Emma Ruth Rundle – On Dark Horses

von am 22. Oktober 2018 in Album

Emma Ruth Rundle – On Dark Horses

Emma Ruth Rundle hat in Jaye Jayles Evan Patterson einen Seelenverwandten gefunden und für On Dark Horses nicht mehr alle Gitarrenpars selbst gespielt. Das gibt ihrem vierten Soloalbum nicht nur eine optimistischere Perspektive, sondern auch die Freiheiten, um ihren schwer festzumachenden Sound noch weiter streifen zu lassen als bisher.

Trotz mehr Spielraum kanalisiert On Dark Horses jedoch vor allem auch alle anderen Projektionsflächen der Kalifornierin – vereint die Aspekte ihrer Solodiskografie bis hin zum niederschmetternden Marked for Death, inhaliert Elemente ihrer Veröffentlichungen mit Marriages, Nocturnes oder Red Sparrows, und destilliert, warum Rundle mit arachaischen Stoikern wie den Swans auf Tour geht und unlängst nicht nur bei Thrice sondern auch bei Drone-Cowboy Dylan Carlson zu Gast war.
Das so eklektische wie eigenwillige On Dark Horses verortet sich damit irgendwo in einer Mutation aus kantigem Americana und unbändigem Singer-Songwriter-Dreampop/Folk, der aber mit den Mitteln des avantgardistischen Postrock gespielt wird; es finden sich zum Shoegaze sinnierende Momente aus der Perspektive des Postmetal, Gothic-artige Gesten mit der Ästhetik des Doom, als hätte Anna von Hausswolff einen kaum zu zähmenden Ausritt von Chelsea Wolfe inszeniert. Nicht die einzigen assoziativen Refenzpunkte, wenn Rundle irgendwo zwischen PJ Harvey und Alanis Morissette intoniert oder sich das nachdenklich entschleunigende Races wie eine Exkursion von Grouper zu Low ans andere Ende der Welt anfühlt, mit  The War on Drugs als vage Skizze eines Soundtracks, aufbauend traurig: „And sometimes the night is a prison and sometimes a palace/ I’m still the king in my own crown/ Everyday I’m fading away again,it’s my kind/ Every night you know I come alive again, it’s my time to shine„.

Ein symbolisches Stück sanfter innerer Unruhe, der vermeintliche Silberstreifen am Horizont: „Nothing’s going to stop us„. Dass derartige, nun ja, hoffnungsvolle Szenen auf dem dunklen On Dark Horses überhaupt möglich sind, liegt daran, dass mehr als alles andere die Kooperation mit Jaye Jayle im vergangenen Jahr persönliche und personelle Spuren hinterlassen hat. Neben Tour-Schlagzeuger Dylan Naydon besorgt Jaye Jayle-Bassist Todd Cook die kraftvolle Rhythmusarbeit, auf deren dominant scheppernder Energie sich das so organische Bandgefüge in permanenter Aufbruchstimmung immer wieder auf die Hinterbeine stellt, die konzentriert schwelgenden Gitarrentexturen von Rundle und Evan Patterson am Horizont verfolgt.
Mit eben diesem Patterson verbindet Rundle nach The Time Between Us nicht nur eine romantische Beziehung, sondern auch eine kreative Symbiose: Neben der Zusammenarbeit für No Trail and Other Unholy Paths ergänzen sich die beiden nun auch für Light Song grandios – ein apokalyptisches Duett, in dem der Jaye Jayle-Vorstand wie ein unheilvoll dräuender Schatten in sonorer Grundierung hinter Rundle schleicht und der hintergründigen Katharsis der Outlaw-Western-Atmosphäre neue Facetten abringt, die authentische Tiefe einer lebensnah abgekämpften Platte intensiviert.
Nach dem abrupten Beginn des Openers Fever Dreams, der karg pulsiert, asketisch-anmutig die Gitarren schimmern lässt, hämmernd dröhnt und mit noisig angedeuteter Feedback-Wucht eine Schneise durch die Hohheitsgebiete von (Alternative) Rock und Folk zieht, steht Rundle wie der Felsen in brodelnden Songs, die sich von einem Moment in der anderen von traumwandelnd ambienter Schönheit in packende Heavyness stürzen können. On Dark Horses vibriert im duellierenden Zusammenspiel aus Laut und Leise, sowie den emotionalen Grauzonen dazwischen, wenn intime Resignation und energische Ausbrüche intensiv aufeinanderprallen. Es brodelt eine rohe und wettergegärbte Geborgenheit in der Dunkelheit, eine erhebende Eleganz, die mit abgründiger Härte sehnsüchtig schwelgend mitreißt und schweift -lebt.

On Dark Horses hat dabei auch eine latent dynamischere Breite als der nahtlos übergebende Vorhänger Marked for Death, ist sowohl vielschichtiger und facettenreicher, als auch kompletter und geschlossener.
Der Sound von Produzent Kevin Ratterman ist mal mächtig und dann wieder ausgemergelt – ein natürlich gewachsenes Unwetter, das den idealen Rahmen für eine instrumental überwältigend charismatische Arbeit bietet, eine unmittelbar direkte Nahbarkeit vermittelt, in deren simplizistischen, so facettenreichen und vielschichtigen Texturen es immer wieder Details und Nuancen zu entdecken gibt, die Zuckebrot und Peitsche auf einen gemeinsamen Leidensweg führen.
Dort entwickelt sich das in Wellen kommende Control zu einer verletzlichen Monstrosität und kämpft sich Dead Set Eyes verloren durch die Nacht, um einen episch strahlenden Sternenhimmel erahnen zu lassen. In der unwirklichen Stimmung von Apathy on the Indiana Border gleiten die Gitarren mit poetischer Klarheit über den treibenden Rhythmus, bevor der überragende Schlußpunkt You Don’t Have to Cry als trügerisch wärmende Reduktion so unheimlich melancholisch eine tröstende in den Arm nehmende Lieblichkeit entwickelt: „And in your heart and in your lines/ You’ve worked so hard and you’ve lived so kind, been out there just falling down/ …/ And how you will sing to them and how your verses fall/ And how there’s a Roman candle burning just for you/ You don’t have to cry anymore„.
Kein Grund allerdings, sich keine Sorgen mehr um Rundle zu machen. Bezeichnenderweise ist You Don’t Have to Cry der einzige Song der Platte, den die Musikerin für jemanden anderen geschrieben hat: „It doesn’t have anything to do with my personal struggle and pain.“ Insofern wiegt On Dark Horses über weite Strecken also in falscher Sicherheit. Eine wundervolle Tortur.

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