Jeff Rosenstock – Post-

von am 10. Januar 2018 in Album

Jeff Rosenstock – Post-

Jeff Rosenstock wagt zu Neujahr den Publicitystunt und schenkt der rasanten Quasi-Punkrockoper Worry. via Bandcamp mit Post- einen gelungenen, aber auch etwas zu unausgegoren und gediegen aufgeblähten Nachfolger.

Eigentlich ganz schlau vom ehemaligen Bomb the Music Industry!-Frontmann und veritablen Szeneproduzent Rosentock, sein drittes reguläres Soloalbum so ganz aus dem Hinterhalt zu veröffentlichen, während die halbe Welt noch den Kater zum Jahreswechsel ausschläft: Mit We Cool? und Worry. hat der Tausendsassa aus Long Island immerhin zwei Alben veröffentlicht, die die Erwartungshaltungen in Punkrock-Liebhaberkreisen zwischen den poppigeren Momenten von PUP, der Unbändigkeit von Titus Andronicus und dem Melodiegespür von Joyce Manor mitsamt politisch ambitionierter Agenda durchaus nach oben getrieben haben – freudige Überraschungen minimieren die Gefahr einer Enttäuschung insofern ja gerne.
Im Falle der nun aufgefahrenen 40 Minuten funktioniert der Kniff jedoch nur teilweise, wobei es ist nun gar nicht so sehr das eigentliche Grundproblem von Post- ist, dass das Drittwerk ein bisschen an seinen doch besseren (weil prägnanter, dringlicher, zwingender, explosiver und impulsiver auftretenden) Vorgängern scheitert.

Hinter einem latenten (fast schon proggigen) Synth-Schleier im Sound verleiht Rosenstock seinem wieder lange geplanten, aber schnell eingespielten Werk einen durchaus eigenen Charakter, verliert diesmal im Gesamtgefüge jedoch ein wenig die innere Balance: Auf großartige Tracks können auf Post- zu mediokre folgen, der allgemeine Level ist zu wankelmütig.
Das gute All This Useless Energy drosselt das Tempo etwa mit dröhnendem Bass durchaus versöhnlich, lehnt sich auch betont leidenschaftlich und beschwörend in die Seile, doch der unbedingte Funke will nicht überspringen – man bleibt als Hörer eher dabei, als mittendrin beteiligt. Das wunderbar homogen verschweißte Doppel aus dem straight polternden, aber eigentlich verdammter beliebig zu seiner Pointe findenden Melba sowie dem Weezer‚esk den flotten Powerpop am Shangrila-Strand hofierenden Beating My Head Against The Wall wiederum ist später ein kurzweiliger Spaß für die Dynamik, aber ebenso wenig nachhaltig wie der saloppe Poppunk von Powerlessness, den Rosenstock zu nett und charmant auftretend den Zeigefinger Heben lässt – da kann auch die direkte Produktion für keine raue Reibungsflächen sorgen.

Doch nicht nur die soliden Standards im Songwriting trüben trotz toller (und ausnahmsweise auch einiger weniger nicht ganz so gelungener) Texte und einer Vielzahl an extrem catchy daherkommenden Melodien die Intensität der Schlagkraft von Post-. Es ist ausgerechnet auch die überragende Eröffnung von USA, die spätestens mit ihrem fantastischen Crescendo ein bisschen den Blick auf das Wesentliche vernebelt.
Rosenstock konstruiert hier schließlich eine vielschichtige Suite, die er in den Strophen brät und im vermeintlichen Chorus zu Cowbells abgehen lässt, aber nach nicht einmal zwei Minuten steht der erste Twist vor der Tür. Plötzlich platzt der Song wuchtig im (im weiteren Verlauf der Platte immer wieder bedienten) Gemeinschaftsgefühl auf, bevor Rosenstock ihn nach Belieben bremst und langsam neu ankurbelt: „Tired and bored“ lamentiert er im machtlosen Delirium svornewegnehmend chwebend über dösenden Synthies. Wie eine Erinnerung schwillt der Chor dahinter wieder an, die Spannungen nimmt zu und da ist sie nochmals, die kollektive Entladung hinter Rosenstock. Mit einem mal ziehen alle an einem Rock’n’Roll-Strang, die Cheerleader springen zynisch feiernd über die Asche der USA: „Well, you promised us the stars/ and now we’re tired and bored„.

Was man allerdings eben auch gerade wegen dieser triumphalen Eröffnung zuerst ein wenig übersehen kann: Post- mag kompositorisch und strukturell zahlreiche Wendungen parat haben, ist aber im Grunde verdammt einfach (und auch durchsichtig) gestrickt.
Der beinahe elfminütige Closer Let Them Win beispielsweise wird stoisch in Zeitlupe eingeklatscht und hat keine Eile um zur Hymne zu finden. Dass die Nummer aber genau dort hin soll, daraus macht Rosenstock von der ersten Sekunde an keinen Hehl. Dadurch wirkt die Herangehensweise jedoch auch einfach zu offensichtlich und angestrengt (übrigens auch weniger organisch wandelbar, als noch auf Worry.) – bis letztendlich wieder die ganze Meute hinter Rosenstock steht und der Song an Drive, Dichte und Dynamik gewinnt, die Gitarre schwindelfrei im scheinbaren Endlossolo zirkuliert. Dass sich Rosenstock irgendwann an das Lagerfeuer zurückzieht und die Nummer dort als stimmungsvoller, aber wenig substanzieller Ambienttrack zu Ende mäandert, schließt zumindest soundästhetisch den Kreis.

Und wo sich Post- trotz derartiger Umwege in Kauf nehmender Leerläufe vielleicht zu schnell in seinem Kern erfassen lässt, bedeutet dies im Umkehrschluss wiederum auch, dass man die Platte rasch ins Herz schließt.
Dafür sorgen alleine schon enthusiastische nach vorne galoppierende Hook-Schleudern wie der schmissig-rohe Hit Yr Throat, eine melancholisch mit Schönklang und Wehmut dahindängelnde Synthienachdenklichkeit namens TV Stars, die sich irgendwann doch noch ein wenig Zunder gönnt, oder 9/10, das als verträumte Ballade mit den Mitteln der 80er flirtet, seinen verspielten Gitarren immer mehr Freiheiten gönnt und dabei liebenswert harmlos bleibt.
Allesamt gute Gründe, weswegen von Post- nicht das Gimmick seiner Veröffentlichungsgeschichte oder der Schatten seiner Vorgänger bleiben wird, sondern die Bestätigung, dass Rosenstock längst einer der zuverlässigsten Routiniers im Genre geworden ist, dem man minimale Qualitätsschwankungen locker verzeiht.

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