Jungstötter – Love Is

von am 13. Februar 2019 in Album

Jungstötter – Love Is

Wäre das hervorragende Garden of Stone 2018 nicht derart spät erschienen, wäre es in unserer Endabrechnung nicht „nur“ in die Honorable Mentions gelandet. P.A. Hülsenbecks alter Kumpane Fabian Altstötter geht mit seinem Debüt als Jungstötter insofern kein Risiko ein: Love Is positioniert sich mit seinen weihevollen Mitternachtsballaden im Bariton als frühes Jahreshighlight 2019.

Was bei einer derart anachronistisch die Vergangenheit romantisierenden Platte freilich ein bisschen paradox ist, passend dazu aber die Frage aufwirft, wo sich Sizarr letztendlich rückblickend auseinanderdividierten. Im Hier und Jetzt teilen sich die ehemaligen Bandkollegen jedenfalls nicht nur weiterhin die Bühne (Hülsenbeck ist neben ExMesserPercussionist Manuel Chittka, Johannes Weber und Nicolas Fehr gegebenenfalls Teil von Jungstötters fantastischer Backingband), sondern ein gemeinsames musikalisches Koordinatensystem – nunmehr zwischen dem späten David Bowie, David Sylvian, Bryan Ferry und vor allem Nick Cave pendelnd, auch wenn Love Is im direkten Vergleich zum sanftmütigeren Garden of Stone die Präferenzen von Mark Hollis nun zugunsten von Scott Walker als größten gemeinsamen Nenner der beiden Platten verschiebt, sich ans Klavier setzt, um den vom avantgardistischen Jazzkeller zum Gothic-Flair torkelnden Chamber Pop nach No More Shall We Part in den rästelhaften Nachthimmel zu hauchen.

Und ja, mit dieser unkaschierten verankerten Verortung macht sich Love Is natürlich bis zu einem gewissen Grad für den Vorwurf angreifbar, sich stilistisch phasenweise (zu) direkt in einer Erblinie mit den großen Vorbildern zu inszenieren. Auch, weil Altstötter manchmal ein bisschen zu bemüht versucht, älter zu klingen, als er ist, und die elegante Theatralik dadurch zu knapp an der Grenze zur blasierten Prätentiösität intonierend balanciert – ohne aber tatsächlich zu kippen.
Letztendlich ist genau diese Haltung eben auch elemtarer Teil von Love Is, reif und ein bisschen über den Dingen schwebend, rotweinschwer nachdenklich und zutiefst melancholisch, fesselnd und fürsorglich abholend. Altstötter singt sonor, flehentlich und dennoch erhebend, bewahrt sich selbst geißelndelnd eine sanfte Zärtlichkeit für den Hörer.
Diese sinister schwelgende Atmosphäre wird von der tollen Produktion von All Diese Gewalt und Die Nerven-Genius Max Rieger eingefangen, die organische Stimmung der Platte ist so nahbar und ohne Distanz, instrumental minimalistisch gehalten und dennoch mit gravierenden Konturen und Akzenten in einer gewissen Gleichförmigkeit versehen. Love Is zieht die Vorhänge zu und stülpt im ruhigen Kerzenlicht einen Filter über die Raum/Zeit-Wahrnehmung.

Was unter dem Strich mehr als alles andere zählt, ist jedoch das Gewicht der Songs, die Jungstötter für sein Debüt geschrieben hat.
Mit getragenen Klavier, jazzigen Schlagzeug und betuchten Standbass, der direkt aus Fifteen Feet of Pure White Snow implementiert scheint, umgarnt Altstötter und seine Band schon in Silence Melodien voller Grandezza, neugierig und lauernd. Hinten raus macht die Nummer unheimlich betörend auf, flirtet kurz mit der Extase, streichelt dann aber doch lieber – und etabliert damit den Clou von Love Is, in all der Homogenität stets überraschende Elemente und Wendungen parat zu halten: Der Komfortbereich ist hier niemals reine Wohlfühlzone.
Sally Ran hat etwa eine dystopisch-bedrohlich aus dem Noise herüberwehende Schlagseite im verführerisch-schleichenden Tänzeln, windet sich, bis am Ende der Ballast abfällt, Chöre an der Hand nehmen und der Song optimistisch dem Sonnenschein am Horizont entgegenträumt. Oder der Titelsong: Eine Klavierballade aus der DNA von Into My Arms, aus der Jungstötter im Call and Response einen wundervoll wiegenden Hit zaubert, der sich später mit repetitiver Härte in den kalten Blade Runner-Industrial emanzipiert, bohrt und hämmert. Gleich die Eingangsphase der Platte setzt insofern Standard, die sich wahrhaftig nicht vor den überlebensgroßen Vorbildern verstecken muss.

Bedeutend schwächer wird Love Is auch nachfolgend nicht mehr. Nicht, wenn Black Hair als einsam gezupfte Akustikballade nach und nach von Kontrabass und traurigen Streichern begleitet wird, als würde Warren Ellis tröstenden Americana am Lagerfeuer verglühen lassen. Nicht, wenn die verwunschen schwofende Anmut von In Too Deep abgründig im gemächlichen, fieberphantastischen Zeitlupentempo dorthin träumt, wo Bohren & Der Club of Gore im Geschwindigkeitsrausch schunkeln könnten, die Gitarre bedrohlich keck zuckend. Und natürlich schon gar nicht, wenn Wound Wrapped in Song wie ein vergessenes Juwel aus Anthony and the Johnsons-Tagen in den Arm nimmt, sein Herz für einen hingebungsvollen Refrain in die wehmütige Waagschale wirft. Kein Wunder, dass da auch Soap&Skin schwach werden kann.
Systems verleibt sich eine vibrierende Mechanik ein und stampft dann im Postpunk, I Wonder Why adaptiert Talk Talk als Slo-Mo-Tango mit hoffnungsvollem Finale und The Rain ist eine aus der Zeit gefallene Trauerelegie, eine schwarz/weiße Tragödie mit lauschigen Restlicht, ausnahmslos Klavier und Gesang bilden ein Ambiente wie in einem verwunschenen Horrorklassiker.
Die Gitarre in To be Someone Else baut dann zwar Spannungen wie in As I Sat Sadly By Her Side auf, scheint das Szenario immer wieder als gespenstisches Musical zu kippen, lässt seine beschwörende Gesten jedoch eine vage Erinnerung ohne konkrete Konturen bleiben und untergräbt seinen Titel zudem gewissermaßen: Jungstötter hat, von den Besten inspiriert, zu diesem Zeitpunkt längst seine eigene Handschrift etabliert, lebt seinen Charakter als hedonistische Halluzination mit enormer Präsenz aus. Denn Love Is mag assoziativ eben klare Parameter besitzen, die eigentliche Stärke ist aber, dass die Platte imaginativ eine schier unerschöpfliche Schatztruhe barocker Klasse darstellt. Und trotz (oder gerade wegen?) dieser eklektischen Beschaffenheit ist sie deswegen näher dran am eigenen, ehrfurchtgebietenden Meisterstück, als an der folgsamen Talentprobe.

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