Biffy Clyro – Ellipsis

von am 11. Juli 2016 in Album

Biffy Clyro – Ellipsis

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Das seit Jahren über Biffy Clyro hängende Damoklesschwert des banalen Stadionrock kracht nun mit Ellipsis doch noch hernieder: Unter tatkräftiger Mithilfe von Muse-Spezi Rich Costey haben die Schotten gefühltermaßen das weniger potente Update zu Only Revolutions aufgenommen.

You have a heart?/Do you have a soul?„. Aus dem Kontext gerissene Zeilen zwar, aber einige unter vielen auf Ellipsis, die durchaus suggerieren, dass dem textilfeindlichem Trio selbst nur zu bewusst gewesen sein könnte, dass der nächste angestrebte Schritt auf der Karriereleiter die Fanschichten abermals in Spaltmaterial verwandeln könnte. Obwohl die Schotten eigentlich niemandem auf dem Weg zur prolongierten Neugeburt verlieren will. Wie dem auch sei: Zumindest nehmen Biffy Clyro es in Kauf eine Enttäuschung für all jene vorzulegen, die den möglichst abgefahren formulierten Ankündigungen und Verweisen (auf Deafheaven, auf Tears for Fears, auf Death Grips und Kanye West) im Vorfeld Vertrauen geschenkt haben. Denn selbst tatsächlich vorhandene Anhaltspunkte wie wenige Sekunden an Blastbeats, digital ausstaffierte 80er-Kitsch-Balladen, eingestreute Electro-Effekte oder obskure Kinderchöre bedeuten auf Ellipsis nicht automatisch eine allgegenwärtige Experimentierfreudikeit oder Radikalität. Viel eher bedienen sich Biffy Clyro auch diesmal der selben Kniffe, die die Band aus Kilmarnock zu einer Bank in Sachen Alternative Rock hat werden lassen, setzen diese aber noch deutlicher am Zeitgeist orientiert in Szene und positionieren sich damit weiter denn je im vorhersehbaren Pop des Arena-Rocks.,

Ich liebe manche Künstler sehr, aber beim siebten Album kann man spätestens bei jeder Band vorhersagen, was passieren wird. Und davor hatte ich Angst. Verlässlich zu werden„. Der eine Schreibblockade erst im sonnigen Kalifornien überwunden habende Simon Neil mag sich durchaus kämpferisch geben. Es ändert letztendlich jedoch nichts an der Verträglichkeit und eben auch überwiegenden Verlässlichkeit, die das „zweite Debüt“ seiner Band nun hofiert. Die in Aussicht gestellten, früher ganz natürlich mit der Tür ins Haus fallenden skurrilen Einfälle und übersprudelnden Ideen der unter dem Deckmantel der Eingängigkeit so progressiven Techniker Biffy Clyro sind im diesmal nicht immer ganz unbemühten Songwriting meist zu bequemen Alibiaktionen verkommen, funktionieren auf Ellipsis im Endeffekt sogar primär über den Wechsel am Produktionsstuhl und damit einhergehenden Soundentscheidungen. Eine ambivalentes Opfer auf dem Altar, der den Bogen vom verpflichtenden Erfolgsdruck zur Weiterentwicklung spannen soll.
Wir wollten ein Album machen, das im Herzen eine Rock-Band trägt, aber im Geiste einen Hip-Hop-Produzenten hat“ bedeutet:  Costey lässt Ellipsis weniger pompös und generell entschlackter klingen als die von GGGarth Richardson betreuten Alben, gleichzeitig setzt er die Band und ihre Kernkompetenzen aber so synthetisch zurechtgebügelt in Szene, dass jeder Funke Impulsivität in der zielgruppenorientierten Makellosigkeit zu ersticken droht, was Ellipsis eine allzu leicht zu durchschauende und anbiedernde Ausstrahlung, etwas Maskenhaftes verleiht. Einerseits bastelt Rich Costey  den Schotten mit dem Zug zum Pop, zu Samples und schimmernden Studiotricks in der Inszenierung tatsächlich das Tor zu neuen, noch massenfreundlicheren Wegen. Andererseits hat er dafür auch die ansonsten so überschwänglichen Qualitäten des Trios mit einem konservativ zurechtgestutzten Formatradiosound domestiziert, hinter dem sich die Band ohne den Größenwahnsinn der vorangegangenen Platten in altbekannte Posen wirft, aber nirgendwo richtig ankommt.
Was bissig gemeint ist, drückt einfach nicht bedingungslos; was rauh skizziert wurde, ist im Endprodukt zu steril aufgehübscht. In einer neu tapezierten Komfortzone sind es also halbgare Kompromisse, die Ellipsis bestimmen, und die Platte zu einem unrunden Stückwerk verwaschen, das vor allem den formvollendet übersprudelnden Spielwitz schmerzlich vermissen lässt, mit der etwa der erschöpfende Kraftakt Opposites die Grenzen der mainstreamtauglichen Gangart erfolgreich ausgelotet hatte. Wo selbst das bisherige Discografie-Lowlight Only Revolutions noch durch seine atemberaubende Singledichte und erschlagende Schmissigkeit zünden konnte, wirkt Ellipsis so wie die erfüllte Brechstangen-Bringschuld eines Festival-Headliners.

In die euphorisierend-überwältigenden Gänsehaut-Gebiete der besten Post-Puzzle-Momente arbeitet sich Ellipsis damit nicht hoch. Doch was hinter der Ernüchterung bleibt, ist das Händchen der Band für hartnäckige Melodien und Hooks, für so unheimlich effektive Ohrwürmer, die hinter ihrer gewachsenen Oberflächlichkeit eben doch auch einen nicht uncharismatischen Unterhaltungswert forcieren. Biffy gehören immer noch zu den Guten – momentan allerdings eben im Schwebezustand zur Austauschbarkeit.
Der hymnenhafte Teamplayer-Mottosong Wolves of Winter ist etwa gleich zu Beginn auch ohne epische Gänsehaut im Anschlag ein waschechter Hit, das von John Feldman verhunzte Animal Style (eine größere Schwemme an allgegenwärtig selbstreferentiellen Backingchören als Ellipsis generell hat derzeit wohl übrigens nur California zu bieten) ist ein adäquates Brett. Der catchy Popmaschinen-Groover Friends and Enemies  jongliert mit seinem cheesy aufgelösten Bratpfannen-Skakkato-Geriffe zu weit im Trendbarometer, sollte aber wie auch das schöne Herex (ein angedeuteter Übersong auf Sparflamme) und so vieles auf Ellipsis im Livemodus (befreit von all dem Studioplastik und dafür mit einem Mehr an schwitzender Aggressivität ausgestattet) seine Stärken erst so richtig ausspielen können.
Auch das brave Flammable oder der infektiöse Heuler Howl (das symptomatischerweise gemeinsam mit den Snow Patrol-Buddies Gary Lightbody und Johnny McDaid entstanden ist) sind herrlich unerbittlich im Gehörgang nistende Stadion-Zuverlässigkeiten, wie sie Biffy längst aus dem Effeff schreiben – die sich aber eben den Vorwurf gefallen lassen müssen, dass man das von den Schotten seit der stilistischen Kurskorrektur mit dem grandiosen Puzzle eben alles schon so viel besser, weil mitreißender, zwingender und überschwänglicher gehört hat. Nachzuhören übrigens auch im kaum packenden, aber angenehm betörenden God & Satan-Klon Medicine, der seine Existenzberechtigung im Vergleich zum „Original“ in den subtileren Costey-Arrangements sieht. An das eine oder andere Déjà-vu hat man sich zu diesem Zeitpunkt längst gewöhnt.

Die Art und Weise wie Biffy Clyro hier ihr kaum noch Funken sprühendes Standardprogramm im neuen Gewand abspulen reicht damit allerdings selbst in den intimeren Szenen nicht an die emotionale Intensität der ersten sechs Alben. Weil auf diesen zudem trotz spannenderer Ideen auch das Potential für charttaugliche Killerhits höher war, entlässt das unausgegoren geschliffene Ellipsis durchaus ein wenig ratlos – jedoch nicht zuletzt dank solcher Playbook-Highlights wie dem feurigen On a Bang gerade noch an der richtigen Seite der Grenze von langweilender Beiläufigkeit und einer kurzweiligen Zweckdienlichkeit ohne fahlem Beigeschmack.
I didn’t mean to hurt you/I didn’t mean to make you cry/But after all we’ve been through/I didn’t think that we’d survive“ eröffnet das so versöhnlich wie ereignislos abschließende People dennoch geradezu rechtfertigend das Finale einer biederen Neujustierung, die auch zu wenig mutig agierend an den eigenen Ambitionen scheitert. Eine weiche und damit weichgespülten Revolution verwässert alte Stärken, geht aber auch keine kompromisslosen Risiken ein. Zumindest keine, die der Band in die Karten spielen.
Wenn sich Plattitüden wie der belanglos zur Tränendrüse plätschernde Melancholieschunkler Re-arrange (mit pathetisch dünnen „Düdüdüdü„s, lauen Piano- und Gitarren-Spuren, einem säuselnden Sänger und unorganischem R&B-Drumcomputer wollen Biffy mittlerweile offenbar wirklich dringend in den Abspann einer Breitwandromanze) oder die flapsig pfeifende Countrybar-Ulkigkeit Small Wishes samt Classic-Solo als verirrte B-Seite in den Gesamtfluss schleichen, dann degradiert sich das durchaus gute Genrewerk Ellipsis selbst zum bisher mit Abstand schwächsten Album des Trios – und lässt doch Hoffnung keimen. Weil Songs wie dieser (noch vor den beiden auf der Deluxe Edition hinter dem Albumcloser platzierten Bonustracks Don’t, Won’t, Can’t und dem furiosen In the Name of the Wee Man) die bestehende lässige Klasse der Band nonchalant unter dem Erwartungsdruck hervorkehren. Ungeachtet wann (oder ob) der Zeitpunkt eintritt, zu dem man seinen Frieden mit Ellipsis schließt: Spätestens mit den obligatorisch folgenden (bereits bestätigten) B-Seiten-Compilations, Konzert-Mitschnitten oder Live-Wirbelstürmen sollten Biffy Clyro den Stoff liefern, aus dem Versöhnungsmaterial geschnitzt ist. Zumindest bis dahin hört man aus so mancher Zeile hier aber die übergeordnete Selbsterkenntnis sprechen. „Tried not to disappoint/ you but I didn’t achieve/Cause I have a problem„.

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