Bat For Lashes – The Bride

von am 19. September 2016 in Album

Bat For Lashes – The Bride

Ein Vorwurf, den sich zwar auch die beiden Glanztaten Fur and Gold und Two Suns, vor allem aber das 2012 durchaus enttäuschende The Haunted Man gefallen lassen mussten: Es waren dann doch zumeist einzelne herausragende Song-Geniestreiche, die die bisherigen Studioalben von Bat for Lashes dominierten und prägten.

Ein Problem, dem sich Natasha Khan auf The Bride ganzheitlich annimmt nach dem esoterischen Two Suns das zweite Konzeptwerk ihrer Karriere vorlegt, diesmal an weltlichere Themen gebunden: Die Geschichte einer Frau, deren Bräutigam am Tag der Hochzeit bei einem Autounfall stirbt, woraufhin sich die Titelprotagonistin alleine in die Flitterwochen begibt, um das Trauma des Verlustes zu verarbeiten, formt das vierte Werk von Bat for Lashes entlang der Tragödie zur melancholischen Sinnsuche durch ein Gefühlsmeer der Trauer, Depression und letztendlich auch Akzeptanz, die irgendwann doch in leiser Hoffnung mündet.
Wenn sich die einsame Braut nach dem eingangs erlittenen Verlust auf einen einsamen Roadtrip der Selbstfindung begibt, arbeitet Khan trotz aller stilistischer Vielseitigkeit mit weicher Stringenz daran, die Reise als die Summe der bezaubernden Teile zu installieren und The Bride zum bisher wohl in sich geschlossensten Gesamtkunstwerk ihrer Discografie zu machen. Ein Geduld förderndes Sittenbild, das selbst die drei ausgekoppelten Singles zwar das allgemein getragene Tempo anziehen, aber nicht ausreißen, sondern sich als Synthie-Dreampop-Innenansichten zu erkennen geben; die eingängig sind, ohne auch nur einen Gedanken an eine direkte Hitaffinität zu verschwenden, und stattdessen eine meditative Eleganz ausstrahlen, um sich in den generell so ruhigen, beherrschten und regelrecht erhaben nach Trost suchenden, wärmespendenden Songfluss einfügen.

Dabei dräut das Unglück bereits zu Beginn über allen Beteiligten. In dem minimalistisch mit Steel-Guitar perlenden Kammermusik-Opener I Do träumt The Bride am Abend vor der Trauung im Mittel aus liebestrunkenen Battles und Julia Holter vom schönsten Tag ihres Lebens und einer strahlenden Zukunft („Tomorrow you will take me for your bride/And all of the grey skies will blow away/With forever that I feel inside„), bevor sich der Bräutigam im sphärisch durch die Dunkelheit pochenden Joe’s Dream durch einen abgründig-beruhigten Schlaf windet: „Oh, what does it mean?/The bad things that I’ve seen„. Spätestens wenn die geisterhaften Chöre hinter einer unwirklich verglühenden Khan auftauchen ändert sich nicht nur die Stimmung der Platte, man muss auch mehr denn je an die Klasse einer Kate Bush denken – oder ein wenig an Laura.
Die finsteren Vorahnungen werden sich jedenfalls bewahrheiten. Die Kirchenglocken läuten, still wummert es flirrend In God’s House. Die wartende Braut befindet sich inmitten einer elegischen Ballade, die mit beschwörender Subtilität immer weiter und dramatischer anwächst, während an deren Ende aber nur quietschende Reifen, ein brennendes Autowrack und das Desaster warteten. Honeymooning Alone übernimmt als dunkel vorangetriebener, verhalten groovender Kellerjazz mit märchenhaften Lichtblicken, der den Roadtrip – und damit die eigentliche Haupthandlung – in eine vorerst einsam scheinende Zukunft beginnt: „And I’ll always be the girl that was denied„.

Der pumped-klackernde Electropop von Sunday Love rennt halb nervös, halb gelöst Richtung Portishead, Erinnerungen ziehen mit vergänglicher, trauriger Schönheit vorbei („I see her in every place I go/Sunday love is so cold/Even though I’m falling apart/I want Sunday love in my heart„), wohingegen Never Forgive the Angels abwartend lauernd die düsteren Momente von Nick Cave beschwört, denen Khan einen sakral fantasierenden Überbau verpasst hat und das engelsgleiche Close Encounters mit seinen wunderbaren Vocals ein Liebesbekundung von herzzerreißender Intensität und Sanftheit darstellt: „You know that I’ll love you till the stars don’t shine/You know that you’ll always fill this heart of mine/And I could never forget with time/All our close encounters„. Der so verletzliche Höhepunkt einer Tour de Force, die einem den Kloß in den Hals zaubert und seine bildgewaltige immaginative Präsenz in der Schnittmenge aus Tarantino und Malick entfaltet.
Das ätherische Widow’s Peak hat Simon Felice in den Credits, döst aber durch einen rezitierend-beschwörendes Ambientmeernebel und bildet mit dem feingliedrig um seine Streicher schmiegenden Land’s End den emotionalen Tiefpunkt für die Braut. Damit wandelt sich The Bride tatsächlich erst recht zu einem unheimlich getragen Werk, das beinahe alles Tempo aus der Substanz nimmt und dadurch schon mäandernd wirken kann. Denn was narrativ Sinn macht, verliert aus rein musikalischer Sicht etwas zu sehr den Zug zum Tor aus den Augen. Paradox aber wahr: Ab diesem Zeitpunkt wünscht man sich dann doch ncoh ein herausragend platziertes Highlight im Verlauf letzten Drittel einer Platte, die sich in die eigene Selbstreflexion verrannt hat, der ein Weckruf aus der dröge zu werden drohenden Lethargie hinsichtlich der generellen Dynamik durchaus entgegenkommen würde.
Zumindest, bis die Schlussphase der Platte zwar ebenso unscheinbar, aber durchaus ergreifend ihre unwirkliche Magie andeutet: The Bride findet im majestätisch verhaltenen If I Knew die Gewissheit, irgendwann doch wieder glücklich sein zu können, indem sie zu sich selbst findet: „But I’m thankful for who you helped me find/…/And I thought it was you I’d been searching for/But somehow I am the mirror, the mountain, the door“ singt Khan, folgt dem Silverstreifen am Horizontin das gemächlich pochende, unspektakulär optimistische I Will Love Again. Dass die Hoffnung hier keine große Geste braucht, unterstreicht auch das versöhnliche In Your Bed. Selbst wenn die Grenzen zwischen Realität und Traumwelt längst verschwommen sind: „And dream forever in a world of our minds/ Just spending time in your bed/ And walk forever in a silence sublime/Just spending time„.

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