Kurve gekriegt haben Turbonegro auch diesmal nicht.

Dafür finden sich wieder zu viele Momente auf ‚Sexual Harassment‚, die für sich genommen bestenfalls solide rocken und zu gemütlich im Schatten der Vergangenheit vegetieren, mehr nach Pflichterfüllung denn neuentfachtem Feuer klingen. In ihrer Häufigkeit allerdings eben in keiner Realation zu den letzten beiden Platten, die kurzweiligen 32 Minuten der Platte zwingender als alles, was die Band im ersten Jahrzehnt des Jahrtausends auf die Beine gestellt hat: Da lauern etwa künftige Festivalgranaten wie das Badass-Ozzy Tribute ‚Dude Without a Face‚, der Deathpunk Bastard ‚I Got a Knife‚ oder der die Matte schüttelnde Killer ‚Buried Alive: Hooks und Melodien schwitzen Turbonegro jedenfalls zur Genüge aus,  auf einer Platte aus, die mit jedem zunehmenden Promilegrad wächst, außerhalb des roten Lautstärkepegelbereichs aber nicht überleben kann. Dass Sylvester textlich dabei auf die seit jeher die Wahrnehmung der Band prägende Grundmotive zurückgreift ohne eigene Aspekte einbringen zu können/wollen/dürfen, ist bei der Marke Turbonegro eigentlich schon Ehrensache. Der frische Wind, der dennoch unverkennbar durch ‚Sexuall Harassment‚ weht, tut den Norwegern hörbar gut, selbst wenn dieser nicht alle abgestandenen Dämpfe verwehen kann. Das ist mitreißend und unterhaltsam, eigentlich natürlich stupide und rockt wieder mehr als nur grundsolide. Wenn ‚Give Me Worms‚ aus dem Album stampft, hinterlässt das nämlichmit der Zuversicht, dass diese  Turbonegro zu mehr fähig sind, als sich an Erwartungshaltungen anzbiedern und ein Standartprogramm runterzuspulen: in der Konstellation geht noch einiges. Und in Wahrheit kann man die Marke Turbonegro allein deswegen schon nicht sterben lassen – weil niemand sonst dem Death Punk derart lasziv in den Hintern treten kann, wie Turbonegro das in ihren besten Momenten (endlich wieder) könn(t)en.

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