Beyoncé – Lemonade

von am 27. Mai 2016 in Album

Beyoncé – Lemonade

Dem eifrigen Gossip-Konsumenten fällt es natürlich nur zu leicht, in Beyoncé‘s praktisch über Nacht veröffentlichtem Multimediawerk eine schonungslose Abrechnung mit dem vermeintlich so untreuen (und auf Lemonade erfreulicherweise mit Abwesenheit glänzenden) Ehemann Jay-Z hineinzuinterpretieren.

You can taste the dishonesty/ It’s all over your breath as you pass it off so cavalier“ leidet Beyoncé gleich zu Beginn, wird später mutmaßlich immer expliziter: „I see them boppers in the corner/ They sneaking out the back door/ He only want me when I’m not there/He better call Becky with the good hair„. Dabei lohnt es sich durchaus, die Texte auf Lemonade dem Versuch einer Dekodierung zu unterziehen und dieses „conceptual project based on every woman’s journey of self-knowledge and healing“ in all seinen Facetten zu erkunden. Auch wenn selbst damit nicht restlos klar werden wird, wo hier tatsächlich die Grenzen zwischen persönlicher Konfliktbewältigung der Privatperson Beyoncé Giselle Knowles-Carter und einem in seiner Konsequenz beeindruckend drastisch auftretenden Konzeptalbum der Künstlerin Queen Bey verlaufen.
Funktionieren tut das audiovisuelle ausgelegte, sechste Studioalbum der Texanerin jedoch ohnedies auf beiden Ebenen, als so intimes wie universelles Zeugnis einer von der Liebe enttäuschten, verletzten Frau, die sich jedoch deswegen nicht in reines Selbstmitleid versteift: „Who the fuck do you think I am?/ You ain’t married to no average bitch boy/…/I am the dragon breathing fire/ Beautiful mane, I’m the lion/Beautiful man, I know you’re lying/I am not broken, I’m not crying, I’m not crying„.

Kaum weniger facettenreich als das inhaltliche Spannungsfeld von sozialpolitischer und emotionaler Ebene gibt sich Lemonade in musikalischer Hinsicht, indem es das bisher vielseitigste und variabelste Album der 34 Jährigen geworden ist, mühelos zwischen den Stilen und Ausrichtungen umhergleitet.
Pray You Catch Me eröffnet so als wunderbar einfühlsam zurückgenommene Ballade, die ihre minimalistische Gangart von James Blake gelernt hat – der wiederum im knapp 80 sekündigen Pianostück Forward gleich selbst den Appendix zu Sandcastles als Fingerübung in Sachen digitalem Soul liefert. Hold Up gewährt dagegen als wunderbar reduziert tapsende Raggae-Trap Exkursion einer ganzen Indie-Riege von Father John Misty über die Yeah Yeah Yeahs bis hin zu Vampire Weekend-Mann Ezra Koenig  Credits – wäre aber ohne die vereinzelt eingestreuten nervigen Dancehall Sirenen sogar noch besser gewesen.
Im butterweichen The Weeknd-R&B von 6 Inch gibt es sogar ein gesampeltes Wiedersehen mit Isaac Hayes und dem Animal Collective. Dass die Dixie Chicks dagegen Daddy Lessons nahtlos in ihre aktuelle Setlist eingearbeitet haben verwundert nicht: Mit dezent stockenden Beats aus akustischem Modern Folk-Barndance und New Orleans Bläser-Umzug macht Beyonce countryeske Stimmung, bevor Love Drought auch als ätherischer Ladebildschirm-Soundtrack für das nächste Final Fantasy durchginge und das wuchtige Freedom orgelschwanger stampfend den aufgestachelten Chain Gang-Marsch probt, für den King Kendrick zusätzlich Druck macht. Allesamt keine Brechstangen-Singles, aber absolut schmissig zündende Ohrwürmer, die sich anstelle des VIP-Eingangs auch mit der Hintertür begnügen – und damit umso nachhaltiger Eindruck schinden. Der luftig aufmachende Pop von All Night wäre mit seiner OutKast-Anlehnung deswegen auch der ideale Schlußpunkt einer Platte gewesen, die all ihre Vielfalt, all ihren Detailreichtum vollkommen homogen verwebt, nie forciert oder bemüht klingt.

Dass die einzelnen Songs für sich genommen trotzdem vor allem starke Genreausflüge, aber nicht markerschütterndes Songwriting per se darstellen und in der Einzelbetrachtung eher enorm stilvoll die Wandelbarkeit und Klasse von einer stellenweise nichtsdestotrotz etwas zu glatten Mainstreamverwurzelung vorführen, ist es vor allem diese regelrecht subtile und mit viel Understatement zelebrierte Art und Weise, die den Abwechslungsreichtum und die Inszenierung von Lemonade in seiner Gänze spektakulär werden lässt, die jeden Song auf ein kleines Podest hebt. Gerade auch, wenn man sich bisher von der so exaltierten und demonstrativ phrasierenden Gesangsperformances Beyonces schnell unangenehm penetriert fühlen konnte, gefällt die inszenatorische Zurückhaltung der Platte.
Nur selten, wie in der ohnedies nach zuviel Pathos gierenden Klavierballade Sandcastles verfällt das mächtige Organ der Amerikanerin in alte, die Zehennägel aufrollende Brachialvorführungen ihrer Stimmgewalt und verlässt die natürlicheren Pfade von Lemonade, während sie in den aggressiven Momenten gleichzeitig zu kontrolliert intonierend klingt, um emotional restlos aus der Reserve zu locken. Dennoch ist Lemonade ein immenser Entwicklungsschub für Beyonce, weil die Erkenntnis, das weniger manchmal mehr ist, hier die Substanz eindrucksvoll wachsen lässt.
Zu meckern gibt es angesichts einer erstaunlichen Platte, die von der Produktion bis zur ideal unterhaltenden Länge kaum Fehler, macht insofern wenig: das an sich tolle Formation wirkt höchstens als Closer absolut deplatziert und mit Jack White’s Don’t Hurt Yourself – eine 0815-Bluesrockverdichtung rund um Led Zeppelin’s  When the Levee Breaks, die wie eine potentielle Single des letzten Dead Weather Albums wirkt, was im positiven wie negativen verstanden werden darf – muss man nicht warm werden.
Ein bisschen bitterer Beigeschmack soll schließlich erlaubt sein, wenn Beyonce auf ihrem bisher stärksten, inkohärentesten und dennoch homogensten, reichhaltigsten Soloalbum Zitronen zu Limonade verarbeitet. Denn Alben wie dieses – das den Spagat zwischen kommerziellem Unterhaltungswert und Kunstanspruch mit einer Riege an charismatischen Hits mühelos schafft – sind schließlich eines der größten Konsens-Geschenke, die mit der ewig gleichen Stromlinienförmigkeit des verpönten Massenmarkt aussöhnen können.

07

CD auf Amazon | MP3 Download auf Amazon

Related Post:

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen