We Are Scientists – Helter Seltzer

von am 22. April 2016 in Album

We Are Scientists – Helter Seltzer

We Are Scientists bleiben nach dem nett-egalen Comeback ‚TV en Français‚  das wohl sympathischste Relikt aus der zweiten Reihe des 2005er-Indierocks. Noch besser: Keith Murray und Chris Cain müssen sich anhand von ‚Helter Seltzer‚ nur noch bedingt die Frage gefallen lassen, ob charmante Kurzweiligkeit den Fakt aufwiegen kann, dass die letzten wirklich erinnerungswürdigen Songs ihrer Band bereits über ein Jahrzehnt zurückliegen.

Was für eine ausgelassene, gute Zeit einem das nicht schlecht gealterte Hitfeuerwerk ‚With Love & Squalor‚ doch anno dazumal bescherte. Genau aus dieser nostalgischen Erinnerung ziehen We Are Scientists schon bei der bloßen Erwähnung des Bandnamens immer noch einen Gutteil der ihnen entgegengebrachten wohlwollenden Zuneigung, wobei man auch sagen muß: Wirklich viel falsch machte das Duo aus Kalifornien auch nach ihren 15 Minuten Ruhm nicht, nur wollten die wirklich bedingungslosen Hits, die nachhaltig infektiösen Melodien und Hooks eben einfach nicht mehr gelingen.
Genau dort setzt auch ‚Helter Seltzer‚ mit einem dezenten Mehr an keyboardlastigen Effekten den Hebelan, wenn es im Vergleich zu seinem Vorgänger ‚TV en Français‚ die relative Dichte an potentiellen Ohrwürmern gleich mit dem eröffnenden, schmissig-eingängigen Juwel ‚Buckle‚ sogar tatsächlich ein Stück weit nach oben schraubt – ein supereingängiger Refrain sitzt optimal platziert, denn griffig und catchy können We Are Scientists nach wie vor.
Spätestens wenn der Opener auch schon bald wieder aus den Gehörgängen verschwunden ist, sobald Murray und Cain zum Nächsten bissfertig zurechtgeschnittenen Song weitergezogen sind, ahnt man, dass auch ‚Helter Seltzer‚ zwar nicht genug Substanz haben wird, um wirklich zwingend auf die Tanzfläche zu treiben oder sich langfristig im Hinterkopf festzusetzen – aber hey: eine gefälligere Single hatten We Are Scientists schon lange nicht am Start.

Mutmaßlich wird das fünfte Studioalbum der beiden Amerikaner ungeachtet der marginal angestiegenen Formkurve und abseits der breiten Wahrnehmung dasselbe Schicksal teilen, wie seine drei Vorgängerplatten – laufen diese auch heute noch zufällig nebenher, tun sie dies ohne zu stören und mit erfreulichem Beigeschmack, lassen abseits einiger herausragender Augenblicke aktiv gehört den anfänglichen Reiz aber schnell in der beliebigen Nebensächlichkeit verpuffen. Okaye Platten einer Band, die ihr Herz grundsätzlich am rechten Fleck hat. Eine Nische, in der ‚Helter Seltzer‚ unaufdringliche Kleinode parat hält.
Das feine ‚In My Head‚ taucht seine Leichtigkeit schnell in eine beschwingt brodelte Synthieschicht, gibt die unverfängliche Düstergestalt und idealen Zeitvertreib für die The Wombats-Anhängerschaft, bevor das sehnsüchtige ‚Too Late‚ die helleren Seite im Pop der 1980er erforscht und in der Strophe wie eine angenehm seichte Version von Merchandise daherkommt, während der strahlende Refrain mühsam über Gebühr strapaziert viel Kredit verspielt.
Symptomatisch für das Bild, dass We Are Scientists es sich selbst auch in den besten Momenten der Platte schlichtweg zu einfach machen und vorhandenes Potential zu leichtfertig der Konsumfreundlichkeit opfern (geradezu paradox in dieser Hinsicht: denkt die Band wie in ‚Hold On‚ doch einmal ein wenig ums Eck, verzettelt sie sich schnell in der Ziellosigkeit). So simpel der Zug zum Tor für We Are Scientists stets war – früher erschien er gleichzeitig effektiver, gefinkelter und mitreißender. Die dokumentierte Weiterentwicklung, sie ist eben auch zu einen Gutteil auf Kosten der alten Stärken passiert und kann durch neue Vorzüge nicht kompensiert werden.

Was bleibt ist eine luftige Platte für den Augenblick, sogar die wohl überzeugendste der Band seit ‚Brain Thrust Mastery‚- und zudem der zaghaften Versuch, die Bandbreite neuerlich zu dehnen. ‚We Need a Word‚ verzehrt es nämlich mit postrockig-weiten Gitarren, mehrstimmigen Harmoniegesang und wuchtigem Rhythmus nach einem Gefühl der Hymne, ‚Classic Love‚ wiederum unternimmt als zügiger Rocksong im Mittelteil die unnötige Exkursion zum Elektronikspielplatz, bevor das belanglose ‚Headlights‚ sowie ein bemüht bedeutungsschwer aufgemachtes ‚Forgiveness‚ hinten raus den Gesamteindruck ein wenig weiter in die Beliebigkeit korrigieren.
Die von der reduzierten Akustikgitarre ausgehende Ballade ‚Want For Nothing‚ oder die Beach Boys-Leichtigkeit (beziehungsweise eine potentiell schwache Single der wieder erstarkten Weezer) ‚Waiting For You‚ führen dann vor, wie schön Belanglosigkeit sein kann, wenn sich We Are Scientists alsbald ohne Ecken und Kanten irgendwo im weichgespühlten Wohlklang verlieren. Denn wo die melancholischen, persönlichen Texte ‚Helter Seltzter‚ immer wieder eine Tiefe und bisher ungekannte Persönlichkeit hinter dem Comedy-Auftreten verschaffen sollen, bleibt das Gesamtprodukt oberflächlich, leicht durchschaubar und nett – aber auch eine kurzweilige Bespaßung ohne Längen und eine freundliche Sommerplatte für das Pop-Kurzzeitgedächtnis ohne fordernde Ansprüche. Warum We Are Scientists die sympathischsten Underdogs der vergangenen Indie-Heydays bleiben, wird einem damit erfrischend in Erinnerung gerufen.

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