Destroyer – Poison Season

von am 16. September 2015 in Album

Destroyer – Poison Season

Der elegante Softrock des 201er AlbumsKaputt‚ hat Dan Bejar und seine Band nach knapp eineinhalb Jahrzehnten des Geheimtippdaseins schlagartig ins Rampenlicht befördert und damit auch Möglichkeiten aufgetan, die ‚Poison Season‚ nun erntet: Destroyer zelebrieren ihren schönklingenden Wohlfühl-Pop formvollendet.

Bejar, seines Zeichens Gesicht, Hirn und Herz der von ihm selbst immer noch als Gruppenprojekt deklarierten Kanadischen Destroyer, hat den finanziellen Gewinn, den sein neuntes Album unerwarteterweise abgeworfen hat hörbar reichhaltig investiert, sich mit Band samt Bläser- und Streichersektion in Brian Adams Studio eingemietet und dabei die üppigeren Rahmenbedingungen geschaffen, um den mit ‚Kaputt‚ eingeschlagen Weg noch ausführlicher zu erforschen.
Auf ‚Posion Season‚ führt dies gleich zu drei Besuchen am New Yorker Times Square: Die Ouvertüre ‚Times Square, Poison Season I‚ lässt als märchenhafte Elegie den Morgenhimmel voller Geigen strahlen, ‚Times Square, Poison Season II‚ beendet den Cinemascope-Abend mit verhalten lächelndem Piano, wohlwollender Geste, Bejar nimmt seine Gefolgschaft mit längst vertrauten Motiven ein letztes Mal in die Arme. Dazwischen öffnet sich ‚Times Square als wunderbar leichtfüßige Popnummer – wie Sie Jens Lekman als Salonlöwe Bowie verkleidet so anstandslos vielleicht noch nie hinbekommen hat – und steht derart ausgerichtet stilbildend mitten drinnen in einer Platte, die sowohl instrumental als auch in den butterweichen Arrangements aus ihren Vollen schöpft, sich dabei aber die inszenatorisch hintergründige Genügsamkeit bewahrt hat, die Destroyer in der Zeit über Wasser gehalten hat, als man noch nicht das Liebkind von Pitchfork und Co. war.
Tatsächlich hätte ‚Posion Season‚ wohl nur zu leicht eine selbstgefällige, größenwahnsinnige Bauchpinselung und exaltiertes Schwadronieren werden können – stattdessen schmiegt sich Bejar in eine vor Contenance und Eleganz liebestrunkene, enorm stil- und geschmackvoll daherkommende, lauschig-elegante Produktion, singt so behutsam, als müsste er jede einzelne Silbe zudecken und streicheln.

Poison Season‚ präsentiert sich so als ein verzaubernder, beinahe intellektuell tröpfelnder, grazil flanierender Fluss an großen und kleinen Ohrwurmschmeichlern, der ausgeschmückte Intimitäten wie das melancholische ‚Girl in a Sling‚ ohne Reibungspunkte auf einen leichtfüßigen Percussiontango wie ‚Forces From Above‚ tupfen lässt. Vor dem inneren Auge tauchen der Broadway auf, lateinamerikanische Rhythmen blenden in glamouröse Chamber-Pop-Sequenzen über, ein bisschen so, als würde man neugierig durch Erinnerungen tauchen.
Midnight Meet the Rain‚ klingt mit seinen dezenten Funklicks gar, als würde Shaft eine gefühlvolle Verfolgungsjagd durch einen Agentensoftporno drehen. In ‚Hell‚ umgarnen sich verspielte Streicher und schwermütige Bläser, Bejar tänzelt darunter hindurch und setzt sich an das schüchterne Piano, holt die ganze Band an Bord und zelebriert großen Pop, aber ohne jene Theatralik, auf die etwa Rufus Wainwright so versessen ist. Opulenz findet man hier, sicherlich, aber mehr noch einen weitläufigen Raum, in dem allen referenzlastigen Ingredienzien viel Luft zum Atmen bleibt, Spannungsbögen sich geschickt über die zartschmelzenden Harmonien legen.
Sun in the Sky‚ darf deswegen gerade soweit jazzig sein, bis es fast so wirkt, als würde Song drumtechnisch auseinanderfallen – was natürlich letztlich vermieden wird. Weil ein bisschen Schweiß unterm Sakko zwar guttäte, zumeist jedoch jedes Detail an seinem angedachten Platz bleibt und ‚Poison Season‚ selbst dann nicht aus seinem maßgeschneiderten Lounge-Anzug schlüpft, wenn das in sich gekehrte ‚Solace’s Bride‚ seine relaxte E-Gitarre und fiebriges Saxofon gegeneinander wetteifern lässt (am Ende fallen sich natürlich beide harmoniesüchtig in die Arme), die Easy Listening Yacht-Grandezza von ‚Archer on the Beach‚ sich Drinks am Strand genehmigt oder Bejar zur von Bläserwirbel nach vorne getriebenen Single ‚Dream Lover‚ (und wieder heulen die Saiten so sorgfältig versteckt im Hintergrund!) in tiefer Verneigung vor Springsteen, The War on Drugs und den Beatles augenzwinkernd feststellt: „I think I used to be more fun/ Ah shit, here comes the sun„.

Raise a toast to the world of scum around us closing in/…/I visit the symphony/ I smell a rat“ urteilt Bejar, als würde er sich selbst wundern in welche Umgebung er sich manövriert hat. Spätestens im schunkelnden Hit ‚Hell‚ ist dann allerdings ohnedies vieles doch ein wenig abgründiger, als die wie Öl hinuntergehende Oberfläche suggeriert: „Baby, it’s dumb/ Look what I’ve become/Scum“ croont Bejar mit seiner so unheimlich sanften, stets in unmittelbarer Nähe ins Ohr flüsternder Stimme, „I was born bright/ Now I’m dark as a well/A kite washed up on the shoreline/ It’s hell down here, it’s hell„.
Paradoxerweise möchte man fast meinen eine Euphorie in der Selbstgeißelung mitschwingen zu hören, die Gitarren schmachten hinaus in den Sonnenschein. Tatsächlich hat Bejar die Aufnahmen zur Platte immer dann anhalten lassen, wenn sein Gesang ins allzu emotionale abzugleiten drohte – was natürlich einen Gutteil des entrückten Charmes der romantischen und zutiefst edlen Kompositionen ausmacht. Gerade dieser mangelnde Selbstverlust ist es dann aber auch, der das zumeist getragen in seiner Schmusezone schwelgende ‚Poison Season‚ „nur“ zu einer rundum unangestrengt-perfektionistischen Angelegenheit macht, die durch die vor allem im Vergleich zum (trotz aller Intentionen nicht vergessbaren) Vorgänger zurückgegangene Gefühlstiefe durchaus zum dezent ermüdenden Schaulaufen der eigenen Makellosigkeit werden kann. Insofern hätte es das dichte ‚Poison Season‚ phasenweise wohl nicht geschadet auch mal etwas kaputter daherzukommen, dem Suchtfaktor des Destroyer‘schen Soundkosmos macht dies freilich kaum weniger verführerisch, während man sich in in der zitatfreudigen Schönheit von ‚Poison Season‚ verliert und Bejars Vorschlag nur zu gerne nachkommt: „You could fall in love!

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