Caspian – Dust and Disquiet

von am 14. September 2015 in Album

Caspian – Dust and Disquiet

Das hinter seiner anmutig-bedrückenden Ästhetik todtraurige Artwork spricht stille Bände: 2013 verstarb Caspian-Bassist Chris Friedrich vollkommen unerwartet.Dust and Disquiet‚ fasst aus dieser Ausgangslage heraus jedoch nicht nur den Mut weiterzumachen, sondern hebt den Postrock der Amerikaner mit einer gefassten Aufbruchstimmung gar auf ein neues Level.

Dust and Disquiet‚ ist ein Album, dem man zu jedem Zeitpunkt anhört aus einer bodenlosen Trauer, Verzweiflung, unterschwelligen Wut und leisen Sehnsucht heraus geboren worden zu sein, bis zu einem gewissen Grat vielleicht sogar aus einer keimenden Orientierungslosigkeit. Stand doch justament als sich Caspian gefühltermaßen endlich aus der zweiten Reihe der modernen Postrock-Vertreter gespielt hatten die Frage im Raum: Wie – wenn denn überhaupt – weitermachen?
Bereits die unmittelbare Reaktion in Form der sessionaufarbeitenden ‚Hymn For The Greatest Generation‚-EP zeigte: Resignation und Selbstmitleid ist keine Lösung, mag die Trauer auch noch so schwer wiegen. 3 Jahre nach dem dritten Studioalbum ‚Waking‚ ist dessen optimistisch schimmernde  Grundstimmung jedenfalls weitestgehend dunklen Farben und einer düsteren Ausstrahlung gewichen, der Funke Hoffnung glimmert jedoch. Mehr noch: Da ist nun auch eine Ruhelosigkeit, die Caspian immer wieder über ihre bisherigen Horizonte hinauswachsen lässt.

Dust and Disquiet‚ gibt sich trotziger und stellenweise auch wieder brachialer als sein Vorgänger, ohne an die Wucht der Frühphase anzuschließen, arbeitet sein Spektrum an Emotionen als intimes Wechselbad der Gefühle zwischen leidenden Innenansichten und wütender Katharsis ab. Es entwickelt sich eine Achterbahnfahrt, so kohärent wie abwechslungsreich, die vor allem von der immanenten Dynamik des Gesamtflusses lebt, erzeugen Caspian dabei doch diesmal eine stilistische Spannweite, die bisher noch keiner Platte des Sextetts aus Massachusetts innewohnte. ‚Dust and Disquiet‚ verirrt sich dabei aber keinesfalls zwischen all seinen Facetten, Ausrichtungen und Ideen – es gewinnt sogar gerade durch seine Unberechenbarkeit und variable Vielseitigkeit an Homogenität. Das vierte Album der Band ist ein in sich enorm dicht geschlossenes Gesamtwerk geworden, mosaikhaft verbunden, im Detail allerdings ein Mikrokosmos der variabel  vereinnahmenden Momentaufnahmen, der niemals zerrissen wirkt, sondern mit seiner immens breiten Basis imponiert.

Das eröffnende ‚Separation No. 2‚ wärmt so mit friedfertig oszillierenden Gitarren, leisen Streicherarrangements und abgedämpften Saxofonbläsern. ‚Darkfield‚ sucht dagegen mit kaltem Noise, getriebener Percussion und unterschwemmender Elektronik über den Mathrock-Umweg die direkteste Verbindung von Ben Frost zu Russian Circles. Mit dem beinahe grimmig zu Werke gehenden ‚Echo and Abyss‚ bewerben sich Caspian dagegen gefühltermaßen für den ästhetischen Zwitter aus dem Debütalbum von A Perfect Circle, dem Post Metal von Isis,Everyone Into Position‚ und ‚A Story in White‚. Die an dieser Stelle zwischen mantraartig gepflegten und reinigend hinausgeschrienen Screamo-Vocals spiegeln dazu einerseits die Bandbreite der Platte ziemlich gut wider, läuten andererseits aber auch den homogensten Wellengang von ‚Dust and Disquiet‚ ein, direkt hinein in das stille Herz der Platte.
Run Dry‚ baut dort als reduziertes Folkkleinod rein auf eine Akustikgitarre und resignierenden Gesang am Lagerfeuer auf. „From the time we were young/ We were wild eyed dreamers/Now we cautiously raise our eyes/The season has turned from one to the next“ schürt Gitarrist Calvin Joss de Kloß im Hals, „We are wide awake now“ singt er mit müder Stimme.

Dass danach inmitten des schwirrenden Pianointerludes ‚Equal Night‚ und der fingerpickenden Gitarrenminiatur ‚Aeternum Vale‚ ausgerechnet ‚Sad Heart of Mine‚ steht, ein aufmunternder, typischer Postrock-Vertreter, der entgegen seines Titels die Sonne im Herzen wiederfindet, ist dann vor allem ein wohliges Zugeständnis an die Zuversicht. Aber auch die Erinnerung, dass Caspian die klassischen  Genrestücke nicht aufgegeben haben. Schon das eindringliche ‚Ríoseco‚ beschwört eine zum Sturm anschwellende, melancholische Kerzenlichtstimmung zwischen Oceansize und frühen Mogwai, lässt die weihevolle Lapsteel schmachten und das Solo hinten raus könnte dazu all jene ins Boot holen, denen Vennart’s Soloalbum zu kompakt ausgefallen ist.
Im jugendlich zum Lärm schielenden ‚Arcs of Command‚ bauen polternde Drums eine schwindelerregnde Intensität vor modulierten Loops auf, Caspian erlösen den stringenten (man kann auch sagen: vorhersehbaren ) Climax mit einem hart rockenden Gitarrenabfahrt, die man so vielleicht auch von zahlreichen nahverwandten Kombos kennt – Caspian sind nur eben längst das Quäntchen besser darin, ihre Melange aus betörend schönen Melodien, zartgliedrigen Momenten und packenden Lautstärkewänden inmitten von atemlos gestaffelten Crescendi, meditativen Tremolo- und Delay-Welten aufzuschichten, das typische Auf-und-Abebben zu einem runden Ganzen zu verarbeiten und dabei Ermüdungserscheinungen aus der erzeugten Atmosphäre auszusperren.

Nicht jeder der vergleichsweise konventionelleren Ausflüge der Platte gerät dabei gleich mitreißend und übermannend, vor allem jene Passagen, in denen Caspian den eigentlichen Freiheitsdrang von ‚Dust and Disquiet‚ nur bedingt unterstützen, schwächeln im Kontext marginal. Wenn ausgerechnet der zwölfminütige Titelsong sich also „nur“ damit begnügt, sein zugrunde liegendes Motiv im Spielverlauf zweimal zu voller erhabener, strahlender Größe aufzurichten, dann verkauft dies einerseits zu gleichen Teilen die stärksten Momente von ‚Dust and Disquiet‚ ein wenig unter ihrem Wert, wie es die Platte andererseits eben auch mittels einer Paradenummer seiner Zunft aufzeigend kulminieren lässt; Sicherlich nicht einer der originellsten Augenblicke von ‚Dust and Disquiet‚ – aber einer der wunderbarsten auf einem Album, dass wie der Silberstreifen am Horizont der band aufzeigt: Caspian sind an den Umständen gewachsen.

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