James Blake – Assume Form

von am 22. Januar 2019 in Album, Heavy Rotation

James Blake – Assume Form

James Blake schließt mit seinem vierten Studioalbum einen Kreis: Wo er das laufende Jahrzehnt als Trends-setzender Dubstep-Visionär begann, beendet er es über den Schmelztiegel Assume Form als ungewohnt schwungvoller Zeitgeist-Epigone mit der Leichtigkeit des schwerelos-verliebten Seins im Rücken.

Ein Perspektivenwechsel, der auch dringend notwendig war, nachdem sich der Vorgänger The Colour in Anything in eine kreative Sackgasse manövriert hatte und Quantität beinahe über Qualität zu stellen begann. James Blake taucht nun, knapp drei Jahre später, am Cover geradezu sinnbildlich aus der traurigen Dunkelheit und Einsamkeit auf, wirkt erleichtert, und lässt die 49 kurzweiligen Minuten der Platte generell entschlackter als den impressionistisch den Fokus verlierende Vorgänger klingen, schärft den Blick auf intrinsische Empfindungen, will diese dezidiert mit der Welt teilen: Assume Form ist deswegen ein zutiefst sentimentaler Romantiker eines emotionalen Albums über die Beziehung mit Jameela Jamil geworden, das systematisch auf allen Ebenen Isolation verweigert und sich bereitwilliger in der Masse positioniert, als jede andere Platte des Engländers.
I always felt, or at least for a long time, that my position in music was to bubble under mainstream…be kind of like a musician’s musician“ analysierte Blake nach der Zusammenarbeit mit Beyoncé auf Lemonade und stürzte sich daraufhin in zahlreiche kooperative Projekte, werkelte mit Mount Kimbie oder Oneohtrix Point Never und fand durch Credits auf unter anderem 4:44, Damn (2017), Black Panther oder Astroworld auch das Hip Hop-Spotlight. All dies hört man einer Platte immer wieder an, indem sich Assume Form externen Einflüssen nicht sklavisch unterwirft, sie aber bereitwillig öffnend assimiliert – und dafür auch überraschend viele Gäste an Bord holt.

Metro Boomin etwa darf gleich zweimal mitmischen: Für Mile High entwerfen er und Blake zuckende Achtel-Beats aus dem Trap in gefühlvoll meditativ und geschmackvoll – die ideale Umgebungstemperatur für Travis Scott, während lose Handclaps in Tell Them Moses Sumney herbeirufen, der eine zerbrechliche Soul-Atmosphäre skizziert, wo die Streicher orientalisch um den tanzbaren Rhythmus schmeicheln, aber wie alles hier hinter einem halluzinogenen Nebel niemals ganz greifbar bleiben.
Barefoot in the Park blüht dagegen als verträumter, anschmiegsam fließender und teils spanischsprachiger Pop mit Rosalía als zauberhaft umgarnende Duettpartnerin, bevor André 3000 dem Fire-Sample von Sister Irene O’Connor ein Jahr nach Look Ma No Hands die Show auf einem Podest stehlen darf und dabei eine Dringlichkeit forciert, an der die sedativ pumpende Nummer trotz versteckter Noise-Gitarren so sonst nie interessiert ist. Ganz generell und über die prominent prägende Gästeliste hinausgehend bewegt Assume Form den Signature Sound des 30 Jährigen vom angestammten Dubstep schließlich hin zum kontemplativ modernen R&B, Future Garage und Elektropop, zu seinem Kumpel Frank Ocean und dessen 2016er-Doppel aus Blonde und Endless.
Dass das hibbelige If The Car Beside You Moves Ahead es deswegen nicht auf das Album geschafft hat, macht in diesem Kontext durchaus Sinn, wie auch das getragene Klavier-Cover von Vincent nur bedingt repräsentativ für den relativ unaufgeregten Albumkontext war, wenn Assume Form die typisch bedrückende Traurigkeit des designierten Sad Boy Blake weitestgehend zurücklässt.

Viel mehr entsteht ein runder, glückselig-befreiter Fluss, in dem ein verliebter James Blake ausgeglichener und zugänglicher denn je klingt, sogar poppiger, optimistischer, beschwingter und ganz allgemein offener. Stärker als auf den beiden Vorgängern Overgrown und The Colour in Anything kann das atmende Songwriting vielleicht auch deswegen wieder substanziell mit der gravierenden Soundästhetik mithalten. Mehr noch: Mit Can’t Believe the Way We Flow (ein sich in Zeitlupe um das schwelgende It Feels So Good to Be Loved drehendes Kaleidoskop) und vor allem dem überragenden Meisterstück I’ll Come Too (entlang ätherischer La Contessa, Incontro-Streicher und hymnisch erhebender Chöre ist das eine wiegende Ballade voller tröstender Schönheit von geradezu Radiohead‘scher Märchenhaftigkeit) findet Assumed Form nicht zu absolut bezaubernden Schmuckstücken des Blake‘schen Schaffens, sondern reiht drumherum rundum gelungenen Facettenverschiebungen.
Into the Red klingt etwa wie eine aus der Zeit gefallene Spieluhr, eine Erinnerung, die in Wirklichkeit (auch finanzielle) Relation der Gegenwart ist. Hinten raus macht die Nummer beinahe kammermusikalisch triumphierend gelöst auf, verliert das Verhältnis zum Minimalismus aber nicht aus den Augen, und ist nur ein Paradebeispiel für die formvollendete Produktion der Platte.
Are You in Love? könnte eine hoffnungsvolle Aussöhnung mit dem 2011er-Debütalbum darstellen und Power On gibt den betörenden Ohrwurm mit entschleunigter Drehzahl, Bon Iver-Vibe und choralen Harmonien. Für Don’t Miss It demonstriert Blake einmal mehr seine Verehrung für Jonie Mitchell, lässt die ergreifende Klavierballade niemals in der Steckdose verschwinden, bevor sich das abschließende Lullaby for My Insomniac sich in der friedlichen Elegie einer oszillierenden Ambient-Landschaft aufzulösen scheint.

Dass Blake am anderen Ende, im Opener und Titelsong, ausgerechnet Depression von Rage Almighty sampelt, kann insofern hingegen durchaus als dezitierte Manifestation einer Aufbruchstimmung verstanden werden: Die vorsichtig perlende Klaviermelodie führt in die weiche Intimität aus klackernden Beats, subtilen Streicheransätzen, ausnahmsweise verfremdeten Stimmen und einen melodischen Leviathan, der unverkennbar Blake ist, sicher auch nicht gänzlich ohne die ihm eigene Melancholie auskommt. Doch hat sein zweitbestes Album bisher in Summe permanent die nötige Lockerheit gefunden, um erdrückende Altlasten hinter sich zu lassen.
Doesn’t it seem much warmer/ Just knowing the sun will be out?“ fragt Blake also gleich zu Beginn und macht keinen Hehl daraus, dass er auf Assume Form auf Wolke Sieben schwebt. Und diese bisher ungenannte Leichtigkeit des Seins steht ihm nicht nur ausgezeichnet, sondern lüftet sein Repertoire eventuell sogar erfrischend genug, um es für die nächsten zehn Jahre zu revitalisieren.

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