Flaming Lips – American Head

von am 14. September 2020 in Album

Flaming Lips – American Head

Es wäre, wie der Opener der Platte so richtig skizziert, zu drastisch, bereits von einer tatsächlichen Rückkehr auf den Planeten Erde zu sprechen, denn die Flaming Lips bleiben in entrückten Sphären aktiv. Doch nach knapp einer Dekade Odyssee im trippigen Space-Wahn machen Wayne Coyne und und seine kautzige Schrull-Crew auf American Head erstaunlich nahbar Halt, um sich nostalgisch an die späten 90er und frühen 00er-Jahre zu erinnern.

Und damit an Tugenden, die The Soft Bulletin, Yoshimi Battles the Pink Robots und auch noch At War With the Mystics zu solch wundervollen Meisterstücken machten: American Head labt sich bittersüß und unaufgeregt an einem überbordenden Kaleidoskop aus wundervollen Melodien, aus tröstend unsterblichen Harmonien und charismatischen Hooks, wie nur die Flaming Lips sie spielen konnten – und nun auch wieder aufleben lassend spielen wollen.
So gute alle Veröffentlichungen seit Embryonic und Werke wie The Terror letztendlich auch stets waren, ist dies durchaus eine unerwartete, überraschende Wohltat. Die Band aus Oklahoma reflektiert auf ihrem 16. Langspieler schließlich endlich wieder, und noch weitaus direkter, als man das selbst nach King‘s Mouth erhoffen konnte, weswegen man sich in ihrer Hochphase dereinst in sie verliebt hatte, und liefert auf dem offiziellen Nachfolger zu Oczy Mlody verwaschen-waschechten Pop: erhebend und schräg, natürlich, auch immer noch dezidiert verdrogt, trippig und weniger versöhnlich, als absolut high aufgelöst. Aber nicht mehr um jeden Preis zerschossen, während die Megalomanie einer nebulösen Bescheidenheit gewichen ist. Das vergangene Jahrzehnt mag also zwar merklich Spuren im Wesen der Band hinterlassen, die sich nicht revidieren lassen, doch projiziert man das Songwriting nun so eben seit langer Zeit wieder konsequent vor die Effekte, lässt die Substanz schwerer nachwirken, als die Ästhetik.

So entsteht vor einem konzeptionellen Was-wäre-wenn-Hintergrund – Tom Petty versorgt sich während Demoaufnahmen in Tulsa vor einem halben Jahrhundert quasi bei den dealenden älteren Brüdern von Coyne mit Stoff – eine kammermusikalisch angereicherte, folkrockige Platte, die mit Psychedelic und Dream-Präfixen ausgestattet ihr sanftes, irgendwo sogar genügsames Wesen absolut homogen in einen balladesken Reigen voll und synthiesk angereicherter Songs führt, der gar kein Interesse daran hat, den Fokus für derart klare Hits wie dereinst Race for the Prize, Do You Realize?? oder The Yeah Yeah Yeah Song (With All Your Power) zu schärfen.
Ein Flowers of Neptune 6 schippert stattdessen symptomatisch tiefenentspannt durch orchestrale Welten aus der Dose, nimmt schwelgend mit klareren Konturen Fahrt in Visionen aus den 70ern auf, ist verdammt eingängig, passiert aber hinter einem kuschelnden Schleier und hätte sicherlich so locker eine Indie-Hymne sein können, will aber lieber ein tröstendes Schlaflied ohne Zwang sein.

So funktioniert die Lavalampe American Head, berieselt mit einer stetig wachsenden Nachhaltigkeit. Will You Return / When You Come Down beantwortet seine Frage mit einem herrlich verträumten Popsong im Ambient wattiert, schickt ein weich treibendes Piano in den Hall samt lockerem Groove und schrammelnder Trance, hebt dann mit weicher Opulenz ab und schwebt in den Äther. Watching the Lightbugs Glow zieht sich danach als Zwischenspiel melancholisch zurück, haucht ätherisch und lose durch Twin Peaks treibenden, plätschert im besten Sinne, und Dinosaurs on the Mountain ist eine verspulte kleine Liebenswürdigkeit mit erhebend funkelndem Panorama.
At the Movies on Quaaludes zaubert ebenso gelöst und verspielt, wie melancholisch und elegisch, eine sedierte Überschwänglichkeit irgendwo. Mother I’ve Taken LSD fantasiert als ergreifende Halluzination von der großer Geste, legt jedoch einen kaleidoskopsrtigen Filter um überwältigende Gefühlen, die niemals ganz greifbar werden, und gerade durch diese körperlose Unerreichbarkeit so unstillbar faszinierend auftreten.

Brother Eye flimmert minimalistisch aus den analogen Keyboards und stampft butterweich, das entschleunigte Geklampfe von You n Me Sellin‘ Weed holt einen reduzierten Beat aus der Maschine, deutet esoterische Texturen an, kippt sogar kurz in den peitschend-schnalzend-galoppierenden Appalachen-Folk der frühen Fleet Fox, revidiert diesem spontanen Ausritt aber sofort wieder zurückspulend, weswegen die muhenden Kühe im Western-Schlachthof ein bisschen mit der Band am Effekte-Pedal durchgehen. Und Raumschiffe fiepen, yeah, doch der ruhige Song lässt sich letztendlich nicht aus der Reserve locken.
Wie so vieles hier zieht Mother Please Don’t Be Sad einen Gutteil seiner DNA-Essenz aus dem Vermächtnis der Post-indischen Beatles, als Klavierballade mit Bläsern und Streichern, die im jubilierenden Hippe-Flair behutsam orchestral erblühen. God and the Policeman, das einzige offizielle Zusammenspiel mit der gefühlt allgegenwärtigen Kacey Musgraves, ist ein nonchalant bimmelndes kleines Juwel mit entwaffnender Hook, das dann aber doch am Ereignishorizont verschwindet und eine nonchalante Unverbindlichkeit pflegt, die American Head grundlegend verinnerlicht hat.

Irgendwann im späteren Verlauf der Platte, schaltet man allerdings selbst ohne tatsächlichen Ausfall, ob dieser Indirektheit, einer gewissen Gleichförmigkeit sowie einiger leerer Meter (die im Umkehrschluss und irgendwie auch paradoxerweise das faszinierend dösende Flair der Platte gleichsam mittragen) ein bisschen auf betörenden Durchzug.
Das rumpelnde When We Die When We’re High ist mit seiner stillen Dramatik im somnambulen Wah-Wah-Taumel in diese Länge etwa kein bedingungslos essentielles Bindegewebe, während das beschwingt antauchende Assassins of Youth nicht auf den Punkt findet, wenn Coyne das Szenario erst zerbrechlich zurücknimmt, dann mit dem Club flirtet, ausnahmsweise unbeabsichtigt unentschlossen auftretend einen gefälligen Refrain, sowie eine wirklich stark moduliert Bridge hinten raus in den Weltraum anbietet, bevor der unerbittlich hängen bleibende Closer My Religion Is You seinen bewusst cheesy im Schmalz-Baukasten zusammengesetzten Love-Song zu dröge inszeniert ist, um das Herz restlos aufgehen zu lassen – so etwas haben die Flaming Lips einfach schon noch besser, euphorisierender hinbekommen.
Dass man die Texte auf emotionaler Ebene zudem trotz einer an sich zugrunde liegenden Radikalität voller persönlicher Dramen und Abgründe meist nicht wirklich berührend finden muß, sich aber trotzdem so gelöst in die Umarmung dieser weichen (wohl auch zum richtigen Zeitpunkt in einer kranken Welt Hoffnung verbreitenden, aus dem Nichts auftauchenden) Platte gleiten lässt, immer wieder und wieder, von der optimistischen Ausstrahlung gepackt wird, ist dann aber wie der nostalgisch nachhallende Schatten der wieder in Relation gekommener Referenzwerke durchaus exemplarisch: Die Flaming Lips haben auf American Head – ihrem qualitativ vielleicht sogar kohärentesten Album bisher – ihre magische Ader selbst in den latent weniger großartigen Momenten wieder ein gutes Stück weit freigelegt.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen