Color Film – Living Arrangements

von am 23. Juni 2017 in Album

Color Film – Living Arrangements

Daryl Palumbo ist bekanntlich nicht der Schnellste, was das Zustandebringen von Alben angeht. Während sich also auch nach eineinhalb Dekaden (und den beiden grandiosen Kurzformaten Our Color Green sowie Coloring Book) weiterhin keine neue Glassjaw-Platte am Horizont abzeichnet, darf Living Arrangements da durchaus als Schnellschuss betrachtet werden – immerhin sind seit dem ersten Lebenszeichen von Color Film gerade einmal vier Jahre vergangen.

Gerade in Anbetracht der Tatsache, dass Palumbo bereits rund um die Until You Turn Blue-EP verlauten ließ, dass er und Color Film-Kompagnon Richard Penzone (Ex-Men, Women and Children sowie seit 2010 auch bei Head Automatica) „started playing around and we came up with a million weird ideas that both of us had and instantly started working on music that we wanted to record“ und „the two of us probably share more interests than anyone else I’ve ever met in my life and there are all these wild, arty records that we both love so it only made sense for us to sit down and try to channel that into something new“ ist das freilich dennoch eine nicht gerade kurze Zeitspanne, um die gemeinsame Kombo letztendlich auf Albumlänge in Gang zu bringen.
Doch gut Ding braucht eben manchmal Weile – selbst, wenn man es mit einem derart demonstrativ aus der Zeitkapsel gefallenen Stück Musik wie Living Arrangements zu tun hat, das einen vor allem als darbenden Glassjaw-Fan durchaus erst einmal daran knabbern lässt, dass Palumbo seine Entwicklung zu mehr Eingängigkeit und einer unbedingten Tanzbarkeit selbst mit Decadence und Propaganda nicht derart konsequent vorangetrieben hat, wie in den hier versammelten 12 Songs.
Die skizzierenden Ankündigungen hält das „art pop duo“ darauf jedenfalls vom ersten Moment an ein, indem es ein kaum zu bändigendes Wildern in nahezu allem meint, was die 1980er so im Spannungsfeld von Postpunk bis New Wave ausgepuckt haben.

Auf Understatement setzen Color Film vor allem in der ersten Hälfte von Living Arrangements kaum. Gleich We’d Kill Each Other eröffnet als supernervös pumpende Discohatz auf Speed mit schneidenden Gitarren, spacigen Synthieeffekten und einem durch die Decke gehenden Ruhepuls – und sprintet in gerade einmal knapp 90 Sekunden ins Ziel. Nicht immer zirkeln Palumbo und Multiinstrumentalist Penzone derart atemlos auf den Punkt: Wenn Crawling in Circles mit entspannten Drumcomputer-Groove den Glassjaw-Schwelger Ape Dos Mil einen spät geborenen Nachfolger beschert, indem er dessen Sehnsucht in einen Lounge Modus mit Casino-Bläsern übersetzt und Goldkehlchen Palumbo dazu in voller stimmlicher Bandbreite schmachtet, ist das großartig, aber mit knapp sechs Minuten Spielzeit eben doch vor allem zu lang – und damit ein stellvertretender Gipfel für die eine oder andere enervierende Ausführlichkeit von Living Arrangements in weiterer Folge.
Ein Urteil, dass jedoch nicht zwangsläufig einen Anspruch auf Endgültigkeit stellt, funktioniert das Debüt des Duos doch gerade in dieser Phase ambivalent: Zwar kommt nahezu jeder Song hier durch die Vordertür und zündet in gewisser Weise unmittelbar – doch bewerkstelligen Color Film das beim Erstkontakt vor allem durch das ausschütten von Stresshormonen. Erst nach und nach wandeln sich diese zu Endorphinen, da hinter der angespannt hibbeligen Ausstrahlung und dem überspannten Effekteclash letztendlich ausnahmslos starke Songs mit einem bestechenden Gespür für astreinen Pop stehen. Knallige Ohrwürmer sogar, die ihre Referenzen zu kaum einem Zeitpunkt unter den Teppich kehren und zudem eine so unbändigen wie erfrischende Rastlosigkeit in ihrer Variabilität zelebrieren.

Neben allen anderen assimilierten Einflüssen von Squeeze bis zu den Talking Heads feiern Color Film dabei vor allem immer wieder das (zuletzt ja nicht gerade ehrwürdig fortgesetzte) Erbe der Gang of Four: Ob nun im unheimlich schmissigen Small Town, das mit seinem funky Bass und potentiellen Andy Gill-Attacken zu einem seltsam dringlich-zurückgelehnten Dancefloor-Kracher wird; Im hyperaktiven I Need a Parasite, das mit aufgedrehten Rhythmusgefühls kaum stillsitzen kann und mit seiner Percussion an allen Ecken und Enden antaucht, während  Palumbo das schweißtreibende Geschehen mit einem regelrecht analytisch-unterkühlten, sexuell aufgeladenen Gesang konterkariert; Im zappeligen Postpunker Ambush Bug, der mit spitz abgehackten Gitarren und überdeckten Schlagzeug absolut nervös hastend spätestens bei den stoischen Backingvocals an die stilprägenden Band aus Leeds erinnert.
Und Restless Summer klaut ohnedies gleich an den selben Stellen wie The Futureheads in ihren besten Momenten und geht über Math-Gefrickel geradezu furios infektiös in einer mehrstimmigen ADHS-Hookline sondergleichen auf, die einfach nicht mehr aus dem Schädel will. Wieder so ein slicker Hit, der über die angespannten Nervenstränge kommt.

Palumbo und Penzone sind allerdings schlau genug, den Bogen nicht zu überspannen. Nach dieser ersten unruhigen Hälfte gewichtet das Duo die Beschaffenheit von Living Arrangements deswegen auch dezent um und geht nicht mehr nur nach vorne, sondern auch zurückgenommener in sich – und findet so immer konsequenter zu einer gemäßigteren New Romantic zwischen Spandau Ballet und Merchandise. Bass in Seven schiebt und drückt etwa dichter gestaffelt mit seinem energisch angetriebenen Schlagzeugspiel, präsentiert sich jedoch alsbald als shiftender Wechselbalg, der sein Tempo unberechenbar vom gribbelnden Adrenalinschub zur trippigen Lavalampenoase und weiter zum entspannt dösenden Jam variiert. 52 Minds lässt elegischer durchatmen und zieht den strengen Korpus im Refrain in weiläufigere Gefilde, zu The Cure und The SmithsEven if I Did Exist folgt diesem eingeschlagenen Weg traumwandelnd in dunklere Gefilde und fantasiert eine melancholisch pochende Schönheit, die endgültig nicht nur die aufgekratzte, sondern auch die tiefgründige Seite der Band aufzeigt – und damit die Gangart von Living Arrangements quasi vorgibt.
Selbst das mit Funk-Tieftöner und schillernden Saiten liebäugelnden Springtime of our Love legt sich primär in eine entrückt driftende Atmosphäre, während die dubbige Quasi-Ballade Bad Saint den Bogen ideal zu Day After Day spannt: Living Arrangements endet in einer ätherisch-meditativen Klanglandschaft, in der ein erhabener Refrain thront. Das spinnt den Bogen nach dem anfänglichen Exzess einer ruhelosen Partynacht versöhnlich zu Ende und schickt eine süchtig machende Sause auf Heavy Rotation.
Was deswegegen bleibt, ist ein vielen Facetten schillerndes Debüt, dass nach kurzer Irritation einen kohäsives Blick durch das Kaleidoskop in die 1980er liefert, um ein vor Spielwitz und Enthusiasmus förmlich übersprudelndes Duo zeigt. Und damit vielleicht nicht das ist, was man sich nach all den Jahren von Palumbo gewunschen hat – aber eben nichtsdestotrotz ein anachronistisches Schmuckstück darstellt, das ein für allemal klarstellt: Pop kann der 38 Jährige einfach nahezu ähnlich formvollendet, wie emotionalen Post Harcore.

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  • Honorable Mentions 2017 - HeavyPop.at - […] das großartige Color Film–Debüt Living Arrangements in seiner eklektischen 80er-Sucht vordergründig nach dem hemmungslosen Spaß an der Sache klingt,…

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