Boysetsfire, Wolf Down [27.06.2016: PPC, Graz]

von am 4. Juli 2016 in Featured, Reviews

Boysetsfire, Wolf Down [27.06.2016: PPC, Graz]

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Es gibt keine bessere Gelegenheit um sich in Erinnerung zu rufen, wie grandios die verdiente Institution Boysetsfire auch in ihrem zweiten Leben nach dem Split 2007 noch ist, als die Band um Nathan Gray auf der Bühne erleben zu dürfen.

Der Frontmann lächelt glückselig wie ein Honigkuchenpferd. Gefühltermaßen die gesamten 56 Minuten des Graz Gastspiel von Boysetsfire über. Während der Songpausen ist er immer wieder zu Scherzen aufgelegt, auch wenn er sich vorab als Mann der geringen Zuschauerinteraktion vorstellt, dann aber wie ein eine nonchalante Mischung aus ergrautem Prophet und geerdetem Salonlöwe swingt, während um ihn herum energischer Trubel herrscht, vor allem Bassist Robert Ehrenbrand einen unbändigen Bewegungsdrang verspürt.
Selbst wenn Gray und seine Band in den härtesten Passagen einen ordentlich Druck von der Bühne ballern, hat das einen ungezwungenen Touch, einen angenehm unangestrengten Zugang zur eigenen Legende und dem schier erschlagenden Arsenal an bedeutungsschweren Hits, auf die Boysetsfire im (mehr oder minder) 22. Bandjahr zurückgreifen können. Wie sehr die genreprägende Kombo ihre vorläufige abermalige Abschieds- oder zumindest: Pausen -Tournee geniest – Gray will sich in nächster Zeit vor allem auf sein Nathan Gray Collective konzentrieren, dem Rest der Band mangelt es ja auch nicht an Projekten – ist also omnipräsent und spürbar, ihre Spielfreude absolut ansteckend. Wer sich also fragt, wieviele Endorphine eine Punkrockshow ausspucken und wieviel Spaß Hardcore machen kann – Boysetsfire erteilen eine packende Lehrstunde diesbezüglich.

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Im Kontrastprogramm zu den den Abend eröffnenden, zu jedem Zeitpunkt todernst auftretenden Wolf Down versprühen Boysetsfire so geradezu ein Feuerwerk der guten Laune. Was den Hauptact des Abends und das Auftreten der auf End Hits Records untergekommenen Ruhrpottler eint, ist jedoch die Bedingungslosigkeit und Intensität der Performance.
Und das, obwohl Wolf Down alles andere als einen leichten Job zu erledigen haben. Vor der Bühne klafft ein stetes Loch, denn für wen die zu diesem Zeitpunkt schwer zu begeisternde Menge an diesem schwülen Abend ins PPC gepilgert ist, daran bleibt kein Zweifel. Da helfen auch noch so viele „Graz, bewegt euch!„-Aufforderungen nichts, ein Sicherheitsabstand zur Bühne bleibt. Der Funke will einfach nicht überspringen, das Publikum bleibt die vollen 30 Minuten Spielzeit über wohlwollend reserviert.
Dabei ist die Band auf der Bühne in jeder Hinsicht noch besser als auf Platte, feuert ihren metallischen Hardcore Punk rund um so nackenbrechend effektive (wie auch ein wenig vorhersehbare Breakdowns) und rasende Abfahrten mit präziser Leidenschaft, schweißtreibendem Körpereinsatz und enorm viel Engagement ab – hier steckt einfach enorm viel Energie und eine gewaltige Getriebenheit unter der Haube, die wohl nicht so einfach auf Konserve zu bannen ist. Insofern stört es auch keinesfalls, dass die politischen und sozialkritischen Botschaften manchmal ein wenig plakativ formuliert ankommen, denn im Kern merkt man, wie ernst es der Band in ihren Bestrebungen ist. Es ist auch diese unbedingte Authentizität gepaart mit der berstend kraftvollen Performance, die Wolf Down weit über den Erwartungshaltungen zu einem grandiosen Live-Erlebnis machen, aber die Frage stellen: Wie gut muss dieses (in den besten Augenblicken an die Größen des Genres gemahnende) Gift-und-Galle-Spucken erst vor einer Menge sein, die sich von dem Quintett auch wirklich mitreißen lässt?

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Der angestrebte Pitt kommt unter diesen ernüchternden Gegebenheiten für (die Kollaborationspartner) Wolf Down jedenfalls nicht zustande – bei Boysetsfire bricht er praktisch unmittelbar von selbst aus. Als wäre ein Schalter im Publikum umgelegt worden kippt die Stimmung in euphorische Ausgelassenheit, ein feiernder Ausnahmezustand stellt sich innerhalb kurzer Zeit ein. Die Menge frisst dem Charme von Boysetsfire aus der Hand, hängt Gray an den Lippen, saugt jede Geste der Band  enthusiastisch auf. Diese wiederum füttert die ausgelassene Zuhörerschaft mit einem wahren Schaulaufen der Hits und Hymnen: Requiem, Release the Dogs, Walk Astray, My Life in the Knife Trade,…. – die Ausnahme-Nummern geben sich die Klinke in die Hand, es steht nahezu alles am kompakt auf den Punkt gezirkelten, aber nichtsdestotrotz hungrig hinterlassenden Spielplan, was die textsicheren und stimmgewaltigen Fanherzen begehren. Selbst Songs der beiden nur (sehr) guten Comebackalben …While a Nation Sleeps und Boysetsfire zünden geschmeidig in der dynamisch zwischen Zuckerbrot und Peitsche pendelnden Setlist, die große Gesten wie selbstverständlich neben eine nach vorne gehende Härte schichtet: in diesem Metier kann weiterhin kaum jemand mit den Jungs aus Newark mithalten.
Da kann es sich das perfekt aufeinander eingespielte Quintett auch bedenkenlos leisten, die beiden unkaputtbaren Ausnahmehits von After the Eulogy dann bis zum atemlos begeisternden finalen Schlusssprint aufzusparen, bei dem es nach einem angetäuschten Abschied samt programmatischer Zugabe endgültig kein Halten mehr gibt, alles mitgröhlt, was den Mund aufbekommt, Fäuste in die Luft fliegen, kaum einer still steht. Blickt man sich danach um, sieht man in glückselige und dankbare Gesichter – gefühltermaßen aller Altersklassen, die sich an diesem Abend in erstaunlicher bandbreite hier versammelt haben. Boysetsfire verbinden eben, auch generationsübergreifend. Weil man Wertarbeit ohne Ablaufdatum serviert bekommt, einem das Herz aufgeht, während Boysetsfire die Bühne mit einem Tritt auf das Gaspedal des melodischen Hardcore zerlegen. Kurzum: Warum diese Band einem (immer noch, weiterhin und sowieso) so verdammt viel bedeuten kann, führt dieser Abend so eindrucksvoll wie vital – und ohne jeden Funken altbackener Nostalgie – triumphal vor. Ihre besten Jahre haben Boysetsfire also höchstens im Studio hinter sich.

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Setlist:

Bled Dry
Requiem
Release the Dogs
Savage Blood
My Life in the Knife Trade
Cutting Room Floor
Eviction Article
Closure
Deja Coup
Until Nothing Remains
Walk Astray
After the Eulogy
Empire
One Match
Rookie

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