Jesse Welles – Pilgrim
Pilgrim ist in einer seit 2012 unaufhörlich wachsenden Diskografie (neben der Compilation Under The Powerlines) nach Middle das zweite Studioalbum des Folk-Singer/Songwriters Jesse Welles in diesem Kalenderjahr.
Beeindruckender als dieser quantitative Aspekt ist aber der Umstand, dass der 32 jährige Amerikaner in einer grundlegenden qualitativen Konsistenz gefühlt stets ein kleines bisschen besser in seinem Metier wird – mag der direkte Vorgänger ob seines Sound auch eine kleine Enttäuschung gewesen sein. Pilgrim gehört jedenfalls einerseits zu den bisher rundesten und kohärentesten Platten im Ganzen von Welles, und beherbergt andererseits über 38 Minuten auch einige (wie das nun zum Country tendierende, nun mehr Drive anstelle der Tragik hofierende Grapes of Wrath bereits durch Under The Powerlines in Roh-Versionen bekannte) Songs, die sich praktisch unmittelbar als Karriere-Highlights anbieten.
Pilgrim ist dafür zurückgenommener angelegt als Middle, setzt im Kern auf mit rauchig-charismatischem Organ vorgetragene Acoustic-Stücke, catchy und simpel, die sich ihre Dynamik clever ausgeschmückt im Verzicht auf Drums (aber ein paar sparsam klopfenden Percussion-Ahnungen) aus dem Zusammenspiel von Gitarren sowie geschmackvoll akzentuierten Streicher-Arrangements – Cello, Violine und Fidel – nehmen. Diese Inszenierung hat nichts kitschiges an sich, sondern unterstreicht sauber den reifen, nostalgischen Charakter der homogenen Platte, vielschichtig und variabel.
In der knapp gehaltenen, entschleunigt schippernden Album-Einleitung We’re All Gonna Die gesellt sich zur Mundharmonika so nur ganz kurz sentimentale, country’esk schunkelnde Akzente vor der ebenso fatalistischen wie hoffnungsvollen Erkenntnis: „We all gonna die/ But love is free“.
Change Is in the Air lehnt sich weiter als die meisten Nummern in seine erhebende, feierliche Streicher-Begleitung, deren dezenter Einsatz weiterhin der tollen Bowie-Referenz das Scheinwerferlicht überlässt und dennoch sogar noch Zeit hat, eine Art psychedelisches Classic Rock-Solo anzudeuten – das man die archaischere Under The Powerlines-Variante dennoch lieber haben kann, macht die Sache nicht schlechter.
In Forever, Whatever zeigt der Dylan-Fan als Americana-Barde Haltung am Highway der schweren Herzen, während Will the Computer Love the Sunset mit existentieller Pointe eine liebenswerte Romantik in Zeiten der Digitalisierung bietet, wo die Trompete einsam den Mond anheult, und die Greenwich-Dramatik des Titelstücks als Ohrwurm (der ausnahmsweise nicht zum Punkt findet und seinen Chorus zu oft wiederholt) an Riley Walker erinnert.
Der nichtsdestotrotz subtile Refrain im ruhigen, zurückgelehnten Gilgamesh
Dass Welles auch so spätestens jetzt ein neues Level der Wahrnehmung erreichen dürfte, unterstreichen dann aber alleine schon die prominenten Features der Platte.
Das zurückgeschraubte Far from Home bezaubert als behutsames Duett mit Sierra Ferrell, in dem die Melancholie zur Mitte hin ein bisschen Bewegung aufnimmt. Und der gut gelaunte, flotte Zynismus von Philanthropist holt sich die Virtuosität von Billy Strings als heimliche Serenade derart unaufdringlich an Bord, dass es schon an Understatement grenzt. Welles und Eddie Spear haben hier – und ganz allgemein – gut daran getan, die produktionstechnische Politur nach dem zu glatten Middle wieder ein beträchtliches Stück organischer anzulegen.


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