Venenum – Trance of Death

von am 1. April 2017 in Album, Heavy Rotation

Venenum – Trance of Death

Der Name ist hier Programm: Venenum haben in den knapp sechs Jahren seit ihrer selbstbetitelten EP mit Trance of Death ein Debütalbum heraufbeschworen, das die Grenzen des Death Metal mindestens bis ins psychedelische Jam-Delirium ausbreitet. 

Auch, weil die knapp 50 Minuten des daraus entstehenden Mahlstroms grundsätzlich ein klein wenig aus der roheren, ungeschliffeneren Gangart von Venenum gewachsen sind, lässt sich der im vergangenen halben Jahrzehnt zurückgelegte Weg der Deutschen entlang der Entwicklung des Mikrokosmos The Trance of Death nachvollziehen: Was sich nach dem melancholischen, ruhig und gedankenvoll ausgebreiteten, rein auf Klavier und Cello ausgebreiteten Intro Entrance in der ersten Albumhäfte noch klar an Gründervätern wie Watain geschult in die Spur wirft, mutiert nach und nach zu einem progressiven Husarenritt, der im Assimilieren seiner Referenzen keinen Unterschied mehr zwischen den Einflüssen gemäßigterer Tribulation, Uriah Heep oder vor allem Necrovation zu machen scheint
Soll heißen: Venenum stellen sich als (in den seltenen weniger furiosen Momenten überdurchschnittlich solide, abseits davon aber beinahe grundsätzlich bärenstark an der Speerspitze arbeitende) Death Metal-Kombo mit durchaus vorhandenen Traditionsbewusstsein und viel Gespür für Atmosphäre vor. Über zwingende Killerriffs, beschwörende Growls, okkulte Färbungen und gefinkeltes Geplänkel packten sie mit einem gleichzeitig enorm dynamischen wie melodischen Songwriting, das trotz seiner zahlreichen Wendungen und ambitionierten Ausführlichkeiten stets griffig und kompakt auf den Punkt kommt. Doch machen Venenum auch mit jeder fortschreitenden Minute klar, dass sie weit mehr sind, wenn Trance of Death im ansatzlosen Fluss als fantastisches Amalgam zahlreicher Ingredienzen funktioniert, Experimente wagt und den Horizont der Platte kontinuierlich erweitert.

Zu Beginn des Albums spannen Venenum also gewissermaßen einen Bogen, holen erst einmal kompromisslos an Bord, rühren eine brutale Schlachtplatte für die Hörer-Palette vom Oldschool-Puristen bis zum revitalisierenden Genre-Impulsgeber an: Merging Nebular Drapes zieht mit einer hämmernden Stringenz an, die schwindelerregenden Gitarren greifen immer wieder durch das bedeckende Wolkenmeer. Der Song wird unerbittlich nach vorne gepeitscht, galoppiert knackig und ausgefeilt, nimmt sich in seiner kompakten Art Freiheiten und verweist mit seinem mystisch klimpernden Finale zurück um Intro. Venenum sind eben eine Band, die stets das große Ganze stets im Auge behält, die aber deswegen selbst im relativ konventionellen Part der Platte keine Limitierungen kennt. In The Nature of the Ground forcieren Venenum also gepflegt das halluzinogene Chaos, während der unberechenbare Leviathan Cold Threat das permanent shiftende Tempo erst ein wenig doomiger drosselt, danach mit wendiger und variabler Black Metal-Attitüde antreibt und spätestens bei seinem Solo trotzdem schon regelrecht Richtung Thrash zu heulen zu scheint, ohne dafür die Kohärenz und Homogenität von Trance of Death tatsächlich lockern zu müssen.
Venenum rühren ihr Konglomerat also bereits hier unheimlich dicht, spannend und mit einer inneren Getriebenheit an – ihre Meisterleistung sparen sich Venenum dennoch bis zur finalen dreiteilten titelspendenden Symphonie auf.

Trance of Death – Part I: Reflections eröffnet diese noch vergleichsweise erprobt, holt sich mit einer mühelos aufgebracht scheinenden Energie die Früchte von den Bäumen, nur um alsbald zu frickeln, die Dinge differenzierter aufzudröseln, die Texturen umzuschichten und immer deutlicher die Psychedelik in seiner Grundsubstanz auszuprägen. Phasenweise klingt das bereits ähnlich scheuklappenbefreit wie der 2016er Grenzgang von Oransi Pazuzu, bis Venenum über eine episch aufmachende Breite mitten in ihr ureigenes Hohheitsgebiet voller unverbindlicher Assoziationen schweben.
Trance of Death – Part II: Metanoia Journey inhaliert mit einer formvollendeten inneren Ruhe die jammende Progrock-Freiheitsliebe von Hawkwind bis Pink Floyd, lässt die Gitarren miteinander kommunizieren und tänzeln, schmiegt sich wie Opeth in den besten Tagen in ein orgelschwer souligen Retrocharme, der nicht zerstört oder bedroht, sondern meditativ forscht. Die Augen sind geschlossen, die Band driftet in einen sich selbstverständlichen Klangraum, der ohne Schwülstigkeiten bei der Stange hält – das darf live gerne noch ergiebiger erkundet werden, weil Venenum sich offenbar nicht in den Möglichkeiten verlieren zu können scheinen.
In seinen finalen 13 Minuten findet Trance of Death – Part III: There Are Other Worlds… folgerichtig in stets mutierenden Ansätzen Stück für Stück zur restlichen Trance of Death zurück und destilliert damit die Schnittstelle, in der Venenum in ihrem erfrischend und hungrig aufbereiteten Eklektizismus ihre ureigene Magie gefunden haben. Dieses (in seiner mutig Grenzen verlegenden Detailverliebtheit niemals wie ein Debüt klingendes) Erstlingswerk forciert dabei gleichermaßen eine reichhaltige Schönheit wie eine unerbittliche Finsternis, fordert und zieht doch wie auf Schienen in seinen Bann, ist in seiner ersten Hälfte mindestens ein rundum überzeugendes Geschenk an den Death Metal und in der zweiten sogar ein darüber thronender Triumph. Ob Venenum mit diesem Kraftakt aus dem Stand heraus bereits am Limit ihrer Leistungsfähigkeit angekommen sind – zweifelhaft.
Sicherer scheint hingegen, dass, selbst wenn hiernach abermals 6 Jahre Wartezeit auf ein neues Studioalbum angesagt sein sollten, Trance of Death bis dahin mit all der Fülle an unermüdlich infizierenden Ideen und konstanten Effektivitäten weiterhin ansatzlos in seinem Bann behalten wird.

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