Fucked Up – Dose Your Dreams

von am 10. Oktober 2018 in Album

Fucked Up – Dose Your Dreams

Mike Haliechuk hat nach dem für Fucked Up-Standards enttäuschend unspektakulären Glass Boys das Zepter bei den kanadischen Prog-Punks übernommen: Dose Your Dreams findet dadurch zur Megalomanie zurück und erschlägt mit einer Überdosis an Maßlosigkeit in Form und Inhalt kurzerhand über knapp eineinhalb Stunden.

Ein Umkehrschub in Sachen Ambition also gewissermaßen, die Rückkehr zum progressiven Hardcore am Limit, als würden die Kanadier die absolut entgegenkommende Kompaktheit ihres vierten Studioalbums förmlich vergessen machen wollen. Nachdem Fucked Up in den vergangenen Jahren jedenfalls vor allem mit Nebenbaustellen – Tierkreiszeichen-Kurzformate oder obskure Soundtrackarbeiten etwa – weitestgehend unter dem Radar der Öffentlichkeit unterwegs waren, soll sich zumindest keine weitere Platte derart in der Tellermitte platzieren, wie Glass Boys es 2014 tat:
Das war irgendwie ungeil. Das Album lief nicht besonders gut, wir haben es von Anfang an kaum live gespielt, und jetzt müssen wir halt damit klarkommen, dass wir diese merkwürdige Platte in unserer Biografie haben. Eine Freundin von mir meinte, das Problem sei, dass wir darauf nicht besonders selbstbewusst klingen. Das stimmt auch. Wir klingen wie alternde weiße Typen, die ihre langweiligen Emotionen loswerden wollen, und nicht so selbstbewusst und bombastisch, wie Fucked Up klingen sollen. Diese Kritik habe ich mit auf jeden Fall zu Herzen genommen.

Weswegen Haliechuk sich als neuer kreativer Leitwolf der Band in Position brachte, die stilistischen Perspektiven facettenreicher denn je in die Breite zog und Fucked Up zu einer altbekannten Projektionsfläche zurückkehren lässt: Dose Your Dreams denkt die Geschichte des 2011er Durchbruchs David Comes to Life in eine alternative Parallelwelt und entlang der 18 Kapitel von James Joyces Ulysses als unorthodoxes Konzeptwerk weiter, geht aber inszenatorisch über die rückblickend auch für Haliechuk zu einförmige Ausdrucksweise der deklarierten Punkrock-Oper hinaus: „Ich habe mir das Album auch seit Jahren nicht angehört und wir spielen live höchstens vier Songs davon. Ich könnte nicht mal die Namen der letzten fünf Songs der Platte neben. Es sind 80 Minuten lang laute Gitarren, lauter Gesang, weil wir nicht wussten, was es sonst noch gibt.
Mittlerweile weiß man es ganz offensichtlich. Dose Your Dreams springt immerhin wie selbstverständlich von der Psychedelik über den Pop bis hin zur kompromisslosen Elektronik und noch viel weiter, addiert Gitarren-Loops und Drumcomputer zu bärbeißenden Shouts und bittersüßen Harmonien, lässt klassischen Hardcore und Punkrock noch vereinzelt durchblitzen, während Fucked Up für einen erstaunlich homogen zusammengebrachten Clusterfuck immer wieder in verschiedene Formen schlüpfen, Hymnen ohne Korsette aufziehen. Bezeichnend: Gerade der sonst so präsente die Wahrnehmung der Band prägende Frontmann Damian Abraham tritt phasenweise derart weit in den Hintergrund des Geschehens, um Gästen und Kollegen das Mikrofon zu überlassen, dass Dose Your Dreams mit Fortdauer eher wie der kohärente Sampler verschiedener Kombos mit konstant geladenen Feature-Auftritt des ehemaligen Koloss anmutet.

Dabei holt die Schlachtplatte erst sogar noch verhältnismäßig, nun ja, konventionell an Bord. None of Your Business Man beginnt als ätherische Ouvertüre mit Klaviergeklimper, jazzigen Saxofonen, elegischen Chören und launig glimmernden Streichern, poltert dann herrlich kompakt stampfend als Fucked Uo-Trademark Nummer los, hebt die Melodien auf ein ausgelassenes Maß und präsentiert hinten raus die symphonische Kante samt Surf-Flair. Archaisch geht anders, aber davon haben die Kanadier eben genug. Die Vorabsingle Raise Your Voice Joyce hat deswegen auch bereits Synthies aus der Unendlichen Geschichte an Bord und begibt sich letztendlich mit ausgelassenen Bläsern auf eine Expedition, ist aber trotzdem ein kleiner Hit mit Traditionsbewusstsein. Ähnlich einfach machen es Fucked Up danach allerdings höchstens noch mit House of Keys – stur und monoton rumpelnd ist das mehr oder minder ein Signature-Sound-Paradesong, ein versöhnlicher Happen für Puristen – wohingegen das restliche Spektrum des Albums seine Grenzen als manchmal ziellose Odyssee noch drastischer immer wieder neu vermisst.
Tell Me What You See ist etwa ein davonlaufender Psych-Pop-Moloch, der immer wieder seine Dichte ändert und zeigt, wie wichtig fremde Stimmen auf Dose Your Dreams sind, weil Abraham nicht die Varianz liefern kann und will, die die kaum zu bändigenden Szenarien vorgeben – aber daran liegt auch ein gewisser Reiz, eine Charakterverbundenheit und Eigenwilligkeit, die jeden Song hier zu einem Fucked Up-Statement macht. In Normal People bekommt der Frontmann den Song etwa erst sehr spät in seine Pranken – wenn die Nummer längst wie ein düsterer 80er Darkwave Song mit Goth-Vibe und Spoken Word-Intro begonnen hat, später die Schnittmenge aus Pulp-Rocksong und Supertramp-meets-Wüsten-Eleganz, nur um am Ende auf einen Dancefloor zu finden, den Fucked Up später noch in allen Farben der Lavalampe ausleuchten.

Überhaupt der Drang zur Elektronik: Torche the Light lässt den Knopf seines hypnotischen Lounge-Minimalismus immer wieder auf der Indie-Tanzfläche des Dancepunk aufgehen, Mechanical Bull (mit S.H.I.T.-Sänger Ryan Tong als Leitwolf) ist ein Bastard aus Techno-Subbässen, zitterndem Hi Hat-Electroclash und ungemütlichen Industrial-Noise, Accelerate maschineller Digital-Smog.
Das sich selbst in Trance spielende Talking Pictures lässt dagegen Schaltkreise und Sequencer über den Gitarrenlagen und digitalen Schlagzeugmustern pluckern. Irgendwann brüllt Abraham in das kaputte Dream Pop-Konstrukt, provoziert im Strudel eine organischerPräsenz, heulend und motorisch, so dass erst der zärtliche von Alice Hansen gestreichelte Slowdive‚eske Shoegaze von How To Die Happy Versöhnung bringt.
Und weiter: Der Titelsong bietet neonschwülen Funk und Disco zum Duett von Haliechuk und Ayo Leilani, Living in a Simulation gibt den beschwingt moduliert verschwommen-rumorenden California-Pop-Singalong und I Don’t Wanna Live In This World Anymore täuscht den Summer of 69-Hardrock und Allman Brothers-Gitarrenduelle an, inklusive Engelschor. Das psychedelische Two I’s Closed sowie die kurzzeitig halluzinogen aufblühende Skizze Love Is an Island in the Sea orientieren sich stark am Lehrbuch der Beatles, wohingegen der locker aus der Hüfte kommende Indierock von The One I Want Will Come for Me mit mit einem trotzigen Bein im Feedback von Cloud Nothings und Co. abgeht und Came Down Wrong so lange nach Blondie klingt, bis J Mascis einen Refrain zum melancholisch-motivierenden Niederknien ausbreitet. Ein würdigeres Finale als Joy Stops Time hätte sich Dose Your Dreams dann auch kaum erarbeiten können – ein geduldig an Größe gewinnender Epos, der immer weiter in die Ekstase wächst, getragen von Lido Fimienta, Miya Folick und Mary Margaret O’Hara.

Dennoch hat das im Grunde paradox betitelte Dose Your Dreams durchaus seine Schwächen – die es dann auch nicht ganz auf fokussiert-weitschweifende Augenhöhe mit den bisherigen Schaffenshöhepunkten Hidden World und The Chemistry of Common Life operieren lassen. Über 82 ausführliche Minuten kommt durch die experimentelle Vielseitigkeit der Platte zwar niemals greifbare Langeweile auf (!), doch hätte die eine oder andere Straffung in mäandernden Passagen die Effizient noch einmal erhöht. Gerade, wenn einzelne Songs sich weniger durch individuell herausragendes Songwriting, als durch die markant bediente Ästhetik und aus dem Kontext der Erwartungshaltung ausbrechenden Prägung definieren. Fucked Up halten zwar selbst hier kompositionell einen enorm hohen Level, probieren Dinge aus, ohne tatsächlich zu scheitern oder einen Ausfall abzuliefern – dennoch wirkt Dose Your Dream in seiner Sprunghaftigkeit auch wie eine nicht hunderprozentig treffsichere Odyssee.
Wir haben nicht wie eine Band geschrieben, sondern eher Parts zusammengebastelt“ sagt Haliechuk. Eventuell klingt das Sammelsurium auch deswegen wie die schlüssige Mutation, die sich ihrer stilistischen Ausrichtung in der Artikulation unbedingt verschreibt, aber nicht immer restlos zu einem emotionalen Kern vordringen kann.

Andererseits wirken all die Facetten im Kaleidoskop der Platte stets ohne Zwang herbeigeführt, der immense Abwechslungsreichtum absolut natürlich gewachsen. Darüber hinaus bestechen Fucked Up nicht nur durch ihre unfassbar variabel gewordene Basis, sondern beeindrucken auch mit einer Dynamik im Albumfluss, die ihre Ausrichtungen und Amplituden in einem voller Twists und Wendungen aufzeigenden Wechselspiel positioniert, eigentlich simple Einzelszenen zu einem komplex texturierten Gesamtwerk zusammenfügt. Dose Your Dreams erzeugt so eine Spannung, die über die Unberechenbarkeit der einzelnen Bausteine hinausgeht und praktisch alles ist, was Haliechuk angestrebt hat: So bombastisch und selbstsicher, dass es endlich wieder an größenwahnsinnige, plättende, unheimlich unterhaltsame Megalomanie grenzt – anstrengend, lang und faszinierend, über alle Stränge schlagend – und gerade durch diese absurde Maßlosigkeit gewinnend. „Alles, was uns in den letzten Jahrzehnten musikalisch geprägt hat, ist irgendwie auf diesem Album gelandet. Deshalb ist es so eine merkwürdige Kombination aus allen möglichen Einflüssen geworen. Genau so, wie Fucked Up sein sollte.
Fraglich, ob Dose Your Dreams nicht trotzdem das selbe Schicksal erleiden wird, wie das bereits zu ausführliche David Comes To Life. Was aber vielleicht ohnedies nur die logische Konsequenz darstellt – für das nunmehr vierte Opus Magnum der hauseigenen Diskografie.

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