Elbow – Giants of All Sizes

von am 23. Oktober 2019 in Album

Elbow – Giants of All Sizes

Vom Verlieren und Festhalten der Hoffnung in Zeiten essentieller Verluste: Elbow beweisen auf ihrem bisher wohl tatsächlich dunkelsten Album Haltung und finden für Giants of All Sizes Trost in zwischenmenschlichen Beziehungen.

Dass der enervierende Prozess um den Brexit oder das Greenfell Tower Fire Spuren auf Giants of All Sizes hinterlassen haben, halten Elbow gerne fest. Allerdings lenkt Guy Garvey den Fokus dann eben doch immer wieder vom universellen auf eine intimere Ebene, wenn sich die versammelten 40 Minuten der Platte mehr noch aus persönlichen Schicksalsschlägen speisen, den Tod zweiter nahestehender Freunde oder des eigenen Vaters zu verarbeiten versuchen.
Die neun Songs der Platte sind deswegen inhaltlich phasenweise pessimistisch und desillusioniert wie selten. Garvey singt grandiose, niederschmetternd bezaubernde, vom Glauben abfallende Zeilen wie „And I don’t know Jesus anymore/ And an endless sleep is awaiting me/ And I haven’t finished yet/ And I’m not a dog for the end of days/ I’m a bird in a hurricane/ With the heaviest heart jackhammering in me“ oder „I was born with trust/ That didn’t survive the white noise of the lies/ The white heat of injustice has taken my eyes/ I just wanna get high“.
Und doch ist Giants of All Sizes kein negatives oder gar hoffnungsloses Album. Sondern eines, die das stettdessen umso deutlicher Zuversicht im Miteinander sucht – und vordergründig in kleinen, unscheinbaren Momenten der Schönheit die Kraft findet, auch die finsterste Stunde zu meistern. Dann kann eine einfache Busfahrt mit dem kleinen Sohn als gefühlter Neuanfang für Garvey sogar zumindest für den glücklichen Moment ein kleines bisschen schwerer wiegen, als all der Ballast des vergänglichen Lebens: „This day is made of hope and space/ And home like I have never known/ I found it in your perfect face“.

Zwischen diesen Extremen des Optimismus und Resignation haben Elbow einen homogenen Songsammlung-Grower geschrieben, der eingangs durchaus unterwältigend enttäuschen kann, sich aber nach und nach zum achten Beweis der These mausert, dass die so verdammt konstanten Engländer einfach kein auch nur ansatzweise schwaches Album aufnehmen können.
Allerdings doch ein weniger rundes als bisher. Immerhin ist die Amplitude zwischen hochklassigen Standards (wie das vorsichtige The Delayed 3:15, das klingt wie eine sanfte  Reminiszenz an Leaders of the Free World, bevor die Band hinten raus ein verspieltes Orchester herbeipfeift, obwohl die Nummer eigentlich heimlich, still und leise endet; oder der bequem-sentimentale Closer Weightless als absolut klassische Elbow-Grandezza in aller emotionaler Herrlichkeit) und nur sehr soliden Füllern diesmal stärker ausgeprägt als bisher.
Empires lässt sich als solcher wellenförmig treiben und fokussiert erst über den hastig-uneiligen Refrain mit seinem bauchigen Bass – überhaupt ist Pete Turner ganz allgemein so präsent wie seit Fly Boy Blue / Lunette nicht mehr. Doldrums hat eine tolle Hook rund um „You Moses the Red Sea of men on the corner/ Singing all of this stuff in our veins is the same“, mäandert mit abseitigem Piano, den nicht um Schieflage verlegenen Garvey sowie einem jazzigen Beat aber zu ungezwungen im Farbspektrum der Beatles. Und On Deronda Road ist dann leider ohnedies nur eine unausgegorene Skizze aus Thom Yorke’schen King of Limb-Digitalbeats und schrammelnden Flamenco Gitarren samt psychedelischen Gesang von den Plumedores und Nathan Sudders. Sicher interessant – allerdings unterläuft die Band das experimentelle Wesen der Nummer mit belanglosen Schemen und einer viel zu eindimensionalen Strophe/Refrain/Strophe-Struktur.

Während man wegen dieser Schwankungsbreite erst noch meint, dass der Band diesmal keine Gänsehaut-Momente gelungen sind, schleichen sich dann doch wieder einige unabdingbare Karriere-Highlights ins Herzen – manchmal subversiver, manchmal pompöser.
Der absolut überragende Opener Dexter & Sinister ist als schwer groovende Walze ein Triumphzug, der die massive Rhythmusarbeit von Little Fictions (2017) mit dominanten Bass fortsetzt. Dazu funkeln die Melodien über eine kantige Gitarre, während sich die Nummer zur Mitte hin beruhigt, das Piano immer weiter in den Vordergrund holt  – und plötzlich ein locker eingeschwungener Twist den Song wendet, mit perlender Gravur und sphärischen Vocals von Jesco Hoop, die den Song in den nonchalant jammenden Spacerock mit treibenden Strukturen löst. Die abgedämpft polternde Stammenspercussion und das feierliche Klatschen von Seven Veils bieten dagegen ein Zuhause für eine tröstende Atmosphäre, die sehnsüchtig von einer unendlich bezaubernden Lieblichkeit träumt: „There’s no roses in this garden/ No sun melting in the sea/ Over and over and over and over it/ You live for the final dance/ Take your seven veils and sail the seven seas“.
White Noise White Heat spannt den Bogen auch zu Dexter & Sinister zurück, legt aber noch majestätisch die Spannung anziehende Abbey Road-Streicher von epischer Dichte und erhebender, himmelstürmender Geste darüber – inklusive kleines, kauziges Rock-Solo. Und My Trouble ist schlichtweg wundervoller Lovesong, der den subtilen Brückenschlag von der Neuerfindung mit Little Fictions zur Vergangenheit und den Elbow-Platten des vorherigen Jahrzehnt spannt. Giants of All Sizes mag sich also ein wenig zieren – letztendlich gibt es aber wenig, das den Wert dieser Platte aufwiegen kann: „I miss you, my trouble/ Just this morning alone with you/ Worth a lifetime alone on this Earth„.

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