Baroness – Yellow & Green

von am 19. Juli 2012 in Album

Baroness – Yellow & Green

Die Metal Band Baroness ist zumindest vorläufig tot, lang lebe deswegen die Allzweckrockband Baroness. Weil John Dyer Baizley und Co. endgültig alle Scheuklappen über Bord geworfen haben und damit wohl so etwas wie ihr ‚Load‚/‘Reload‚ geschrieben haben.

Das dies nicht auch oder zumindest nicht in erster Linie in qualitativer Hinsicht zu verstehen ist, diese Erkenntnis impft ‚Yellow & Green‚ langsam, dafür aber nachhaltig ein. Viel eher lassen sich diese Parallelen ziehen, weil Baroness sich mit ihrem je nach Sichtweise dritten und vierten (was Angesichts der Unterschiedlichkeit der beiden Platten durchaus erwägbar wäre) oder eben dritten und ersten Doppelalbum weitestgehend von dem Genre verabschieden, welches sie groß gemacht hat, dem harten Metalkern also vor die Stirn stoßen werden und gerade dadurch, dass sie eine musikalisch theoretisch leichter zu konsumierende Richtung einschlagen haben den praktisch wohl härtesten Weg gehen. Deswegen ist ‚Yellow & Green‚ der Punkt in der Discographie, der die Sichtweise auf die progressive Metalband Baroness auf den Kopf stellt, die Erwartungshaltungen für absehbare Zeit in neue Richtungen lenkt, wo Baroness ab nun auch in poppigerem, zugänglicheren, rockigerem, befreiterem Licht scheinen wollen. Dass man ‚Yellow & Green‚ vielerorts offenbar einzig aufgrund dieser waghalsigen Kurskorrektur abfeiert, verkauft dabei gehaltvolle Songs unter Wert, die in Kenntnis der bisherigen Veröffentlichungen anfangs wohl nicht anders können, als zu enttäuschen.

Yellow & Green‚ ist eben ein Album geworden, dem man viel vorwerfen kann. Selbst nachdem die Kinnlade ob der Neujustierung der Schwerpunktlegung wieder nach oben gewandert ist. Weil es schon verstörend (oder beeindruckend?) ist, wie konsequent Baroness einen Großteil ihrer etablierten Tugenden in den versammelten 75 Minuten schlichtweg übergehen und meistens exaltierter noch, das Hauptaugenmerk gar auf die Ausformulierung ihrer Schwachstellen legen. Am eklatantesten findet diese Entwicklung ihre Spitze im poppigen Stomper ‚Little Things‚: einem Song, der praktisch mit allem hausieren geht, was man an Baroness 2012 medioker finden kann. Mit einer Melodieführung , die kurz vor der Beliebigkeit in ihrem gefälligen Refrain badet, vorgetragen von einem Baizley, dem man nie stärker angehört hat, dass er kein geborener Sänger ist, obwohl er es hier wie so oft angestrengt versucht, und auch als Songwriter noch viel zu lernen hat. Noch weitaus schwerwiegender: der Mann aus Savannah hat den ersten Fall singular für sich entdeckt, rudert im lyrischen Ich hilflos nach Formulierungen und macht seine Band mit weitestgehend bedenklich schwächelnden Texten zusätzlich angreifbar. Dass Baizley den unvermeidlichen Instrumentalopener ‚Yellow Theme‚ aus exakt dem selben Melodiefundus wie die Interludes auf ‚Blue Record‚ fischt, macht die Sache zwar klassischer aber nicht visionärer, den galoppierenden „Captain Future meets Sabre Rider„-Rock von ‚Cocainum‚ muss man trotz oder gerade wegen seines Discobeats nicht geschmackvoll finden – in den Chorus darf man sich dennoch mitreißen lassen.

Dies und noch mehr spielt ‚Yellow & Green‚ auf den ersten Blick nicht in die Karten – mit etwas Abstand sind es aber gerade auch die irritierenden Puzzleteile, die dem nach Summer Welchs Ausstieg zu dritt eingespielten Album letztendlich Höhepunkte verleihen, die für die Postprogmetallsludgeband Baroness wohl undenkbar gewesen wären, für die Alternative Rockmetalband Baroness aber ein Hitfeuerwerk bedeuten: ‚Take My Bones Away‚ ist so einer, tief im Rock verankert und gleich zu Beginn weniger Metal als es die Mannen um Baizley zumeist waren. ‚March of the Sea‚ marschiert schwer walzend gen Hymne, ‚Back Where I Belong‚ erweist Pink Floyd die Ehre und ‚The Line Between‚ mit seinem drückenden Riff Muse. Und alles andere überstahlend: ein hymnischer, zugänglicher, euphorischer ausholendes Geschenk als das überragende ‚Eula‚ haben Baroness vielleicht ohnedies noch nie verteilt. Dass die zugängliche Rochscheibe ‚Yellow‚ als die offensichtlichere, aufdringlichere mit der Zeit ihre Qualitäten mit den direktesten, umgänglichsten Songs der Bandgeschichte beinhaltend deutlich stärker entfaltet, als die ruhigere ‚Green‚ ist dann eine weitere der Überraschungen hier: die zwischen balladesken Geplänkel (‚Board Up the House‚) und Post-Rock verliebten Instrumentals irrenden Stücke entfalten in ihrer gar zu gemächlichen Gangart nie in letzter Konsequenz die zwingende Stringenz, die nötig gewesen wäre, um ein Doppelalbum absolut zu rechtfertigen.

Dennoch wächst ‚Yellow & Green‚ an den meisten Ecken und Enden, die besten Momente können die Durchhänger weitestgehend stützen. Traumhaft wanderte Melodieübungen wie ‚Stretchmarker‚ versöhnen hinten raus und abseits der Überraschung, Enttäuschung oder Ernüchterung ob der phasenweisen Neuerfindung gelingt Baroness die Neupositionierung näher am Mainstream damit auf Sicht doch deutlich besser als vielen anderen Bands in der selben Situation. Das sie mittlerweile besser im Vorprogramm der Foo Fighters als von Mastodon aufgehoben ist, will man Baroness kaum vorwerfen, zumal sich der Evolutionsschritt derart organisch anfühlt. Und ob es ‚Yellow & Green‚ als Tugend anrechnen kann, sollte oder muss, das es das erste Baroness Album geworden ist, das man praktisch ohne große Investition auch nebenbei laufen lassen kann, muss ohnedies jeder für sich entscheiden.

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