The Notwist – Close To The Glass

von am 12. Februar 2014 in Album

The Notwist – Close To The Glass

Der Wirkungsverlauf von ‚Close to the Glass‚ ist jenem des auch schon 6 Jahre alten ‚The Devil, You + Me‚ nicht so unähnlich: zuerst ist da die Enttäuschung. Weil The Notwist sich auf ewig an ‚Neon Golden‚ messen lassen müssen – und zum zweiten Mal daran scheitern. Doch dann beginnt auch das achte Studioalbum aus den absurden Erwartungshaltungen (zusätzlich geschürt durch dieentschleunigten Veröffentlichungspraxis mit Ereignischarakter) im Schatten ihres Meisterwerks zu wachsen. Im aktuellen Fall sogar zum verspieltesten Album der Weilheimer seit Ewigkeiten.

Gezählte 74 Tage vor der regulär geplanten Veröffentlichung war ‚Close to the Glass‚ bereits illegal im Netz zu finden. In der Breitenwirkung rief dies allerdings gefühltermaßen weniger Reaktionen hervor, als die kurz davor kundgetane Entscheidung der Band ihr erstes richtiges Album seit 2008 über die Institution Sub Pop in die Läden zu bringen. Vielleicht nur symptomatisch, dieses etwas verhaltene Echo (oder aber: ein Zeichen für den Rückgang der Inanspruchnahme von Leaks?) denn auch 12 Jahre nach ‚Neon Golden‚ und unglaubliche 16 nach ‚Shrink‚ verharrt man da immer noch erst einmal in Ehrfurchthaltung und wartet ab. Zwangsläufig, denn man weiß ja: The Notwist-Platten verlangen Zeit, wollen sich entfalten und wachsen. Was der vorab über der Äther gejagte Titelsong nur eindrucksvoll unterstrich: eine Tabla-Session aus dem Laptop mit reichlich Handclaps, dahinter verwunschene Radiohead-Patent-Soundcapes und in Summe sowas wie ein hyperaktiver Gospel für das digitale Zeitalter, vor allem auch ein produktionstechnisches Vergnügen sondergleichen.

Der Appetizer ‚Close to the Glass‚ ist dabei durchaus als exemplarischer Ausschnitt der gesamten Studioplatte zu sehen: The Notwist haben sich nicht neu erfunden, sind die selbe Indierockband mit elektronischem Console-Grundgerüst geblieben, haben auf ‚Close to the Glass‚ aber Gefallen daran gefunden ihren unverwechselbaren Stil so unumwunden wie noch nie zeitgenössischen (…) Einflüssen zu öffnen. Das verschobene Cut-up-Elektropluckern, -brutzeln und -blinken im eröffnenden, unschlüssig endenden ‚Signals‚ etwa würde sich mit seinen Subbässen und Konsolenklingeln auf dem Atoms for Peace Debüt durchaus wohl fühlen, ist aber alleine wegen Markus Achers liebgewonnenen Akzentgesang eher eine gefühlte Elefantenhochzeit als ehrfürchtiger Tribut.
Über die Stränge schlagende Verneigungen finden allerdings anderswo statt: das schimmernde ‚Into Another Tune‚ ist praktisch ein lupenreines (bei anderen Bands würde hier wohl stehen: ziemlich freches!) Update von Portishead’s ‚The Rip‚, ‚Seven Hour Drive‚ dagegen mit viel Hall ein Shoegaze-Song, der My Bloody Valentine für ‚m b v‚ wohl zu poppig gewesen wäre und ‚Lineri‚ ein neunminütiger, rein instrumentaler Dreampop-Exkurs mit schwermütigen Unterwasserdrive.

Am deutlichsten aus dem gleichzeitig lose gespannten aber homogen inszenierten Rahmen fällt jedoch ‚Kong‚, dieser Hit, der bis hin zu seinem launigen Streicherfinale als luftig lockerer 90s-Popsong selbst ein ‚Pilots‚ wie sperrige Avantgarde erscheinen lässt, beinahe aufdringlich eingängig zündet, und die Fenster viel markanter aufreißt als das letztendlich vollkommen losgelöst im Club abtanzende ‚Run Run Run‚, die zweite offizielle, halb-logische Singlewahl.
The Notwist steigern in Summe ihre seltenen Zugeständnisse an die Unmittelbarkeit und gehen auf ‚Close to the Glass‚ den Mittelweg zwischen zugänglicheren Songwriting und dem Eindruck, als wäre jede einzelne der 12 neuen Nummern für sich rund um explizite Stimmungen, Sounds und Atmosphärevorstellungen entlang entworfen worden. Ein ‚From One Wrong Place To The Next‚ darf da etwa ohne konkretes Ziel vor Augen seine Melodielinie gedankenverloren verfolgen und abseits des Albumkontextes etwas ratlos hinterlassen, während ‚Steppin‘ In‚ und vor allem das zurückgefahrene ‚Casino‚ als wunderbar tröstende Gitarrenballaden herzerweichend betörend wirken.

Dass abwechslungsreichste Album der Band in den 200ern ist ein Ausloten der Möglichkeiten und scheuklappenbefreites Experimentieren an der Variationen mit Compilationcharakter und Albumfluss geworden, in seiner Ungebundenheit weit vom phasenweise etwas zu verkrampften aber tollen ‚The Devil, You + Me‚ entfernt. Sicher hat das nicht die monumentale Gewichtung und zeitlose Meisterwerk-Ausstrahlung eines ‚Neon Golden‚; gerade aber dadurch auch den Vorteil in der Hinterhand, mit einer ungekannten Leichtigkeit unterhaltsamer und kurzweiliger zu sein als seine direkten Vorgänger. Spätestens wenn ‚They Follow Me‚ ganz am Ende von einem wohligen Meer aus Elektrosounds, Streicherschnurren und organischen Klängen in die Arme genommen wird darf man erleichtert feststellen: The Notwist dürften trotz allem transportierten Schwermut schlichtweg Spaß an ‚Close to the Glass‚ gehabt haben, geben diese Freude ohne Energieverlust weiter – und können es sich auf diesem Niveau locker leisten wieder einmal zu enttäuschen.

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