Viet Cong – Viet Cong

von am 12. Januar 2015 in Album

Viet Cong – Viet Cong

Matt Flegel und Mike Wallace haben nach dem skurrilen – zumindest vermeintlichen – Stagefight-Ende von Women ihre Vorliebe für schwer zu googelnde Bandnamen behalten, ihren sich stets auf den Sommer vorbereitenden Popappeal aber hin zum Wave Interpol’scher Prägung in die Dunkelheit kühler Wintermonate verlegt. Das war bereits auf der ursprünglich 2013 vorausgeschickten ‚Cassette‚-EP eigenwillig genug, um nach einer eigenen Schublade zu verlangen: „labyrinthine post-punk„.

Seitdem haben Viet Cong allerdings noch einmal gründlich an ihrem Sound geschraubt und den Abnabelungsprozess von der gefühlten Vorgängerband weiter vorangetrieben, indem sie die Grundausrichtung in deutlich finsterere, ungemütlichere, weniger poppige Pfade verlegt haben, wo die Synthies nicht mehr nach Captain Future klingen, den Bassläufen aber mehr Leitsymbolwirkung gegönnt und die schrammelnden Gitarren weg von der zappelnden Freundlichkeit von Real Estate hin zur bissigen, ungemütlichen Ästhetik von Interpol dirigiert wurde.
Wo der Drang von Daniel Kessler und Konsorten auf dem letztjährigen ‚El Pintor‚ allerdings immanent war, die Vorzüge der Band am Silbertablett aufzutrumpfen, gehen Viet Cong den deutlich umständlicheren Weg. Die Kanadier geben sich nur zu gerne sperrig, verquer und ohne Intention, die Dinge allzu einfach zu halten, brauen ein ungemein dichtes Klanggewächs mit rauschhafter Ausstrahlung: die eigene Fährte wird da mit einer Verweigerungshaltung an der Konsumfertigkeit torpediert, die Sogwirkung der Atmosphäre vor die Unmittelbarkeit gezerrt.

Als Closer – ‚Death‚, ausgerechnet – dient deswegen ein jammender, krautiger Spacerockbrocken, der sich über elf Minuten jeden Raum nimmt um auszufransen und sich wieder zusammenzuziehen, ausblutet und neu durchstartet, die Melodien wie zufällig vorbeischiebt und vor allem daran interessiert ist den Groove zu atmen – eine Kostprobe davon, wie exzessiv das alles wohl im Livegewand erst sein muss. ‚Newspaper Spoon‚ eröffnet dagegen am anderen Ende der Platte mit einer abgedämpft hämmernden Distortion-Percussion: man wähnt sich mitten drinnen im Enemies List Jahr 2015. Ein beschwörender Chant-Gesang legt sich da über das pulsierende Geschehen, die Gitarren spalten fies psychedelisch den Noise, als würde Goat deren fiebertraumartiger Halluzinogentanz zu Kopf steigen, bevor eine Orgel im Hintergrund zu schimmern beginnt, sich vordrängt, das Geschehen nach und nach ausbremst, beruhigt, auf die beunruhigend sphärische Art.
Die aufgebaute Spannung löst sich erst in ‚Pointless Experience‚, wo ein nervös schnippelndes, dumpf grummelndes Rhythmusgerüst sich um eine gar nicht so uneingängige Melodie (aber faszinierend umständlich durch zahlreiche Soundschichten) schlängelt, als wäre das erste Spinto Band-Album von Panda Bears analogem, fiesem Zwillingsbruder geremixt worden. Das mit der Eingängigkeit haben Viet Cong also durchaus drauf, wie zum Trotz stemmen sie sich aber immer wieder dagegen.

March of Process‚ köchelt als Knackpunkt der Platte danach nämlich erst unterkühlt als Ambient-Industrial zum fahlen Gothic-Wave hin; nach knapp 3 Minuten Trance lösen Viet Cong das Szenario ungefähr dort auf, wo das Animal Collective die Upper gegen schillernde Downer und ein Hackbrett eingetauscht hat, bevor der Song in seinen Ausläufern ohnedies noch zur zackig zappelnden Postpunk-Indierock-Hatz mit hyperaktiv arbeitenden Gitarrenzahnrädern auf den Dancefloor zieht und die Dämme auf ‚Viet Cong‚ ein bisschen brechen lässt, weil die Band danach den Dienst am Song vor den Drang zur Eigenwilligkeit stellt – was dem Quartett, vor allem aber dem doch etwas zerfahren durcheinandergewürfelten Albumfluss durchaus gut tut, indem es den vorerst noch etwas zu vage bleibenden Fokus schärft.
Das kratzige ‚Bunker Buster‚ ist so in weiterer Folge die auf dissonant gebürstete Aufarbeitung des Interpol’schen Backkatalogs, wie ihn Ought wohl bevorzugen würden (die große Geste taucht immer wieder in Spuckweite auf, wird aber letztendlich nicht konsequent drangsaliert, sondern lieber mit kakophonischen Tendenzen attackiert) und das unter der Patenschaft von Spencer Krug stehende ‚Continental Shelf‚ klingt in etwa so, als hätten sich Wolf Parade auf ‚Apologies to the Queen Mary‚ nicht zwischen Arcade Fire und Modest Mouse gesetzt, sondern zornig stampfend zwischen Paul Banks und Joy Division ihre Stacheln ausgefahren – dass der ausladende Refrain sich offenbar mit der ganzen Welt aussöhnen möchte passt dennoch, obwohl  ‚Silhouettes‚ kurz darauf ohne falsche Zurückhaltung den straight nach vorne drückenden Postpunker gibt.
Das bisschen Mäandern im Gesamten verzeiht man da nur zu gerne, auch, weil ‚Viet Cong‚ eher gekonnt definiert, wohin Viet Cong wollen, ein Ankommen in Sound und Ausstrahlung ist, als sich am Zielort bereits makellos auszutoben, dabei aber durchaus vielversprechend skizziert, wozu diese Band in Zukunft auch fähig sein könnte: vielleicht sogar die nicht zwangsläufig besseren, aber spannenderen, weil wagemutigeren, Interpol zu sein.

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  • Preoccupations - Preoccupations - […] weiß man: Dass Viet Cong ihren selbstbetitelten Erstling mit dem programmatisch betitelten, exzessiven Death verabschieden, hat sich als sich…

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