Archy Marshall – A New Place 2 Drown

von am 16. Dezember 2015 in Album

Archy Marshall – A New Place 2 Drown

Was auf den ersten Blick wie ein Vehikel wirkt, um seinen älteren Bruder Jack ins Rampenlicht zu hieven, entpuppt sich nach und nach als multimedialer Rundumschlag mit Formvollendungs-Charakter: Archy Marshall entfernt sich von seiner Rolle als Songwriter, um seine Meisterprüfung als Produzent abzulegen.

Nach dem erstaunlich kompakt auftretenden und stilistisch dennoch kaum einzuordnenden King Krule Debüt ‚6 Feet Benath the Moon von 2013 orientiert sich ‚A New Place 2 Drown‚ nun also wieder ein wenig an den umtriebigen Anfängen Marshalls (minus Gitarre), geht also weg vom klassischen Songwriting, hin zu den akribischen Produktionsbasteleien, die er bereits mit Mount Kimbie zu erforschen begonnen hat: reine Elektronik im Dämmerzustand ist das, pluckernd und düster glimmernd, der nebulöse Soundtrack für die Stunden zwischen Nacht und Morgengrauen, die entschleunigte Fortsetzung von Tracks wie ‚Foreign 2‚, wenn man so will.
Luzide Beats wirken da wie verwaschene Grundgerüste für Mos Def-Aufbauten (‚Swell‚), die Melodien plätschern nebenbei durch das Geschehen (‚Arise Dear Brother‚), hinter Marshall’s Trademark-Rap-Genöle  verschwimmen die Strukturen zu einem unfokussierten Fluss an Momentaufnahmen, dösend und jedwede Spannung ausklammernd. ‚Ammi Ammi‚ flirtet vielleicht mit einer R&B-Nähe, löst sich aber im Gesamtkontext trippig wattiert auf, weil auch ein ‚Eye’s Drift‚ viel lieber nach Narkose als nach Clubhit klingen möchte.

A New Place 2 Drown‚ passiert durchaus zahlreiche dieser Momente, die sich im Ohr festzuhalten andeuten – forciert diese dann aber eben in keinster Weise und lässt sich stattdessen unaufgeregt weitertreiben, beschwört einen Vibe mit geschlossenen Augen und sich verschiebenden Konturen. Keine unerfüllende Nebensächlichkeit: Was so an der Oberfläche wie nicht zu Ende gedachte Fingerübungen anmuten mag, wie vage Skizzen unfertiger Stimmungen, entwickelt seine faszinierende Ausstrahlung jedoch mit nachhallender Tiefenwirkung – die atmosphärisch unheimlich dichte Homogenität der Platte lässt ‚A New Place 2 Drown‚ zu einem beinahe haluzinogenem Trip werden, zu hypnotisierender Hintergrundmusik im allerbesten Sinne.
Die wirklich emotionalen Momente gelingen Marshall trotz der persönlichen Lyrics diesmal so aber eben auch nicht, die schmissig-zwingenden lässt er bewusst liegen: man driftet nebenbei mit, nicht aber, um wirklich gepackt zu werden. Dennoch funktioniert das Album gelöst von der Symbiose mit seinem multimedialen Rundumschlag durchaus: das dazugehörige Buch („A scrapbook of our relationship and how we see the world„) sowie entsprechender Kurz(!)film mögen das Rampenlicht auf „the poetry and artwork“ von visual artist Jack Marshall lenken, interessant ist das Gesamtwerk ‚A New Place 2 Drown‚ aber – abseits der Entwicklung des kommenden King Krule-Zweitwerks – aber vor allem als Projektionsfläche des versiert seine eigene Handschrift ausformulierenden Soundarchitekten Archy.

07

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