Jesse Welles – Masks Off

von am 8. Juli 2026 in Album

Jesse Welles – Masks Off

Jesse Welles übersetzt eine weitere Welle seiner Trademark-Protestsongs in ein neues Studioalbum – soweit bleibt trotz einer deutlicher als bisher auf die persönliche Ebene gehenden Tendenz alles beim Alten. Dennoch hat Masks Off zumindest auf den ersten Blick einen vergleichsweise schweren Stand.

Das liegt zuallererst am eröffnenden Titelsong, den Welles drei Monate nach seiner Premiere als Quasi-Under the Powerlines-Aufnahme, als veritables Karriere-Highlight voranstellt.
Neben der Acoustic-Gitarre und Mundharmonika hat Masks Off im Studio nun auch einen entspannt groovenden Beat im latenten Folk Rock spendiert bekommen, wodurch sich der Ohrwurm nach einem heimlichen Klassiker anfühlt, der mit fast gerappten Text auch die Komfortzone des Musikers durch eindringliche verschiebt: „I can’t tell you what’s worse/ The message was terse/ Outright white supremacists/ Or America First?/ I think they both sell merch/ …/ Killing people from a distance in an instant/ At the insistence of a President/ With a blackmailed gun to his head/ For the fun that he had in the dark ages“ heißt es da etwa mit Epstein-Verweis, bevor der Refrain mit seiner Hit-Tauglichkeit gar nicht erst hinterm Berg hält: „All the masks are off/ And they don’t even try/ They know that you know that they know/ And they don’t even mind it.“

Masks Off (der Song) ist, wie eingangs erwähnt, insofern ein Problem für Masks Off (das Album) – weil Welles das Niveau des Openers im weiteren Verlauf nicht halten kann; weil er die vergleichsweise progressiven Ansätze in der Darbietung des Herolds nicht weiterverfolgt, sondern ein Gutteil des restlichen Materials stattdessen wirkt, als würde es Bauteile der bisherigen Diskografie des Liedermachers variiert; und weil die rockigere, Fogerty’eske CCR-Band-Ausrichtung (ähnlich wie schon bei Middle oder With The Devil) Welles und seinen Songs grundlegend um das Quäntchen weniger gut steht, als die spartanische, direktere Umsetzung seiner Under the Powerlines-Reduktionen oder auch die weiterführende Ästhetik von Pilgrim.
Nachzuhören vor allem in der neuen, zügig vorangetrieben Gemeinschafts-Version von Join Ice, die Live zwar Spaß machen wird, im ausgelassenen Tempo jedoch den Kern der Sache nicht so unbedingt trifft, wie das Original.
Allerdings fallen alle drei erwähnten Punkte nach und nach weniger gravierend ins negative Gewicht. Man arrangiert sich mit einer tatsächlich ausfallfrei so viele catchy Szenen kreierenden Platte.

Gerade mit dem ruhiger zurückgenommenen Siddhartha, das vorsichtig und leicht die ätherische Ballade gibt, die Welles mit kleiner Geste in große Stadien heben könnte, sowie dem zurückgelehnt dem Krieg entgegenklatschenden Red hält das Album im Verlauf außerdem zumindest noch zwei weitere herausragende Nummern parat, während der Rest in der inhaltlichen Dualität einer nicht gerade subtilen inhaltlichen Frontalität sowie der das Persönliche zum Politikum machenden Romantik auf der anderen Seite  mit jedem Durchgang besser im stilistischen Kontext funktioniert.
Egal ob locker und flott joggender Roadrock (The Ballad of Big Balls), unaufgeregt zurückgelegt (das wirklich zu ausführlich repetierte Everything Must Die) oder gemütlich in der Bar klimpernd (Technopagans); ob das relaxte Tempo in der feiernden Barn-Stimmung als Tolle Aufbruchstimmung anziehend (Meet the New Swamp), vage zum Beinahe-Pop schielend (Won’t You Come Out Tonight) oder die countryresken Blues-Tendenzen im Roadhouse auslebend (Domestic Error) – Welles weiß schon, was er inmitten der straffer gewordenen Produktion von Eddie Spear tut. Zumal sich This and Not Some Other Way so ruhig und zurückgenommen zum Ausklang auch weniger resignierend, als betont versöhnlich gibt: „For the day is passed and the evening’s come/ Be my companion in the way/ Accept the things that you cannot/ And things that you can change/…/ Stay with me.“

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