Bohren & der Club of Gore [15.12.2016: Forum Stadtpark, Graz]

von am 17. Dezember 2016 in Featured, Reviews

Bohren & der Club of Gore [15.12.2016: Forum Stadtpark, Graz]

Klar, die Meister des Dedective/Doomjazz spielen Mitternachtsmusik par ex­cel­lence – dennoch wäre ein etwas früherer Konzertbeginn als 22.45 Uhr dann doch etwas erfreulicher gewesen. (Zumal Bohren & der Club of Gore ohnedies eine Band sind, die nicht unbedingt einen Supportact benötigen – die Klanginstallationen von Peter Kutin verpassen deswegen auch einige Besucher). Ansonsten aber gibt es nichts zu meckern: bigMama servieren die zum Trio geschrumpfte Genre-Institution im Forum Stadtpark unter idealen Rahmenbedingungen.

Der angepriesene Sound hält, was vorab versprochen wurde: Die atmosphärischen Klangwelten des Club of Gore entfalten sich an diesem Abend mit einer besonders kristallklaren Wärme, sind gleichzeitig druckvoll und schmeichelweich fließend, erfüllen den Raum mit einer dichten, traumwandelnden Präsenz – schlichtweg eine absolute Freude im Hörerlebnis.
Wo sich die Location auch ansonsten schon kaum lumpen lässt, setzt man aus adäquatem Anlass also nochmal einen drauf – weswegen zahlreiche kleinere Faktoren (bessere Sicht, bessere Akustik, eine größere Unmittelbarkeit aufgrund der allgemeinen Veranstaltungsort-Baulichkeit,…) auch dafür sorgen, dass der Graz-Stop der Mülheimer etwa jenen von vor zwei Jahren in der Grellen Forelle mühelos übertrumpft. Alles wirkt kurzweiliger, knackiger und um das Quäntchen akzentuierter, obwohl die „coolen Typen Bohren ihre Spielfreude im Griff haben„.

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Dabei hat sich seit damals doch markantes bei der Gruppe getan – Drummer Thorsten Benning ist 2015 ausgetiegen. Die Reaktion des verbliebenen Trios auf diesen Abgang ist so pragmatisch wie unspektakulär spektakulär ausgefallen: Christoph Clöser, Morten Gass und Robin Rodenburg teilen sich die Schlagzeugarbeit nun live einfach zu mehr oder minder gleichen Teilen auf, bedienen Snare, Becken und Co. in Fragmente gesplittet simultan zu ihren angestammten Instrumenten praktisch nebenher und erzeugen den schleichenden Bohren-Soundcharakter so im Grunde zwischen den Zeilen.
Wie nonchalant und mit wieviel Understatement die Band diese Kompensationsarbeit leistet und daneben noch die Zeit findet neue Akzente zu setzen – etwa wenn On Demon Wings erstaunlich wuchtig pochend daherkommt oder gerade Grave Wisdom einen fast schon Industrial-artig donnergrollenden Anstrich bekommt – ist dann nichts anderes als verdammt cool. Alleine um diesen Entwicklungsschritt beiwohnen zu können, ist die aktuelle Tour (trotz demonstrativ falscher Besetzung am Poster) Pflichtprogramm.

Zumal ansonsten bei Bohren freilich alles beim Alten (also: unterschwellig atemberaubenden!) geblieben ist: Die süffisanten, lakonischen und dadaistisch-unterhaltsamen Zwischenansagen von Christoph Clöser beispielsweise, die auch diesmal unbemüht spontan daherkommen (obgleich wohl wieder bei jedem Auftritt genormt) und die unendlich melancholische Stimmung der Musik kurzweilig kontrastieren, für gut platziertes Gelächter im ansonsten andächtig verharrenden Publikum sorgen (das sich übrigens mit Fortdauer etwas auszudünnen beginnt – was aber eben eher an der Beginnzeit liegen dürfte). Oder die relative Finsternis rund um die Musiker, die phasenweise wie kaum wahrnehmbare Statuen im Maximum Black des Forums verharren und sich eingangs mit Taschenlampe bewaffnet erst einen Weg durch die extrem gut gefüllte, im vorderen Bereich natürlich bestuhlte Location bahnen müssen. Auch die wie immer vorab angekündigte Zugabe, die eine Setlist fortsetzt, die sich zum Teil explizit bei Vertretern der jüngst erschienenen Compilation Bohren for Beginners bedient (dabei aber ausgerechnet das neue Der Angler ignoriert?) und mit einem herrlich ungemütlich am Free-Jazz entlangschrammenden Dead End Angels entlässt.
Kurzum: Bohren-Konzerte bleiben auch in der neuen Konstellation ein unvergleichliches Erlebnis, eine aus dem Alltag entrückte Kopfkino-Odysee in die Nacht, von der man endlos umspült werden könnte, der man sich immer wieder aussetzen möchte, die niemals von ihrer Faszination verlieren. Magisch bisweilen eben.

(Dass bigMama da mit dem im Grunde makellosen Drumherum die Latte für das kommende Moon Duo-Gastspiel zudem enorm hochgesetzt haben, ist daneben eine erfreuliche Randnotiz und ein würdiger Abschluss für das Konzertjahr 2016 – eindrucksvollere Fotos des Abends gibt es übrigens hier).

Setlist: (Ohne Gewähr)
Bei rosarotem Licht
Prowler
?
Ganz leise kommt die Nacht
Still am Tresen
Karin
On Demon Wings
Grave Wisdom
Constant Fear
Midnight Black Earth

Encore:
?
Dead End Angels

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