2011 – Die 50 Alben des Jahres: Knapp daneben ist auch vorbei

von am 5. Februar 2012 in Jahrescharts 2011

Für einen Platz unter den 50 heavypop.at Alben des Jahres hats nicht gerreicht, unter den Tisch kehren sollte man die folgenden Platten jedoch trotzdem nicht. Einen Ehrenplatz abseits des Listenwahns haben sich verdient:

Zu den Plätzen 50 – 41 | Zu den Plätzen 40 – 31 | Zu den Plätzen 30 – 21 | Zu den Plätzen 20 – 11 | Zu den Plätzen 10 – 01 | Zu den EPs des Jahres

———————————————————————————————————————————————

A.A. Bondy 'Believers' Cover Art  A.A. Bondy

 Believers

 Die Lichter, die auf A.A. Bondy´s dritter Soloplatte scheinen, sind nur ein weiterer Teil Dunkelheit im niemals hellen Trübsalfolk des Berufsmelancholikers und Ex-Grungers. ‘Belivers‘ ist dabei der vollzogene Rückschrit gen klassischer Rockinstrumentation und öffnet sich gerade dadurch neuen Wegen. Ist Country, Folk und Slowcore und bratzt dabei nicht selten geradezu breitbeinig aus den Boxen. Stämmig schüchterne Musik für das Ende der Nacht. An jeder Stelle hätte Bondy ein “Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten” einstreuen können.

———————————————————————————————————————————————

  The Atlas Moth

 An Ache for the Distance

 The Atlas Moth waren lange genug ein gut gehütetes Geheimnis des Chicagoer Metaluntergrunds. Damit ist jetzt Schluss, dafür wird ‘An Ache for the Distance‘ auf lange Sicht zweifelsohne sorgen. Dabei macht es einem dieses widerspenstige Biest alles andere als leicht: Sludge, Screamo, Doom und Black Metal – alles schaut hier irgendwie vorbei, ohne bleiben zu wollen. Man weiß, was diese Gitarrenband meint, wenn sie von ihren Blueswurzeln spricht und kann trotzdem nur den Kopf schütteln. Ein Album, das gleichermaßen bis zur nächsten Torche Platte wie bis zur Misery Signals Rückkehr vertrösten kann – obwohl die hiermit dann ja auch wieder gar nichts zu tun haben. Gegen ‘An Ache for the Distance‘ kann man eben nur verlieren.

———————————————————————————————————————————————

  Blood Ceremony

  Living with the Ancients

Es muß ein verdammt gutes Jahr für okkulten Classic Rock gewesen sein, wenn ein kleiner Geniestreich wie das zweite Blood Ceremony Album unter “ferner liefen” einsortiert werden darf. Zumal die Kanadier damit klar unter Wert verkauft werden, macht die Band um Sängerin und Flötistin Alia O’Brien doch alles gleich wie auf dem superben selbstbetitelten Debüt – nur eben noch viel besser. Doom, Metal, Folk, Psychedelik oder Progressive Rock: ‘Living with the Ancients‘ kann das Alles und noch so viel mehr. Jethro Tull und Black Sabbath verneigen sich.

———————————————————————————————————————————————

  Cymbals Eat Guitars

 Lenses Alien

 Über wieviele Hacken kann man simple Popsongs schreiben? Cymbals Eat Guitars wagen auf ihrem Zweitwerk die Probe aufs Exempel. Das fischt im Fundus von Dinosaur Jr, von Built to Spill und Sonic Youth und macht schlußendlich doch vor allem eines: Den unschicken, neben allen Trends vorbeischrammenden 90er Jahre Indierock von Joseph D’Agostino und seinen New Yorker Freunden konsequent weiterzuspinnen. Wer hier ‘Why There Are Mountains‘ nachweint, hat vielleicht nicht genau genug zugehört – zumal Cymbals Eat Guitars nicht wie so oft behauptet einfach nocheinmal das selbe Album aufgenommen haben.

———————————————————————————————————————————————

  Destroyer

  Kaputt

Die Platte, die dem Namen nach ein kompromisloses Metal Brett vor dem Herren sein müsste. Stattdessen: Wunderbar anschmiegsamer, traumhaft schöner Soft-Pop-Rock, der zu jeder Sekunde den 1980ern Tribut zollt und selbst damals als handzahme Kuschelmusik missinterpretiert hätte werden können. Tatsächlich schüttelt Worcaholic und Stiltausendsassa Dan Bejar nach überstandener Sinnkrise sein mutmaßliches Meisterwerk aus dem Ärmel. Synthesizer und Keyboarde jubilieren. “Sounds, smash hits, melody maker N.M.E./ All sound like a dream to me / All sounds like a dream.” Ist wirklich so.

———————————————————————————————————————————————

  Earth

  Angels of Darkness, Demons of Light
Part 1

 Man möchte einer Band wie Earth keine bösen Hintergedanken bei der Veröffentlichung eines Doppelalbums mit einem Jahr Zeitunterschied und unmittelbar nach einer EP-Compilation unterstellen, nicht bei der Qualität des Outputs der Band um Dylan Carson. Der sich nun schon seit mehreren Alben entwickelnde Country-Doom/Drone/whatever wird um die faszinierende Welt des Cellos erweitert, was den Unfehlbaren ihrer Art ganz ausgezeichnet steht. Ein Jahr mit einem Earth Album ist ein Gutes Jahr, also auf 2012 und den Old Black.

———————————————————————————————————————————————

  Elbow

 Build a Rocket Boys!

 Guy Garvey und seine Spießgesellen haben sich in den letzten Jahren neu in die Meisterwerke von Talk Talk verliebt, ‘Build a Rocket Boys!‘ meint man dies unmittelbar anzuhören. Das fünfte Elbow Album ist jedoch nicht nur deswegen das vermutlich unscheinbarste Werk der englischen Suffpoeten geworden. Es ist eben auch der gewollte Rückzug aus dem Rampenlicht, dass seit ‘The Seldom Seen Kid‘ so vehement auf die Band derniederscheint. Dass das Album diesen Zweck nur mäßig erfüllt, liegt vor allem daran, dass die elf versammelten Song schlicht und einfach wieder einmal zu berührend, zu ehrlich, zu großartig geraten sind. Mögen sie sich auch noch sosehr dagegen streuben:  Elbow sind nicht mehr die unter Wert verkauften Underdogs.

———————————————————————————————————————————————

  Explosions in the Sky

 Take Care, Take Care, Take Care

 Explosions in the Sky können es sich immer noch leisten, weiterhin “nur” konventionellen Postrock zu spielen und damit nicht nur durchzukommen, sondern Vorzeigegenreband parat zu stehen. Nirgendwo anders perlen die Gitarrenwände derart filligran ineinander, umschlingen sich zu derart direkt am Herzen funktionierenden Schönheiten. Da wäre die Beinaheweiterentwicklung in Form des Beinahetanzbodenfüller ‘Trembling Hands’ nicht zwangsläufig nötig gewesen – magische Momente wie die Handclaps in ‘Last Known Surroundings‘ oder die Instrumentaloffenbarung ‘Postcard from 1952‘ regeln das ganz von alleine.

———————————————————————————————————————————————

  Feist

  Metals

 ’Metals‘ nimmt nicht den geradesten Weg, will mit aufgestellten Nackenhaaren um jeden Preis aufzeigen, dass Leslie Feist nicht nur ‘1234‘ zählen und mit ‘Mushaboom‘ Herzen verdrehen kann. Deswegen darf in ‘A Commotion‘ der Refrain auch ala Einstürzende Neubauten eingeleitet werden und die Vorabsingle ‘How Come You Never Go There‘ jedwede Hitqualität zu verschleiern versuchen. Hilft natürlich alles nix, ‘Metals‘ ist schlussendlich doch ein astreines Feist Album, in den richtigen Momenten nur weniger gefällig und glattgebürstet als seine Vorgänger. ‘Graveyard‘, ‘The Circle Married the Line‘ und wie die süßen Hits dieser Platte alle heißen mögen mal ungeachtet – ein geradezu mutiges Album für die Kanadierin.

———————————————————————————————————————————————

  Giles Corey

  Giles Corey

Eigentlich ein Gesamtkunstwerk: Dan Barrett hat ein geheimnisumwittertes Mysterium um die Figur des Robert Voor gesponnen, darum herum ein Buch von beängstigender Intensität geschrieben und gleich noch den passenden Soundtack dazu geschrieben. Einsamer, düsterer Schlafzimmerfolk ist ‘Giles Corey‘ geworden, in seiner eindringlichen Art beinahe schon zu verstörend, um zu einem ständigen Begleiter zu werden. Die beschwingten, luftigen Passagen sind da immer nur ein kurzes Luftholen vor dem nächsten Depressionsanflug.

———————————————————————————————————————————————

  Low

  C’mon

Den unsäglichen Begriff und die imaginären Geschwindigkeitsgrenzen des Slowcores ignorierend folgen Low ihrem Meisterwerk ‘Drums & Guns‘ mit einer gegenseitigen Liebeserklärung. Der Sound dankt dem Duo die Auswahl des In-Aufnahmeortes Kirche mit einem dem Thema angemessenen warmen und vollen Klang; was früher noch in einem eigenen Pseudo-Genre beheimatet war kann hier nur noch Postrockschlieren die sich hintergründig durch die Songs ziehen genannt werden – eine wunderbare Evolution einer wunderbaren Band.

———————————————————————————————————————————————

  Oupa

 Forget

Forget‘ klingt wie die logische Reaktion auf den allseits ausgebrochenen Hype um die Dinosaur Jr Verehrer Yuck. Die Abkehr aus den Schlagzeilen, der Rückzug ins stille Kämmerlein. Daniel Blumberg hat ein stockdunkles Pianoalbum aufgenommen, dass kaum Hoffnung, keine Fröhlichkeit oder Jubelstimmung kennt. Sieben Ausflüge auf die dunkle Seite von Blumbergs Psyche machen ‘Forget‘ zu einem melancholischen, wunderschön traurigeigen Kleinod, die den Engländer als frühvollendeten Musiker jenseits der Trendbarometer etablieren. The Unwinding Hours würden hier ihren perfekten Toursupport finden.

———————————————————————————————————————————————

  Rival Schools

 Pedals

 Nein, ‘Pedals‘ ist nicht so gut wie ‘United by Fate‘. Dabei konnte man beim 2001 erschienenen Debütalbum der Szenesupergroup auch kaum erahnen, dass der eigentlich harmlos eingängige Alternative Rock von Rival Schools einfach nicht zu wachsen aufhören wollen würde und knapp zehn Jahre später immer noch nichts von seinem Reiz verloren hat. Der Vergleich erscheint also unfair – man freut sich, dass der ewig junge Walter Schreifels endlich mal ein zweites Album eines Projektes fertig stellen wollte. Und was macht ‘Pedals‘ einstweilen? Das wächst heimlich still und leise ohne großes Aufsehen zu machen. Songs wie ‘Choose Your Adventure‘, ‘A Parts for B Actors‘ oder ‘The Ghost Is Out There‘ will man schon jetzt nie mehr missen müssen.

———————————————————————————————————————————————

  Times New Viking

 Dancer Equired

  Hört sich so die Zuwendung an den Mainstream an –  wenn das Schlagzeug scheppert wie nur was, die Gitarren sich gegenseitig schneiden und der Gesang permanent zu kippen droht? Im Fall von den Noiserockern Times New Viking kurioserweise tatsächlich. ‘Dancer Equired‘ markiert die Kennenlernphase der Band mit der sagenumwogenen Erfindung des Plattenstudios und tauscht schlußendlich bloß No-Fi gegen Lo-Fi aus. Ansonsten bleibt alles beim Alten, Times New Viking spielen weiterhin entstellte Genrehits, nur eben sauberer. Ähnlich gut hat das dieses Jahr nur noch Jeffrey Lewis hinbekommen.

———————————————————————————————————————————————

Wu Lyf

Go Tell Fire To The Mountain

Am Ende des Jahres sind Marketingstunts vergessen, und es steht allein die Musik im (Kirchen-)Raum. Viel mehr die Presse als die World United Lucifer Youth Foundation propagierten mit einer uninteressanten Anonymität. Was zählt ist die krude Mischung aus den Stimmen Isaac Brocks und Tom Waits’ mit der Ellery James Roberts durch das Debutalbum rumpelt, sowie die pathetische Produktion und das treibende Schlagzeugspiel die den angenehm frischen, diabolisch ungewaschenen Folk der Briten bestimmen.

———————————————————————————————————————————————

Zu den Plätzen 50 – 41 | Zu den Plätzen 40 – 31 | Zu den Plätzen 30 – 21 | Zu den Plätzen 20 – 11 | Zu den Plätzen 10 – 01 | Zu den EPs des Jahres

Related Post:

Print article

1 Trackback

  • Destroyer - Poison Season - […] elegante Softrock des 201er Albums ‚Kaputt‚ hat Dan Bejar und seine Band nach knapp eineinhalb Jahrzehnten des […]

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen