An Isolated Mind – I’m Losing Myself

von am 17. Mai 2019 in Album

An Isolated Mind – I’m Losing Myself

Kameron Bogges lässt abstruse Kompensationshandlungen in Form von Konzeptalben über das Backen von Bananenbrot und andere Parodien als Four Hoove Death Pig hinter sich: Unter dem neuen Alias An Isolated Mind stellt er sich auf I’m Losing Myself seinen psychischen Problemen.

Dass sich die 57 Minuten der Platte dabei gemeinhin als Atmospheric Black Metal klassifiziert sehen wollen, hat im Grunde vornehmlich damit zu tun, dass I’m Losing Myself in seinen markantesten Momenten stets in das Reich der Blastbeats als seine angestammte Basis zurückkehrt. Dann lässt Bogges seine Kompositionen mit mathematischer Prägnanz in Richtung solch atonaler Brüter wie Deathspell Omega in der Schnittmenge mit Anagnorisis und Zao malträtieren, die Drums über repetitiv-dystopische Alptraum-Riffs klettern, die Atmosphäre finster zuziehen. Bogges nutzt diese Verankerung jedoch im Grunde nur für weitschweifende stilistische Ausflüge, die sich auf keinen einfachen Nenner herabbrechen lassen wollen: An Isolated Mind ist nach dem Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik entstanden, als Bogges die Diagnose bekommen hatte bipolar zu sein, und gibt sich weitestgehend unberechenbaren Stimmungsschwankungen hin.

Das überragende Afraid of Dissonance lässt seine giftige Ungemütlichkeit etwa erst bösartig keifen, bevor die Texturen in den Gitarren zerfließen und plötzlich manisch eskalieren: „Let go!“ brüllt Bogges und das Szenario verschiebt sich kurz in den schimmernden Blackgaze, atmet durch, sortiert sich neu, und findet sich im walzenden Slo-Mo-Modus wieder, wo die Gitarren und Synthies folkloristisch nach Dudelsäcken klingen und im jazzigen Klarinettenspiel melancholisch sinnierend verwehen, sich selbst geißeln.
Eternity in a Minute hämmert sich direkt danach aus dem Fade In inmitten eines tackernd und röchelnd malmenden Riffs zurück, wie eine Dampflock auf hirnwütig pushenden Downer-Steroiden. Irgendwann übernehmen die Bläsertexturen aus Afraid of Dissonance die psychedelische Oberhand und führen sie zu den spacigen Avantgarde-Landschaften des Intro-Openers We Are Fragile Vibrations zurück. Über einen Industrial-artig dröhnenden Part Marke The Dillinger Escape Plan (ohne Mathcore-Frickelei) findet Bogges zu mit Synthieschwaden wehendem Alternative Rock, so experimentell, als hätten die Dystopie der Nine Inch Nails eine versöhnlich-weitschweifende Harmonie gefunden, die langsam von der galoppierend-beängstigende Düsternis überzogen wird.

Wenn I’m Losing Myself im Black Metal wütet, dann hat Bogges‘ Arbeit eine geradezu maschinell fokussierte Schematik, fesselt sich sich über strukturierten Abläufen, konzentriert sich jedoch nur kurz auf diese fast zwanghaften Verdichtungungen und aggressiven Ausbrüche, schweift immer irgendwann – erstaunlicherweise geradezu versöhnlich – ab. All das geschieht vollkommen organisch, wandelt sich ohne forciertes Elemente, ohne prätentiösen Zwang. Im Falle von I’m Losing Myself wirkt diese Unstetigkeit zudem nicht nach unentschlossener Wankelmütigkeit, sondern lässt dieser innere Zerrissenheit als elementaren Teil des Charakters nachwirken, der das ständige Verwischen vermeintlicher Gegensätze und stilistischer Grenzen so natürlich (dem gar nicht so unpassenden Artwork entsprechend) angeht. Das Herz dieser Platte mag also im Metal schlagen – die Gedanken drumherum sind allerdings wurzellos und frei.
Das ätherisch auf Synths schwebende Turritopsis dohrnii legt also seine Drums beißend-tackernd aus, pflegt darüber jedoch eine fast schwerelose Unwirklichkeit, esoterisch und sphärisch. Bis das kompakte Riff die physische Präsenz übernimmt, sich episch austobt, Bogges allerdings bald in den Score abtaucht und von dort als kontemplativ-entschleunigter Rock mit geschlossenen Augen neu erwacht. Ein bisschen so, als hätten Supermachiner oder Have a Nice Life eine Perspektive auf das progressive Post Metal-Stadion entdeckt, träumen dann aber doch lieber unter freiem Sternenmeer liegend von retrofururischen Texturen, die eine meditative Gitarrentrance überziehen.

Wie mühelos diese Platte immer wieder in sich geht, elegisch fantasiert, ist erstaunlich – nur um im nächsten Moment für Pathologized Existence wieder unvermittelt den Fleischwolf auszupacken. Zwar hält Bogges sich in der einsetzenden Abwärtsspirale an versöhnlichen Hoffnungsschimmern von melancholischer Schönheit fest, doch im Grunde steuert die Platte über ihren griffigen Black Metal konsequent auf ihr eigenes Nirwana zu, lässt Strukturen hinter sich.
Insofern schließt das Finale aus dem Titeltrack I’m Losing Myself und dem Conclusio kontextuell aber auch eigentlich einen Kreis, wenn Bogges erst eine Posttock-Grandezza beinahe ausnahmslos auf Reverbgitarren a la Explosions in the Sky skizziert, in der er seinen Frieden zu finden scheint, bevor An Isolated Mind knapp 18 Minuten dem puren Ambient kultivieren. Das Kopfkino versinkt mit weißem Drone-Rauschen im Outer Space, wo Alrakis die Staffel komplett an den knisternden Avantgarde von William Basinski und Co. übergeben.
Dieser stilistisch relativ homogene (genau genommen sogar fast die Hälfte des Albums ausmachende) Part offenbart dann auch die relative Schwäche der Platte. Wo Bogges für sich genommen in den einzelnen bedienten Genres vielleicht noch eine Spur zu wenig eigenständig seine Handschrift formuliert, ergibt erst die Perspektive auf die ganze Melange und ihren Fluß einen originären Sinn. Zudem wäre phasenweise ein stärker eingestellter Fokus mit der erschöpfenderen Erforschung einzelner Bereiche gerade mit Blick auf die Auflösung der Platte durchaus noch erfüllender gewesen: Oft reißt Bogges vielversprechende Szenen nur an, ohne sich ihnen bedingungslos hinzugeben. Im Umkehrschluss vergeht die knappe Stunde Spielzeit wie im Flug, fesselt ansatzlos und lässt hinten raus wohl nur den nötigen Raum, um all den intensiven Husarenritt zu verarbeiten.
Als Album-Album ist I’m Losing Myself trotzdem (oder eher gerade deswegen) eine absolut faszinierende Selbsttherapie geworden. Eine solche, die letztendlich für die Zukunft dieses Projektes vorerst sogar mehr Fragen aufwirft, als sie beantwortet, und sich damit womöglich irritierenderweise mehr Last auflädt, als sie der Katharsis ein Ventil bietet. Einstweilen fühlt sich dieses Gesamtkunstwerk aber selbst für den immer mittendrinnen im Geschehen platzierten Hörer wie eine distanzlos exerzierte Befreiung von emotionaler Last an, schmerzhaft und tröstend.

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