Khôrada – Salt

von am 13. August 2018 in Album

Khôrada – Salt

Knapp zwei Jahre nach dem offiziellen Ende von Agalloch haben sich drei Viertel deren Konkursmasse mit dem ehemaligen Giant Squid-Sänger/Gitarrist Aaron Gregory zusammengetan. Khôrada haben anhand ihres Debütalbums Salt allerdings nur bedingt Interesse daran, das Erbe dieser beiden Bands anzutreten.

Sicher lassen sich (ähnlich wie schon bei John Haughms Pillorian) zwangsläufig Spurenelemente von Agalloch und Giant Squid im Sound von Khôrada finden, doch platziert das Quartett die 55 Minuten seines Einstandswerkes doch erfreulich eigenständig mit einer durchaus kompletten Ausrichtung in einer weitläufig treibenden Bandbreite aus progressiven Metal sowie den atmosphärischen Ausläufern der Post-Spielarten und Sludge, geht aber generell über stilistische Grenzen hinweg.
Alleine Water Rights klingt etwa erst gar so straight rockend, als würden Neurosis plötzlich mit dramatischer Geste in die Arena wollen, nur um später immer massivere Schübe an schwer brandenden Doom über das Geschehen zu ziehen. Glacial Gold sammelt sich hingegen als nachdenklich zurückgenommene Atempause mit folkiger Intimität und schwülstigen Gesten am Schlachtfeld auf hoher See, und lässt auch einmal verlorene Streicher über das Geschehen wehen, bevor das kurze Intermezzo Augustus auf eine einsame Gitarre reduziert eine elegische Sinnsuche im Meer der Verzweiflung betreibt, über mehrstimmigen Gesang und ein wenig gesteltzte Theatralik eine unwirkliche Schönheit findet.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt von Salt sind auch einige Aspekte längst immanent. Zum ersten, dass die Arbeit der Rhythmussektion um Aesop Dekker und Jason William Walton schlichtweg makellos vielseitig und komplex ist, weil sie den dynamisch fliesenden Songs viel Raum gibt und dann wieder absolut organisch bis zum brachialen Gewitter wechselt, wahlweise ätherisch sinniert und energisch bollert – alle Facetten zwischen hemmungsloser Brutalität und neugierigem Forschertum auszudrücken.
Zum zweiten, dass die duale Gitarrenfraktion aus Don Anderson und Gregory sich über diesem Grundriss grandios ergänzt, indem sie ein Firmament aus mal flächigen, mal kompakt malmenden Riffs zaubert, das vor allem mit einem nautisch perlenden Grundton in seinen Bann zieht und dabei eine ähnlich maritime Grenzenlosigkeit erweckt, wie das Isis seinerzeit taten – über das Meer treibend ist das insofern imaginativ deutlich stimmiger brechender Wellengang, als es die Legend of the Seagullmen verbreiten.
Vor allem ist da zum dritten aber eine gewisse Ambivalenz, primär für altgediente Agalloch-Anhänger: Gregorys Gesangsstil ist weiterhin eine polarisierende Eigenwilligkeit, die sich mit Hingabe auch immer wieder in schmalzig-pathetischen Phrasierungen suhlt, mit einer brachialen Romantik verwaschen im Instrumentarium transzendierend leidet und dem abstrakt-faszinierenden Artwork endgültig ein musikalisches Pendant liefert. Da ist ein latenter Gothic-Touch ala Katatonia oder Type O Negative, der jedoch auch dazu beiträgt, den schwermütigen Charakter und die mitunter melancholische Identität von Khôrada entscheidend in eine weinerliche Richtung zu prägen.

Auch, wenn sich das Quartett deswegen die Ästhetik oft über physische oder emotional restlos packende Intensitäten stellt, im Verlauf der Platte zudem einige minimal mäandernde Passagen gönnt, und aufgrund eines Mangels an unbedingt ikonischen Szenen auch das heimliche Gefühl bleibt, dass Khôrada ihr volles Potential hier kompositionell noch nicht restlos abschöpfen, bietet das komplexe, abwechslungsreiche Salt viel zu entdecken.
Etwa, wie das gebrochen wiegende Edeste postrockig düster zu flimmern beginnt und ein sehnsüchtiges Saxofon durch den Hintergrund geistert. Während Khôrada gleichzeitig symptomatisch konzentriert und trotzdem ungebunden durch den Opener wandern, fächert sich das Outro gar zu bluesigen Todesbläsern über leise sägendem Noise und sinnierend fliesende Gitarren auf. Was also im einen Moment noch neben Shrinebuilder zu gedeihen schien, erinnert plötzlich an die Swans.
Seasons of Salt röchelt dagegen erst growlend, wälzt wuchtig entschleunigt, nur um dann wieder galoppierend anzuziehen. Die Gitarren assimilieren Muster aus dem Black Metal und verleiben sich irgendwann psychedelische Nuancen ein, pflegen ein unkonventionelles Verständnis verführerischer Melodieführungen. Grandios auch, wie sich Wave State von Trompeten angefeuert in eine Abwärtsspirale stürzt, nur um sich später mit beschwörend dichten Gitarren im gedämpften Licht zum Mahlstrom anrühren zu lassen und letztendlich mit einer klassisch-majestätischen Epicness zu gniedeln, die in einem dystopischen Blade Runner-Finale verschwindet. Geradezu versöhnlich schließt demngegenüber Ossify ab, das nicht nur die poppige Ader der Band unterstreicht, sondern die sozialpolitische Wut der Platte mit malerischer Eleganz immer massiver aufwiegt, nur um über einen erhaben in sich gehenden Part zu einer manisch bolzenden Abfahrt zu münden, die durch die nebelige Produktion der Platte verweigert wirklich eskalierend brutal zu sein – und das Wesen von Salt damit noch eine Spur schwerer erfassbar macht.
Salz als lebenswichtiges Mineral ist das perfekte Wort, um alle Themen und Gedanken des Albums zusammenzufassen. Angefangen haben wir Khôrada aber mit zwei anderen Worten im Kopf: hungrig und heavy„. erklärt Walton die Intention seiner neuen Band. Passt so – und macht vor allem hungrig auf mehr!

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