Arcade Fire – Her

von am 25. Januar 2014 in Soundtrack

Arcade Fire – Her

Ohne reguläre Releaseabsicht, aber extrem stimmungsvoll: Arcade Fire und ihr oscarnominierter Soundtrack zu Spike Jonze’s Love-Story rund um Joaquin Phoenix und die Stimme von Scarlett Johansson.

Für sein viertes Werk in Spielfilmlänge hat der Ausnahmeregiseur Jonze erstmals vollends ohne seinen Stamm-Soundtracklieferanten Carter Burwell gearbeitet und vertraut stattdessen auf jene größte Indieband der Welt, die 2013 mit dem medialen Dampfhammer für den Hype des Jahres sorgen wollte, und sich auf ‚Reflektor‚ ein Stück weit unter James Murphy unter der Discokugel neu erfunden hat. Von eben dieser soundtechnischen Kurskorrektur lassen die Stücke auf ‚Her‚ wenig erahnen, fühlen sich aber dennoch wie der der verlängerte Arm der getrageneren (besseren!) zweiten Plattenhälfte an: nur das als Appendix von ‚Morning Talk‚ dienende, hier seine Wurzeln habende ‚Supersymmentry‚ nimmt die glitzernden Synthies des viertes Studioalbums der Kanadier vorweg; den Rahmen aus ‚Sleepwalker‚ und vor allem ‚Dimension‚ kann man sich dank einer ausnahmsweise einsetzenden dezenten perkussiven Grundierung am ehesten als Grundgerüste ausmalen, um die herum Arcade Fire ansonsten ihre Songs arrangieren.

Dazwischen baut der geradezu minimalistisch ausstaffierte, von Win Butler und Owen Pallett komponierte Score zumeist auf wunderbar anmutige Klavierminaturen, in ambientartig texturierte und bisweilen wattiert dröhnende Keyboardflächen gebettet, gelegentlich in wohlig aufbauschende Streicherwogen aufgehend. Nur selten so leichtfüßig frohlockend wie im über die Klaviatur tänzelnden ‚Photograph‚ bauen Arcade Fire melancholisch zurückgezogene Elegien, auf stille Art ergreifend, elegant und verletzlich. Also eigentlich beinahe genau so, wie Jon Brion das ansonsten Filmen mit Charlie Kaufman-Beteiligung auf den Leib schneidert. Eine so unverkennbare Handschrift wie etwa die Arbeiten der ebenfalls nicht hauptberuflich als Soundtrackkomponisten agierenden Jonny Greenwood oder Trent Reznor trägt der Score zu Her damit nicht, was aber egal ist: die Kanadier haben hier eine betörende, wärmespendende Soundwelt von immenser imaginativer Strahlkraft erschaffen, die das Kopfkino auch ohne die dazugehörigen Bilder bestens unterhält. Dass die herausragenden Highlights (‚Divorce Papers‚, ‚Some Other Place‚, ‚Song On The Beach‚, ‚Owl‚) weite Strecken des restlichen Scores überstrahlen ist dabei natürlich nicht als Vorwurf zu verstehen.

Wer sich das nun ins Regal stellen will wird freilich enttäuscht sein: der Soundtrack wird auf Sicht keine Veröffentlichung erfahren – weder in physischer Form, noch digital. Da werden durchaus Erinnerungen an andere niemals regulär in den Handel gekommene Filmmusikarbeiten wach (wie etwa den Underworld/ John Murphy-Soundtrack zu Sunshine, der unter anderen Bedingungen letztendlich zumindest via Itunes zugänglich gemacht wurde). Während man sich an Karen O’s ebenfalls Oscar-nominierten Beitrag ‚The Moon Song‚ also unentgeltlich und legal bedienen darf bleibt für die 41 Minuten von Arcade Fire für gesetzestreue Fans nur der Gang zu etwaigen Stream-Angeboten. Vielleicht wird sich daran ja etwas ändern, wenn Win Butler, Owen Pallett und Co. sich bei der diesjährigen Oscar Verleihung gegen John Williams (The Book Thief), Steven Price (Gravity), Alexandre Desplat (Philomena) und Thomas Newman (Saving Mr. Banks) durchsetzen würden.

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