Frontierer – Ultraviolet Parasite
Ultraviolent: Fünf Jahre nach ihrem Meisterstück Oxidized ist Ultraviolet Parasite natürlich vor allem pures Frontierer-Heroin. Darüber hinaus ist es aber womöglich gar eine Art…Übergangsalbum?
Dass die, soviel sei bereits vorweggenommen, auch hiernach aktuell unerreichbar der Mathcore-Konkurrenz vorneweg rasende Brainfuck-Band aus (weitestgehend) Schottland ihrem Signature Sound treu bleiben würde, dabei aber die kleinen Feinjustierung der 2024er Ep The Skull Burned Wearing Hell Like a Life Vest as the Night Wept mitnehmen würde, war eigentlich bereits mit der ziemlich triumphalen ersten Vorabsingle ein besiegeltes Versprechen.
Die nun den Opener machende Titelnummer wirbelt als Machtdemonstration (so prägend gar, dass Monotone Canteen praktisch das selbe Motiv später noch einmal aufgreifen wird) effektversessene Laserstrahlen auf und hakt Riffs von futuristischer Heaviness über djent-präzise Rhythmen in die luftdicht betonierte Produktion. Doch wie erstaunlich catchy sie dabei ohne wirkliche Kompromissbereitschaft arbeitet, und die grundlegend griffiger strukturierte Form des Songwritings von Ultraviolet Parasite ebenso vorweg nimmt, wie den schärfer eingestellten Fokus – Ultraviolet Parasite ist im Gesamten noch einmal 4 Minuten kompakter eingestellt als sein Vorgänger.
Mag das 2021er Highlight insofern auch totaler und absoluter in seiner Präsenz, einfach ultimativer in seiner Essenz gewesen sein – paradoxerweise die Aufmerksamkeit entlang der rein bewährten Formel auch latent differenziert zwingend fesseln – ist die Implementierung dieser für ein relatives Mehr an Zugänglichkeit sorgenden Faktoren ein elementarer Impuls: Ultraviolet Parasite hat eine frische, hungrige Dynamik und Energie, wirkt das Chaos mit detaillierter technischer Präzision erzeugend instinktiv von der Leine gelassen, und zeigt keinerlei Abnutzungserscheinungen, wenn sich Frontierer mehr oder minder primär auf ihr Business as Usual konzentrieren.
An vorderster Front ist dies hier nämlich geradezu mühelos der erwartete und erhoffte reizüberflutende Rausch aus unbedingt konsequenten, unbarmherzigen Trademark-Attacken, der faucht und ballert, hämmert und quietscht, bis Valianis Whammy-Bord raucht und Kappers Stimmbänder bluten.
Mehr noch: Alleine Wool Glasses suggeriert als fast punkig reißender so frenetisch unter Strom stehend nach vorne galoppierender Fleischwolf, der sich im Verlauf nur einpendelt, um im Finale komplett zu eskalieren, gar, dass sich die Grenzen der hauseigenen Intensität ein Stück weit verschoben haben könnten.
Die Parameter haben sich aber spätestens ab der zweiten Hälfte der Platte so oder so versetzt, da die Band dort den elektronischen Facetten ihres Sounds, die bisher ja weitestgehend eher schattierende Funktionen hatten, mehr Tragweite und Bandbreite einräumt – wodurch sich die Variabilität, zumindest aber der Kontrast von Ultraviolet Parasite verstärkt.
Emerging Claustrophobic ist ein Drum And Bass-Zwischenspiel auf Speed, mit rasselnden High Speed-Beats auf spastisch wummernden E-Pads, eine Art Frontierer-Remix für den Disco-Moshpit in einer Post-Ire-Works–Welt. Retrograde F atmet ab der Mitte durch und zeigt danach ein vielschichtigeres Spektrum, und nicht nur die kurzen Sprengsel in Complacency Gown machen das Viertwerk (kurz nach dem Jubiläum) zu jedem Album, das indirekt an Orange Mathematics anzuschließen scheint, bevor das wie irre rasende Dystopian Fjord den Groove letztlich magenaushebend nach unten hofiert.
Digesting the Canal Burial lässt diese Tendenzen nur kurz Aufflackern, um sie in Ions & Oxygen Rockets hinter einer klackernd-perkussiven, dystopischen Atmosphäre (die Mastermind Valiani als gewachsenen Klang-Architekten zeigt) auszubreiten: Die Szenerie gleicht dem Beobachten eines synthetischen Kanonenbeschusses in finsterer Polygon-Nacht, die zur tief im vertrackten Doom rumorenden Action-Sequenz wird – Hand in Hand mit dem kongenial eingeflochtenen Tony Wolski (The Armed) eilend. The Iodine Bath täuscht kurz die Phasenverschobenheit an, agiert vergleichsweise gedrosselt, flüstert dann mit Nu Metal-Bedächtigkeit die Ahnung einer gesprochenen Gesangslinie in die EDM.
Das alles führt dazu, dass Frontierer am Ende ihres bisher kurzweiligsten Albums dann auch wahrhaftig noch waschechtes Neuland betreten, als wäre es die natürlichste Sache der Welt: Terraforming Myself eröffnet (Nomen est Omen!) mit Klargesang, den sich Valiani mangels etwaiger Feature-Rückmeldungen kurzerhand selbst an der Grenze der Komfortzone abgerungen hat. Er flaniert durch eine Avantgarde-Lounge, spielt den Ball zu Derwisch Kapper (dessen Physis die gesamte Platte über übrigens einmal mehr ein einziger muskulöser Kraftakt ist), und im Wechsel treiben die beiden über Streicher-Arrangements (die sogar konventioneller als bei The Forest of Knives assimiliert scheinen) und pluckernde programmierte Beats einem dramatischen, hymnischen, majestätisch eindringlichen Finale hin.
Das ist dann auch der Moment, in dem Ultraviolet Parasit seine insgeheim vielleicht größte Tugend preisgibt: Schienen Frontierer mit Oxidized nahezu am Limit ihres MO angekommen, scheint die Zukunft für die Band potentiell plötzlich spannender denn je.


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