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For the Record: Every Time I Die

© Epitaph Records

2020 hätte nach der längsten Studiopause der Band endlich das inzwischen neunte Album von Every Time I Die auf der Agenda stehen sollen – gekommen ist es freilich anders. Zumindest die ersten Vorboten versetzen mittlerweile allerdings in Vorfreude – rufen im Rückblick samt Platten-Ranking aber auch in Erinnerung, welche unfehlbaren Fußstapfen ausgefüllt werden müssen.

Fünf Jahre sind seit Low Teens mittlerweile vergangen, denn ein fertiges Album steckt zwar seit 2020 in der Pipeline, doch die Band gedenkt es ohne Möglichkeit zu touren nicht zu veröffentlichen. Während also bereits das zwanzigjährige Jubiläum der 1998 in Buffalo gegründeten Band ereignislos verstrichen ist, mussten auch die restlichen Beschäftigungen der einzelnen Mitglieder von Every Time I Die – Nebenprojekte, Gastauftritte oder professionellen Wrestling-Karrieren – ruhen und in Warteposition verharren…bis kurz vor dem Jahreswechsel mit A Colossal Wreck // Desperate Pleasures zwei erste Vorgeschmäcke auf kommendes mit der Tür ins Haus fielen.

Dass die Kombo seit 2016 eingerostet sein könnte, stand indes ohnedies nicht zu befürchten. Seit jeher gehören Every Time I Die schließlich zu einer seltenen Spezies: Die Band hat ihren eigenen Sound längst (im Spannungsfeld aus Metalcore und Southern Rock) gefunden, versteht es aber die erarbeiteten Trademarks – auch durch einen regelmäßigen Wechsel am Produzentenstuhl sowie ein bereits unverblümt besungenes Karussell an der Rhythmussektion rund um die konstante Gitarren/Gesangs-Achse Andy Williams sowie die Buckley-Brüder Keith und Jordan – mit jedem neuen Anlauf frisch zu halten und spannende neue Facetten abzugewinnen: Wenn Every Time I Die nicht sogar ohnedies ständig ein bisschen besser werden, sind sie nach der schwachen ersten EP The Burial Plot Biding War, die mit umsortiertem Gekreische mehr austauschbare Ästhetik als fokussierte Substanz bot, deswegen als qualitative Hochkaräter zumindest ziemlich sicher die mitunter konstanteste Band in ihrem Metier.

08. Last Night in Town

Veröffentlichungsjahr: 2001
Produzent: Adam Dutkiewicz
Spielzeit: 34 Minuten
Rhythmussektion: Michael Novak Jr. (Drums) & Aaron Ratajczak (Bass)

Schon knapp ein Jahr nach besagter EP bringt das Debütalbum der Band den noch verdammt chaotischen Standard-Metalcore mit überdrehter Nähe zu Glassjaw in eine bessere Balance im Verhältnis aus manischer Dissonanz und melodischer Griffigkeit. Killswitch Engage-Gitarrist Adam Dutkiewicz hat am Produzentenstuhl zudem seinen Kumpel Howard Jones mitgebracht, der Punch-Drunk Punk Rock Romance antreibt.
Trotzdem: Das Besondere fehlt Last Night in Town einfach noch. Vielleicht, weil man den Southern Rock erst als Ingredienz entdecken muß. Nicht umsonst urteilt Jordan Buckley wenig sentimental über „a chronological order of riffs that we wrote…just 50 riffs and none of them repeat and it’s almost like, what were we thinking?“ ein wenig hart.

07. Gutter Phenomenon

Veröffentlichungsjahr: 2005
Produzent: Machine
Spielzeit: 34 Minuten
Rhythmussektion: Michael Novak (Drums) & Kevin Falk (Bass)

Gutter Phenomenon leidet unfairerweise ein bisschen darunter, dass das dritte Album der Band kein derartig riesiger Entwicklungsschritt nach vorne geworden ist, wie der Vorgänger Hot Damn!.
Dabei finden im Detail durchaus Evolutionen statt: Mit Between the Buried and Me-Bassist Kevin Falk entdecken Every Time I Die etwa (wieder), dass es eine gute Idee ist Gäste zur Party einzuladen – man frage nur Daryl Palumbo von Glassjaw und Gerard Way von My Chemical Romance.
Mehr noch aber beginnen sie Akzente aus der am Vorgänger eingeleiteten Masse herauszuarbeiten und gestehen sich ihre Liebe für den Classic Rock ein. L’Astronaut bekommt einen frickelnden Rahmen und die Gitarren in Easy Tiger oder The New Black sowieso mehr Auslauf. Der cheesy „Ohohoo“-Part in Guitarred and Feathered geht dann aufs Ganze, ohne zu verbergen, dass Gutter Phenomenon zwar eine wichtige Stellung innerhalb der Diskografie einnimmt, aber eher ein die Weichen endgültig fixierendes Übergangskatapult darstellt, dem neben einer Liebe für skurrile Titel starke Einzelmomente, aber nicht die unbedingt  herausragenden Songs gelingen wollen.

06. Hot Damn!

Veröffentlichungsjahr: 2003
Produzent: Eric Rachel
Spielzeit: 27 Minuten
Rhythmussektion: Michael Novak Jr. (Drums) & Stephen Micciche (Bass)

This is a rock and roll takeover“ brüllt Buckley im Verlauf des zweiten Studioalbums. Soweit ist Hot Damn! dann gerade in Relation zu seinen Nachfolgern nicht, wobei schon vom energischen Opener weg klar ist, dass Every Time I Die nun in einer neuen Liga spielen. Sie impfen den Riffs und einem mittlerweile bereits näher bei seinem Trademark-Gesang angekommenen Buckley zumindest eine gehörige Portion Breitbeinigkeit ein, die die bis in den Screamo reichenden Fühler mit metallischer Kante eigenständiger austrägt.
Every Time I Die finden sich hier ein gutes Stück weit selbst – und vermengen ihre Technik samt schwarzen Humor mit zahlreichen kompakten Hooks, die aus einer gewissen Gleichförmigkeit durchaus Szene-Hits macht, die wie in Romeo A Go-Go gar auf Milton und Shakespeare verweisen und mit Ebolorama sogar eine MTV-Nominierung für Best Metal Video of the New Millennium abstauben.

05. From Parts Unknown

Veröffentlichungsjahr: 2014
Produzent: Kurt Ballou
Spielzeit: 32 Minuten
Rhythmussektion: Ryan Leger (Drums) & Stephen Micciche (Bass)
Review |

Die Buckleys machen keinen Hehl aus ihrer Heldenverehrung für Converge, ohne die es Every Time I Die gar nicht gegeben hätte. Dass die Arbeit mit deren Gitarrist Kurt Ballou in den God City Studios also auch eine Menge Druck bedeuten würde, war klar: „It was stressful in the best way, like when your dad comes to watch you play baseball for the first time and you just want to make him proud.“ Dazu kam, dass Keith auch noch an Laryngitis litt und seine Vocals an einem einzigen Tag einsingen musste.
Eine Ausgangslage, an die Every Time I Die demütig und locker herangehen wollten: „Let’s not pretend to be too cool. We can learn so much from him!“ war das eine Credo, und „Instead of making something that the kids can all sing along to, we wanted to create music that scares them“ das andere.
Was gewissermaßen geklappt hat. Die meisten Songs von From Parts Unknown (das seinen Titel Wrestling-Fans angeblich nicht zu erklären braucht) brettern gnadenlos, sind am Hardcore geschulte Abrissbirnen rund um Pelican of the Desert mit Coalesce-Kotzbrocken Sean Ingram, bis hin zum herrlich brutalen Closer Idiot. Und auch wenn ein Decayin‘ with the Boys jeden Pit auf den Kopf stellen kann und auf keiner Greatest Hits-Compilation der Buffalo-Gang fehlen wird, lässt sich doch nicht leugnen, dass gerade die melodischeren Parts der Platte weniger organisch funktionieren – am deutlichsten wird dies in Old Light, dessen Brian Fallon (The Gaslight Anthem)-Gastspiel seltsam bemüht wirkt. Aus einer also mitunter etwas verkrampft auftretenden Platte sticht dann ausgerechnet ihr untypischster Moment, wenn Moor als Horror-Klavierballade wie eine Eiterbeule aufplatzt.

04. The Big Dirty

Veröffentlichungsjahr: 2007
Produzent: Steve Evetts
Spielzeit: 36 Minuten
Rhythmussektion: Michael Novak Jr. (Drums) & Jordan Buckley und Andy Williams (Bass)

The Big Dirty kommt verdammt nahe hin zu dem Ergebnis, das bereits der Vorgänger anvisierte, indem Every Time I Die den Spaß wie in Rendez-Voodoo ungezügelt von der Leine lassen: Studioalbum Nummer Vier pulsiert förmlich vor Lebendigkeit und spritzigen Ideen. Keith Buckleys Umfeld mag, während die Band an der Platte schreibt, also familiär und häuslich geworden sein, doch sein Leben geht vorerst rasant weiter, sogar überschwänglicher als bisher.
The Big Dirty ist catchy und überdreht, ohne in das Durcheinander der Frühphase zu verfallen; variantenreich und hart und schnell, aber durch seine pure Rock‘n‘Roll-Essenz auch am zugänglicheren Ende des Spektrums. Es gibt Backroundshouts, hingebungsvoll gecroontes Triumphgehabe und Kuhglocken, doch Buckley bringt stets Substanz hinter die betont amüsanten Songtitel – man kann auch wieder alleine der grandiosen Texte wegen hier sein. Das gospelschmetternde Dallas Green-Gastspiel INRIhab sorgen zudem für individuelle Highlights.
Doch so gut Every Time I Die mit Steve Evetts als Betreuer in der Southern-Amplitude bis zur grandiosen Schlussszene von Imitation Is the Sincerest Form of Battery auch (trotz einiger weniger aufkeimender Gleichförmigkeit im knackigen Ganzen) zaubern mögen, bleibt trotzdem die Vermutung, dass das Gespann mit dem ausgewiesenen Mathcore-Experten am Produzentenstuhl wohl sogar noch mehr reißen könnte. Weswegen dem so ist, wird der Nachfolger klären.

03. Ex Lives

Veröffentlichungsjahr: 2012
Produzent: Joe Barresi
Spielzeit: 32 Minuten
Rhythmussektion: Ryan Leger (Drums) & Josh Newton (Bass)
Review |

Keith Buckley war gerade erst von der Tour zur Allstar-Tour mit The Damned Things zurück, doch die eigentliche Adrenalinspritze besorgt der erstmals auf Platte zu hörende Ryan „Legs“ Leger, dessen Arbeit an den Drums auf einer Metal-Basis einfach nur exzellent mit den herausragenden Gitarrenideen harmoniert. Dazu blitzen nach dem ein bisschen ikonischen Opener reihenweise brillante Momente im Songwriting auf: Das Banjo in der Anti-Bluegrass-Schlachtplatte Partying Is Such Sweet Sorrow oder das extatische Gitarrensolo von Danzig-Gitarrist John Christ in Revival Mode. Dann ist da auch der psychedelisch aufgelöste Closer Indian Giver, der seine Blastbeats hinter „Ohohooo„-Chöre stellt und damit noch mehr zum Stadion taugt, als und das absolut arenawürdige Finale von Drag King. Über allem steht aber ventuell dennoch I Suck (Blood) – einer der besten Songs der Band.
Kein Wunder also irgendwo, dass Ex Lives charttechnisch die bis heute erfolgreichste Platte der Band darstellt.

02. New Junk Aesthetic

Veröffentlichungsjahr: 2009
Produzent: Steve Evetts
Spielzeit: 38 Minuten
Rhythmussektion: Michael Novak Jr. (Drums) & Josh Newton (Bass)

Die langen Spekulationen, ob es Every Time I Die nach 10 Jahren Vertragslaufzeit auf Ferret Records zu einem Major ziehen würde, klärt New Junk Aesthetic mit Ansage: Der Einstand beim Independent-Giganten Epitaph ist eine pure Hitmaschine, die sich demonstrativ aggressiv aus dem Hardcore und Punk speist.
Zwar haben sich die Buckley-Brüder und Gitarrist Williams eigentlich längst mit ihrem (Ex-)Drummer Ratboy Novak zerstritten, doch perfektionieren sie im Verbund mit From Autumn to Ashes-Bassist Josh Newton dafür die Zusammenarbeit mit Steve Evetts auf einem so brutalen Niveau, dass man es sich hinter Hits wie Wanderlust sogar leisten kann, mit Buffalo 66 einen der besten Songs und frühen Live-Favoriten nur als Bonustrack zu positionieren.
Dass zudem jeder Gast – Greg Puciato von The Dillinger Escape Plan, Matt Caughtran von The Bronx und sogar Pete Wentz von den unsäglichen Fall Out Boy – sticht, tut sein Übriges: New Junk Aesthetic nimmt den Sound von Every Time I Die mit fetten Nackenmuskeln präzise auf den Punkt und zeigt eine Band, die zehn Jahre nach ihrer Gründung hungriger klingt, als je zuvor.

01. Low Teens

Veröffentlichungsjahr: 2016
Produzent: Will Putney
Spielzeit: 43 Minuten
Rhythmussektion: Daniel Davidson (Drums) & Stephen Micciche (Bass)
Review | Jahrescharts 2016

Ein nervenzerfetzendes Drama um die Geburt seiner Tochter haben das Leben des mit Scale gerade erst sein Romandebüt gegeben habenden Keith Buckley in eine neue ausgewogene  (auch: dem Alkohol entsagende) Perspektive gebracht, musikalisch bleiben die Fronten extrem. Die immense stilistische  Spannweite der beiden Gastbeiträge – Tim Singer von Deadguy und Brandon Urie von Panic! At the Disco – steht dabei exemplarisch für die selbstverständliche Gratwanderung einer Platte, die gleichzeitig so verdammt catchy und zugänglich ist wie kein anderes Album der Band, dafür aber nicht einen Millimeter aus der angestammten Kampfzone abrückt.
Man kann also darüber staunen, dass selbst die relativen Standards erbarmungslos hinausgeprügelt werden, wieviele Hits hier am laufenden Band passieren ( C++ (Love Will Get You Killed), Two Summers und das immer neue Hooks provozierende Awful Lot; das sehnsüchtig flehende Stoner-Drama It Remember, dazu das Doppel aus The Coin Has a Say und The Religion of Speed), oder wie es sein kann, dass all das trotzdem nicht unter der abschließenden, über allem stehenden Hymne Map Change verschwindet: Ein krönender Abschluss, der guten Gewissens auch das Kapitel Every Time I Die als ganzes abschließen hätte könnte, indem er die Trademarks der Band auf die Spitze treibt.
Auch wenn danach erst einmal eine Atempause nötig sein würde, wie man heute weiß, hat das inhaltlich persönlichste Album (und auch das einzige, das in der Heimatstadt Buffalo aufgenommen wurde) kein derartiges ultimatives Finale für Every Time I Die selbst erzwungen – wohl aber einen neuen Zenit, an dem sich alles folgende messen lassen muß.

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