Hum – Inlet

von am 25. Juli 2020 in Album, Heavy Rotation

Hum – Inlet

Man muss sich Hum wohl zumindest als zufriedene Band vorstellen: Obwohl sie nie die angemessene Würdigung dafür bekamen, spielen Mark Talbott und Konsorten nach 22 Jahren (Mehr-oder-Minder)Pause ihren  einflussreichen Trademark Alternative Rock auf Inlet immer noch wie damals.

Es hat seit 1998 zwar subtile Adaptionen im Klangspektrum von Hum gegeben, da Inlet in den Nuancen eine stärkere Tendenz zum Metal und Shoegaze zeigt, als etwa You’d Prefer an Astronaut und Downward Is Heavenward, gerade die Schlagzeugarbeit von Bryan St. Pere nunmehr grobschlächtiger auftritt.
Dennoch ist das fünfte Studioalbum der Band eine assoziativ praktisch ansatzlos in die letzte Dekade des vergangenen Jahrhunderts versetzende Zeitkapsel, die den ätherischen Alternativ Rock der 90er so authentisch über eine üppig-ätherische Wall of Sound praktiziert, wie er alleine durch diesen Gitarrenklang niemals nur nostalgisch konserviert oder gar reproduziert werden könnte.
Insofern ist es durchaus überraschend, wie sehr die Anachronisten Hum damit plötzlich und auch erstmals das Momentum auf ihrer Seite zu haben scheinen, flächendeckendere Aufmerksamkeit generieren, sogar einen regelrechten Nischen-Hype über die Szene-Grenzen hinweg lostreten konnten.
Was, wie ebenso zurückgekehrte Zeitzeugen a la Failure oder Shiner bestätigen werden können, keineswegs ausnahmslos an der zyklischen Sehnsucht des Feuilletons liegt, das mittlerweile verstanden hat, wie stilprägend Hum und ihre Ästhetik für unzählige nachfolgende Bands – von Spotlights über Deafheaven bis A Dark Orbit – tatsächlich waren und sind. Sondern an acht monolithischen, bisweilen überlangen Songs, die das Niveau des Materials auf den direkten Vorgängerplatten zumindest weitestgehend halten und als zementierte Signatur praktisch ansatzlos neue Jünger rekrutieren werden.

Der Opener Waves verbindet die Essenz von My Bloody Valentine und Deftones mit einer verträumten Heaviness, die Gitarren verbiegen sich latent psychedelisch über den unverrückbaren Riffkaskade und repetitiven Rhythmus. Talbott singt schon hier mit einer fast analytisch schwelgenden Distanz, packt nie zwingend, sondern lässt sich eher mit einer stoischen Ruhe schwebend treiben – fast so, als würde er inmitten der Umstände über den Dingen stehen: ein bisschen teilnahmslos, lethargisch rezitierend. Was so schon auch der Knackpunkt beim Zugang zu Inlet sein kann, wenn manchmal etwas emotional intensivere, direktere Dynamik zusätzlichen Druck erzeugt hätte – dabei wären durch eine konventionellere Herangehensweisen an den Gesang aber auch charakteristische Eigenheit abgraben worden, die so eine regelrecht hypnotische Sogwirkung der Unverwechselbarkeit erzeugen.
Das folgende In the Den ist jedoch auch deswegen ein Highlight der Platte, weil der ohnedies so postmetallisch schimmernd aufmachende, nach vorne klopfende Pre-Chorus für eine sehnsüchtig beschwörende Melodie in weichen Höhen Raum schafft, Talbott überschwänglich abhebt.

Desert Ramble verdichtet seinen Space Rock danach mit der bedächtig malmenden, majestätischen Geduld des Doom, neun epische Minuten ohne Leerlauf. Talbott skandiert über die weitläufigen Texturen der methodisch und maschinell arbeitenden Gitarren-Landschaften, die in zurückgenommener Kontemplation des atmosphärischen Postrock irgendwann elegisch durchatmen, bevor der Doomgaze wieder sein Werk aufnimmt, als wäre er eine Slowcore-Wahlfahrt mit stellar schimmerndem Abgang. Es ist spätestens hier immanent, dass die auch monotone massiven Vordergründigkeit mit dem ziselierten Variieren von Details zum Konzept einer physischen Platte jenseits der greifbaren Zeitwahrnehmung gehört – gleichzeitig aber auch die Reibung durch den Gesamtfluss essentiell ist, wenn Step Into You nach diesen neun Minuten unvermittelt knackig und kompakt die Nackenmuskulatur reguliert, eine catchy Uptempo Nummer loslässt, die sich beinahe als Hit anbietet. Zugänglicher waren Hum allerdings wohl wirklich noch nie.

Danach gleicht Inlet einem Schaulaufen in immer neuen Schattierungen. The Summoning ist bedächtiger Grunge, der mit fein ziselierten Facetten in einer Phantasie aus mit erhebender Grandezza sedierten Helmet schwelgt. Cloud City bleibt konzentriert, spielt aber regelrecht übermütig mit einer Unberechenbarkeit des Tempos – die Rhythmus-Sektion stachelt das präzise Gitarren-Uhrwerk zum wilden Husarenritt an. Folding strahlt subversiv tröstend eine versöhnliche, friedvolle Schönheit aus, die zur Mitte transzendentale Klarheit destilliert, um in einem ambienten Drone zu verglühen.
Danach könnte auch Schluß sein, doch das so wahrhaftig betitelte Shapeshifter evoziert eine poetische Größe im Abspann, hat seine Mitte über einem herrschaftlichen Spektrum gefunden. Und justament, wenn es neuerlich scheint, als würde sich die Band besänftigend wieder zur Ruhe legen, nimmt der progressiv zirkulierende Closer im letzten Drittel einen beinahe poppigen Twist und wählt eher den unvermittelten, abrupten Abgang in den Optimismus: „Suddenly me just here back on the land/ Reaching for you and finding your hand“.
So viel Eigenwilligkeit darf trotz einer ansonsten exorbitant erfüllenden Erwartbarkeit nur zu gerne sein. Zumal man sich das Quartett Hum danach nicht mehr nur als zufriedene Menschen vorstellen kann, sondern tatsächlich als glückliche.

Print article

Kommentieren

Bitte Pflichtfelder ausfüllen