Frontierer – Oxidized

von am 3. Oktober 2021 in Album, Heavy Rotation

Frontierer – Oxidized

Viel Optimierungspotential blieb nach Unloved nicht mehr: ein bisschen zu lang und wenig variabel war das Frontierer-Zweitwerk von 2018 höchstens. Genau an diesen Punkten zieht Oxidized die Schrauben nun aber unter anderem enger – und zeigt, was sonst noch geht.

Als wären die subjektiven Ansprüche an das dritte Studioalbum der UK-Amerikanischen-Achse nach dem Vorgänger-Furiosum samt einer wahnwitzig intensiven Tour sowie nachgereichter Bonussongjuwelen nicht bereits hoch genug gewesen, tobten sich Pedram Valiani und Chad Kapper alleine im vergangenen Jahr auch noch auf externen Plattformen wie Sleeper Vessels oder Parhelion herausragend aus, und kündigten für Oxidized wenig später das Wasser im Mund sammelnde Features von den Szene-Legenden Grady Avenell (Will Haven) und Kevin McCaughey (Ion Dissonance) an.
Erwartungshaltung stutzen geht anders. Dass da aber keine überhöhten Luftschlösser in Aussicht gestellt wurden, war eigentlich bereits mit der erste Single Glacial Plasma klar, die so viele Frontierer-Trademarks wie möglich in einem Schaulaufen der unberechenbaren Strukturen und Facetten samt einer unbarmherzig frontalen In Your Face-Attitüde provozierte.
Und nun? Ist Oxidized tatsächlich so gut geworden, wie man es sich im Vorfeld versprochen hat? Nein. Eher noch besser noch, weil die Band auch so viele erwartbare und doch auch überrumpelnde  Feinjustierungen (was angesichts der brachialen Umsetzung freilich eine geradezu absurde Wortwahl ist) vorgenommen hat, um die Grundsubstanz abseits kosmetischer Entscheidungen oder euphorisierender Begleiterscheinungen auf den nächsten Level zu heben.

Wo Frontierer im groben Überblick die Akzente der Effektivitätsmaximierungngesetzt gesetzt haben, ist schnell umrissen. Immer noch schreibt die transatlantische Konstellation im Sperrfeuer aus Mathcore mit all seinen von elektronischen Glitches durchzogenen Djent- und Industrial-Interferenzen synapsenschmelzende Minenfelder, aber keine einkehrenden Müßiggänge, geschweige denn Balladen, um das emotionale Spektrum aufzufächern.
Dennoch sind die Amplituden der Extreme weiter gestiegen: Weil es einerseits für mehr Balance sorgende, aus dem MO ausbrechende Momente gibt – wie etwa in LK WX (dessen zähflüssig hackendes Geflecht in der Mitte plötzlich das knisternde Intermezzi einer zwielichtigen Stromkreis-Scores anbietet), Stereopticon (dessen futuristisches Rollerblade-Gemetzel für wenige Sekunden in die Lounge phasenverschoben wird) oder SVVANS (ein Drum’n’Bass-Dance-Wummern hypnotisiert im Deep House-Trip), die allesamt irgendwann eine relative Verschnaufpause bieten, zumindest aber den Fokus kontinuierlicher schärfen, als es Frontierer bisher anbaten, und man so während der minimal kompakteren Spielzeit der Platte nicht abstumpft, obwohl Valiani, Kapper und Co. drumherum (unglaublich, aber wahr) noch heavier und intensiver wüten als bisher bereits.

Das Chaos legt eine Schippe an wütender Aggressivität zu, Laserstrahlen schießen aus jeder Ecke. Das Tempo ist rasender Slo Mo und schleppende Tollwut zugleich. Unberechenbar, aber nie willkürlich. Wie ein digitaler Virus, der die Schnittmenge aus Meshuggah und Car Bomb befallen hat. Ohne Kompromisse, eklektisch zum unverkennbaren Eigenen gemacht, an die Grenzen der Leistungsfähigkeit getrieben, voller potenzieller Abrissbirnen für künftige Liveshows. Egal ob Southern Hemorrhage den Party-Modus im Schlachthaus radikalisiert oder The Damage and the Sift an bis zum explodierenden Hirn schwitzt.
Inwiefern sich die beiden Gastbeiträge auf der Bühne rekonstruieren lassen werden, spielt da vorerst keine Rolle. Wenn This Magnetic Drift martialisch polternd die Spannungen in einen vertrackten Strudel zieht, Avenell und Kapper sich den manischen Ball mit harschem Gebrüll und beklemmendem Flüstern zuwerfen, bis der Bass die Magengrube aushebelt, oder Removal of the Copper Iris and the Lightning Pill phasenweise wie eine Salsa Tanz im Extrem-Metal aus der Ion Dissonance-Schule bellt und beißt und böse im Stakkato faucht, bevor die Nummer in ein mysteriöses Suspence-Soundscape fällt, dann ist das ein weniger eine Genre-Wachablöse, als ein synergetisches Gipfeltreffen.

Vor allem der Einstieg in die Platte kommt jedoch einem feuchten Traum gleich. Heirloom gönnt sich eine kurze Dissonanz, um unmittelbar drinnen zu sein im übersteuernden Signature Sound, dem hämmernd-fauchenden Irrsinn aus zerschossener Brutalität, einem Adrenalinrausch aus Effekten, Riffs und polyrhythmischer Vertracktheit, als würden muskulöse Metalheads im Acid Trip einen überdrehten Dillinger Escape-Remix als Soundtrack für ein Workout auf Speed am Flipperautomat nutzen. Corrosive Wash galoppiert peitschend, voller Breakdowns und Pit-Kerosin. Malmend in die Zange genommen ist es jedoch schon hier immanent, dass die Auftrittsfläche für Momente, an denen man sich festhalten kann, merklich gewachsen und zugänglicher definiert sein kann. Wenn es die Band zumindest will.
Derweil hyperventiliert Corrosive Wash aber bis zu punkigen Ventil, prallt in eine vom Noise zerfressene, ausblutende Kur, als würden Primitive Man den Kadaver von The Locust verdauen. Dass auf die letzten Meter noch eine Abfolge von Twists ausgepackt wird, die hier von der catchy Abfahrt bis zum Stroboskop alles parat hat, ist einerseits symptomatisch für das generell hinten raus noch Überraschungen parat habende Songwriting im Allgemeinen, andererseits aber auch sinnbildlich für den stimmigen Albumfluß im Speziellen: Das brillante Opaque Horizon dreht das Over-the-Top-Programm erst nahtlos  feuerwerkend und konsequent weiter bis in den Hirnfick – ohne Gefahr zu laufen zur Parodie zu verkommen – nur um einen fast schon konventionell hinausgeschleuderten Ohrwurm zu liefern, der sich mit choralen Texturen zu majestätischer Größe erhebt und eines der großen Highlights der Platte erzeugt.

Schon nach drei Songs im Geschehen drinnen malträtieren Frontierer also bereits die eigenen Standards, sind gar auf besten Weg, das womöglich stärkste Genre Album seit Cursed abzuliefern – und werden im Verlauf noch mindestens zwei weitere aus dem Raster ausbrechende Momente liefern, die zum individuell besten gehören,  was die Diskografie der Gang bisher zu bieten hat: Daydark ist eine infernale Hardcore-Radikalkur, deren Schaltkreise von einem Dämonen besessen scheinen, bis die Nummer plötzlich für eine psychedelische Illusion voller elektronischer Störgeräusche abbiegt, die selbst die Deftones verführen könnte, bevor /Hope ganz am Ende Ahnungen von massentauglichem Klargesang zulässt und ein grandioses Finale einleitet, dass sich die Melodien assimiliert und nicht erzwingt.
Das ist dann auch der Punkt, der noch weitere Luft nach oben für die Zukunft lässt: Richtig dosiert ist das der Punkt, an dem die Band über ihren Horizont hinauswachsen könnte. Bis dahin agiert Oxidized aber praktisch nahe an der Grenze des Optimums, das Frontierer-Musik zehn Jahre nach dem Urknall versprechen kann – da bleibt diesmal wirklich kaum mehr Optimierungspotential.

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