Will Haven – Muerte

von am 20. April 2018 in Album

Will Haven – Muerte

Vielleicht haben Will Haven mit Muerte endgültig das Album aufgenommen, dass die Deftones so brutal und finster nicht (mehr) aufnehmen können und/oder wollen. Wahrscheinlich ist es insofern nur logisch, dass sich Stephen Carpenter deswegen auf die Gästeliste der Platte hat schreiben lassen.

Mit dem referentiellen Stigma, seit jeher im Schatten der großen Kumpels und Nachbarn aus Sacramento zu spielen, hatten Will Haven zeitlebens klarzukommen: Neben freundschaftlichen, produktionstechnischen, schauspielerischen oder tourbedingten Gefallen waren es schließlich all die stilistischen Ähnlichkeiten zu den Deftones, die das kommerziell seit jeher überschaubar erfolgreiche Quartett um Bandkopf Jeff Irwin begleiteten.
Auf Muerte werden diese Überschneidungen dank der besten – weil fettesten, böswilligsten und in ihrer Dichte die laut Eigendefinition vergleichsweise hingerotzte EP-Garstigkeit Open the Mind to Discomfort von 2015 weiterdenkende – Produktion nicht nur durch schwallartig schiebende, basslastig nach unten gestimmten und unverkennbar gebogenen Stakkatoriffs einmal mehr deutlich, sondern auch durch die personelle Unterstützung: Irwins Ex-Bandkollege Carpenter hat das finale El Sol mitgeschrieben und steuert seinen Part zur apokalyptischen Beklemmung bei, die seine Riffkaskade unter einer vielschichtigen Lage an Texturen schlängelt.
Eine Zusammenarbeit, die auf den ersten Blick vielleicht emanzipationstechnisch wenig hilfreich wirken mag, sich jedoch abseits davon erwartbar als rundum schlüssig erweist: „If Will Haven and Deftones had a kid, that’s what it would sound like“ fasst Irwin richtig zusammen.

Wo der Deftones-Gitarrist anlässlich der jüngsten Platte seiner Stammband ohnedies Unmut über fehlende Härtegrade deponierte, kann er dieser Neigung nun vollends aufgehen, addiert zum malmend giftigen Will Haven-Sound einen griffig arbeitenden Metal-Würgegriff, während die Band den Song mit synthethischen Arrangementschhimmer einen episch an die Decke greifenden Space-Unterton verleiht, der letztendlich mit militärischer Strenge marschiert – eine symbiotische Verbindung.
Weniger logisch erscheint dagegen auf den ersten Blick die Wahl des zweiten Gastfeatures: Mike Scheidt (YOB, VHÖL, Lumbar, etc.) verfärbt das Wesen von Muerte im beschwörenden No Escape punktuell in seinem Aktionsradius deutlich individueller, markanter aus der etablierten Unwohlfühlzone der Platte kippend – einer der eingängigsten Momente der Platte, schließlich würde man den Metalmeister auch aus tausend Stimmen vibrieren hören.
Ein irritieren könnender Effekt in der restlichen bedingungslosen Kohärenz, der allerdings keinen Fremdkörper im Gefüge darstellt, sondern die stellenweise etwas zu gleichförmig wirken könnende Homogenität der Platte absolut gelungen, spannend und unkonventionell gedacht auf natürlichem Wege aufsprengt. „When we wrote that part that he sings on at practice my first reaction was, “I can hear Mike singing over this”. So every time we would play it, all I could think about was how awesome it would be to hear him on it. So, I finally reached out to him. He had just come out of a pretty major surgery so he wasn’t doing much musically. I kind of caught him at a bad time, but he said when he felt better and if we still hadn’t recorded it, he would love to do it. So I pushed the record back for another three months or so just to get the chance for him to do it„.

Will Haven zeigen spätestens hier, dass sie – wenn auch an dieser Stelle mit tatkräftiger Hilfe von außen – durchaus neue Facette in ihren typisch veranlagten Mahlstrom integrieren können. Nicht das einzige Charakteristikum, das Muerte von seinen Albumgeschwistern unterscheidet. Der subtil herausgekehrte Einsatz von düsteren Synthies kühlt den crustigen Klang mit sinistrem Black Metal-Flair gar Richtung Celeste, lässt die Balance aus walzender Heavyness und tiefenwirkender Atmosphärearbeit organischer und detailierter denn je klingen. „All said and done, we spent two years on this record. We had more time than ever to fine tune the music. We really benefitted from that. We’re also more in tune with who we are.“
Da löst sich also die erst hirnwütig angestachelt agierende erste Single Winds of Change irgendwann in einer fast schon meditativ dösenden Ambient-Transzendenz auf. Kinney schließt die Augen mit dringlicher Wut in einer hallverhangenen Trance. Und durch zahlreiche Intros, Outros sowie lauernder Zwischenspiele glimmert die Platte ohnedies immer wieder durchatmend im Morast. Das zwielichtige The Son bremst sich dort immer wieder für einen beängstigend zum Horror tendierenden Noir-Suspence aus, während 43 klingt, als wären ASG von Glassjaw durch hyperventilierenden Coalesce-meets-Botch-Slo-Mo-Hardcore-Filter gezogen worden.

Enwicklungstechnisch fühlt sich Muerte damit durchaus als Albtraum-Äquivalent zu A City By the Light Devided von Thursday an, aber eben auch wirklich wie ein neuer, formvollendeter  Zenit für Will Haven selbst. „It’s the first time I walked away going, ‚There’s nothing else I could’ve done to make this better'“.
Die unfassbar klaustrophobisch in sich geschlossene Trademark-Melange dreht das Nihilismus-Barometer damit noch einmal ein paar Grad in die Finsternis und erhebt eine gewisse Monotonie zum nur selten ermüdenden Stilmittel: Muerte ist auslaugend und erschöpfend im konsequenten Traktieren seiner Vehemenz, stumpft aber durch genügend Wechsel in der Dynamik kaum ab. Melodien bleiben da ebensowenig Ruinen, wie Brüllwürfel Grady Avenell sein fieses Gebrüll als permanente Peitsche ohne jegliches Zuckerbrot auslegt, den Druckverband erst in den letzten Sekunden lockert.
Will Haven spielen ihr noisezerfressenes Ungetüm aus so angepisst wie aggressiv den Breakdown erzwingenden Sludge-Ansätzen, angenehm altmodisch (nach der Jahrtausendwende klingenden) Metal und dissonant veranlagten Post Hardcore eben auch knapp 13 Jahre nach der holprig verlaufenen Reunion so unerbittlich und konsequent, als wären sie nie weggewesen. Mehr noch wahrscheinlich sogar um das Quäntchen besser denn je. Zumindest ist Muerte die Platte, auf die man seit Whven und Carpe Diem gewartet hat. „It felt like a rebirth. It sounds like a whole new band. There’s a chemistry that only the four of us can achieve.

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