Dominik Scherrer & Natasha Khan – Requiem

von am 27. Februar 2018 in Soundtrack

Dominik Scherrer & Natasha Khan – Requiem

Eine gefeierte Cellistin versucht nach dem Suizid ihrer Mutter in der BBC-Mystery Thrillerproduktion Requiem verstörende Geheimnisse der Vergangenheit zu ergründen. Dominik Scherrer hat der Serie unter Mithilfe von Natasha Khan (alias Bat for Lashes) den entsprechenden Soundtrack auf den Leib geschrieben.

Der Brite mit Schweizer Wurzeln rückte dafür die Hauptfigur und ihr Instrument in das Zentrum seiner Aufmerksamkeit: „I loved that the central character, Mathilda, is a concert cellist. The cello immediately unlocked the door into the score and justified an element of virtuoso solo cello.
Mit unkonventionellen Aufnahmemethoden und Interpretationsansätzen („The cello often plays in unusually spooky registers, as if it was part of a mysterious Welsh landscape. I also had a say on the choice of classical repertoire that would be played live on the screen. I was happy we now have modern pieces by Kodaly and Glass, avoiding the clichéd G-major Bach Cello Sonata!“) sowie im direkten kreativen Austausch mit dem Entstehungsprozess des eigentlichen Filmdrehs entstand so eine entrückte Klanglandschaft von unwirklicher Schönheit.

There is a cheeky element to the show, as well as a genuinely scary one. Giving a stylistic nod to 1970s lo-fi soundtracks from BBC’s Radiophonic Workshop or 1970s horror soundtracks, together with a pastoral spookiness of the cello and strings themes started give Requiem its own unique atmosphere.“ Was die ätherische, gespenstisch-verwunschene Stimmung von Requiem relativ gut einfängt, in der Scherrer aus einigen vertrauten assoziativen Referenzpunkten einen tatsächlich äußerst eigenwilligen Score zaubert, der traumwandelnd ohne Barrieren herausragend fließt.
Mal erinnert dies an eine düsterer beklemmende Melodramatik von Jessica Curry (Aigra), mal an Akira Yamaokas Silent Hill in trügerischer Geborgenheit (Naaa). Rgoan klingt wie Sigur Ròs als reduzierter Kraut-Ambient mit unterschwellig pulsierend martialischer Goblin-Haltung, wohingegen Erubey oder das mit gezupften Gitarren und Streichern sinnierende Lsraphm wie eine Rückkehr zu Gustavo Santaolallas The Last of Us-Einsamkeit anmutet. Eine klaustrophobische Dichte liegt über der Aura von Stücken wie Omsia, als würde Dark Souls auf die majestätisch verschwimmende Elegie von Journey treffen und in folkloristischer Melancholie baden.

Essentiell für das Wesen des Score ist dabei der Beitrag von Bat for Lashes-Chanteuse Natasha Khan, diesmal nicht im synthetischen Pop-Modus und unter ihrem bürgerlichen Namen.
Zwei Jahre nach dem Konzeptwerk The Bride ist ihr Gesang als zusätzliches Instrument zu begreifen, als sakrale Lautmalerei, die sich mühelos von erhebenden Gesten zu verspulten Orgien aus gehauchten Silben und dunkles Messen aus Atemgeräuschen streckt (Xpaxn), nur ausnahmsweise hellere Töne zulässt (Saaiz) und ihre Stimme im wärmenden Drone von Nlirx wie das leise glimmernde Licht durch über den schwarzen Abgrund gleiten lässt.
Der natürlich mutierenden Organismus Requiem entfaltet so einen ganz eigenen, zutiefst homogenen und imaginativen Rausch, den das kongeniale Duo Khan und Scherrer immer wieder zu markanten Höhepunkten dirigiert, die voller wandelbarer Facetten kaum Längen zulassen, sich eine Ausnahmestellung im diesjährigen Soundtrack-Jahr erarbeiten, in das man ein ums andere Mal verlieren möchte, obwohl man menschlichen Urängsten in tröstender Sanftheit begegnen könnte.

Izraz fächert den Orchestergraben schließlich auf, hat ein Volumen wie Game of Thrones aus der Max Richter-Perspektive von The Leftovers oder pflegt den schleierhaften Blick in eine mystische Vergangenheit, die es so nicht gab, bevor irgendwann eine einsame Orgel wellenförmig in das Geschehen treibt, ein anachronistisches Retro-Neon-Flair über das spinnwebenverhangene Anwesen in der Nebelsuppe zieht. Adopa lässt Spannungen unter die Haut kriechen, die auf würdevolle Weise sinister sind, auf ungemütliche Art beruhigend.
Wehklagend opulente Skizzen wie Edlprnaa umwehen Klangibstallationen mit rezitierender angedeuteter Katharsis (Lavavoth), anderswo klingt Laoaxrp wie ein Stammesritual von fabelhaften Zauberwesen im Synth-Lavalampenkreisel. Und das zitternde Grundmotiv von Requiem vibriert immer wieder, zerfließt beinahe vor sehnsüchtiger, verzweifelnder, pastoraler Anmut.
Weswegen nach unergründlich fesselnden 39 Minuten auch zumindest eine Sache kein Rätsel bleibt: Man kann sich Requiem, eine letztendlich enttäuschende Serie mit viel liegen gelassenem Potential durchaus zu Gemüte führen. Am dazugehörigen Score von Scherrer und Khan sollte allerdings im TV-Kosmos 2018 definitiv kein Weg vorbeiführen.

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