donaufestival [06.05.+07.05. 2016, Krems]

von am 10. Mai 2016 in Featured, Reviews

donaufestival [06.05.+07.05. 2016, Krems]
Foto: david visnjic donaufestival

Zwei Tage verbrachte Heavy Pop am diesjährigen donaufestival in Krems. Zwei Tage voller neuer Inputs, vieler wissbegieriger Menschen, Musik und Performances, die man in Österreich sonst lange suchen muss.

Tag 5 beginnt mit der nach Jean-Paul Sartres Werk über Jean Genet benannten Truppe Saint Genet. Die Performance „Frail Affinities“ zeigt die Verletzlichkeit, Schmerzen, Freude und Delirium von Menschen in Extremsituationen. Spielort der Performance ist die von Ryan Mitchell, Ben Zamora und Casey Curran konzipierte Installation „Who With Their Fear Is Put Beside Their Part„, die einen geeigneten Rahmen von organischen und anorganischen Materialien liefert. Die Performer häuteten sich mit Hilfe von flüssigem Latex, das am Körper trocknete und wie überschüssige Haut an Armen und Beinen herabbaumelte. Jeden Abend der Performance wird ein oder mehrere Performer oder Performerinnen in der Mitte der Bühne tätowiert.
Assoziationen zu Schnee (kleine Schneehasen-Felle), dann wieder Sonnenlicht (die Verwendung der Farbe Gold) sind gegeben und stehen wohl für die unterschiedlichen Wettersituationen denen Siedler und Flüchtlinge ausgesetzt sind. Die Performer singen und tanzen, es schwingt aber immer etwas Gespentisches mit, wenn sie zum Beispiel nackt im Kreis amerikanische Folksongs vergangener Zeiten intonieren, während bunte Blumenvisuals auf ihre nackten Körper projiziert werden. Die Verwendung von gold leuchtenden Rettungsdecken hätte die Performance nicht unbedingt gebraucht, zu oft wurde sie schon als Metapher für äußeres und inneres Frieren und für Frischgestrandete benutzt. Sehr spannend waren die abrupten Wechsel von Licht und Finsternis, „Frail Affinities“ ist auch für die Zuseher ein gewaltiges Erfahrungsspektrum, eine Abhandlung über die amerikanische Geschichte – die Geschichte von Emigration, Migration und Flucht.

Foto: david visnjic donaufestival

Foto: david visnjic donaufestival

Dann nachts performte Le1f mit Enthusiasmus und Freude, das Publikum schwang mit, mit hochgestreckten Händen und Grinsen im Gesicht. Er ist ein mitreißender Künstler, seine Texte wetterten gegen Rassismus und Homophobie, sein Outfit und seine Moves überzeugten zusätzlich, dass dies alles höchst tanzbar sein kann.

david visnjic donaufestival

Foto: david visnjic donaufestival

Shadows, der erste Spielfilm des New Yorker Regisseur John Cassavetes, ist eine verdichtete Hommage an Jazz, Beatniks und Existenzialismus am Ende der 1950er Jahre. Rein improvisierte Szenen mit schwarzen und weißen Schauspielern in New Yorks Straßen und Appartements liefern dem Publikum ein scharfes Bild der damaligen Jugend und jungen Erwachsenen. Unterlegt mit Musik u.a. von Charles Mingus ist der Film ein gelungener Einstieg in den 6. Tag des donaufestivals.

Nachmittag im Forum Frohner: Wir finden uns in der Schlussszenerie einer abgespielten Wild West Show wieder. Tatsächlich wird das Regieteam die Bühne umbauen in die „Mongolian Show„. „Dschingis Khan“ von Monster Truck & Theater Thikwa wird getragen von den drei Darstellern mit Down Syndrom. Mit diesen Bildern, Stereotypen und Vorurteilen spielt das Projekt, im ersten Teil unter sichtbarer und hörbarer Anweisungen der Regisseurin. Im zweiten Teil sind die Darsteller ohne Regieteam auf der Bühne und übernehmen die scheinbare Kontrolle über das Stück und über unsere Erwartungen.

Foto: david visnjic donaufestival

Foto: david visnjic donaufestival

God’s Entertainment zeigen zwei Arbeiten am Festival. Erstere ist die Installation „Al Paradiso – Eine Installation, die zum Schweigen bringt“, das Publikum betritt einen abgedunkelten Raum mit einer monochromen Deckenprojektion. Der Raum ist gefüllt mit alten Holzsärgen, die weich gepolstert den Besucher und die Besucherin einladen sich hineinzulegen. Was ich auch tat, den Blick nach oben gerichtet, schweigend und die Ruhe, die eintritt genießend. An der Decke dann plötzlich Wassertropfen, und im Ohr die Drone-Sounds, ein Gefühl der Geborgenheit und ein gewollt „politisches Nichtsein“ stellte sich ein. Ein Versuch einer Rekonstruktion des Totseins.

Foto: david visnjic donaufestival

Foto: david visnjic donaufestival

Die zweite Arbeit ist die Performance, die das Festivalmotto bildet, „NIEMAND HAT EUCH EINGELADEN – Teil II der Neuen Europäischen Tragödie“. Dass niemand die Besucherinnen und Besucher eingeladen hat in Analogie zur Nicht-Einladung von Migrantinnen und Migranten in deren gewähltes Fluchtland ist die Basis auf der die ganze Performance aufbaut. Empfangen wird das Publikum von menschlichen, angeleinten Hunden, wie wir sie aus Pasolinis „Salò“ kennen, und diese Hunde kläffen und beißen. Das Publikum sitzt in drei Gruppen rund um die bespielte Bühnenfläche und wird mit einem riesigen Flüstertrichter beflüstert. Die agitatorische Arbeit erinnert an die Spaßguerilla der 1960er Jahre, kann sie und will sie belehren?
Wichtigste Erkenntnis des Abends ist, dass sobald eine Bühne und ein Zuschauerraum betreten wird, jede und jeder sofort eine Rolle einnimmt, sei nun bewusst oder unbewusst. „Please Let Me Get What I Want“ von The Smiths erklingt und beschreibt das europäische Dilemma sehr gut. Wir nehmen für eine Millisekunde die Rolle eines Flüchtlings ein, indem wir durch einen dunklen Tunnel von einem Dixi-Klo ausgehend auf die andere Seite, der zuvor hochgezogenen Mauer, gelangen. Davor gab es noch Sekt zu trinken. Dann eine Ansprache eines Würdenträgers und die Aufforderung sich für die Bundeshymne zu erheben, viele Zuseher und Zuseherinnen tun es nicht. Spielen wir nicht alle jetzt gerade eine Rolle? Verabschiedet werden wir schließlich vom original österreichischen Wichser, einer speziellen Form der Peep Show, in der ein Mann mit Österreich-Fahne vorm Gesicht masturbierte. Jean Paul Sartres Bezeichnung „rassistischer Humanismus“ im Vorwort zu Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ beschreibt die europäische Tragödie treffend, wir sind nackt und machtlos, wir haben Angst.

Ebenfalls in der Messehalle zelebrierte Pantha Du Prince Presents The Triad mit Reflektoren auf dem Kopf ruhige Beats, ein guter Kontrast zu dem zuvor erfahrenem agitatorischen Theater.

Foto:

Foto: david visnjic donaufestival

Guten Abend“ sagt DJ Koze mit seinem DJ-Set, das mich zum euphorisierten Tanzen brachte, eine Mischung aus House, Techno und Worldmusic passte für das Publikum genau. Der gesamte Saal bebte, sprang und lächelte. Schweiß, erhobene Hände und geschwungene Hüften dankten der Hamburger Legende. Ein wundersamer, gelungener Ausklang für das Festival. Wir sehen uns nächstes Jahr.

Foto: david visnjic donaufestival

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