Kylesa – From the Vaults, Vol. 1

von am 18. November 2012 in Compilation

Kylesa – From the Vaults, Vol. 1

Lieblos den eigenen Raritäten-Katalog zusammenkleben sollen andere: Kylesa basteln eine Compilation, die keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit stellt, dafür aber in ihrem homogenen Fluß durch Alt und Neu gut und gerne als eigenständiges Album durchgehen würde.

Eine allumfassende Sammlung von schwer zugänglichem, unveröffentlichtem oder gar längst vergriffenen – nach elf Jahren Kylesa zwar ein Herzenswunsch vieler mit weniger großen Geldbörsen gesegneten Sammler, mehr noch aber wohl ein kleines Ding der Unmöglichkeit, bedenkt man die Kleinformat-Veröffentlichungswut (vor allem in der Frühphase) der Sludge-Metal-Macht aus Savannah. Laura Pleasants, Phillip Cope und ihre Mitstreiter machen unmittelbar vor Weihnachten – und vor allem, um sich rechtzeitig vor dem für 2013 geplanten sechsten Studioalbum wieder ins Gespräch zu bringen – das beste aus der überbordernden Situation und schrauben aus alternativen Versionen alter Gassenhauer, rarem Unbekanntem und einem neuen Song eine fulminante Auswahl an Raritäten, deren durchgängige Stringenz sich andere Bands noch nicht einmal für ihre regulären Werke erträumen können – weswegen ‚From the Vaults, Vol. 1‚ nicht nur Komplettisten hinter dem Ofen hervorlocken sollte.

Das beginnt bei dem eröffnenden Spannungsaufbau- ‚Intro‚ (Nomen est Omen: das dient einzig dem Spannungsaufbau) und endet in bester ‚Time Will Fuse Its Worth‚-Manier bei dem abschließenden ‚Drum Jam‚ (Nomen est Omen: und natürlich immer wieder eine Freude den beiden Schlagwerkern der Band im Simultanspiel zuzuhören – ähnlich gut können das eigentlich nur The Melvins mit Big Business-Unterstützung), findet aber seine eigentlichen Höhepunkte in den zehn massiven Riff-Brocken dazwischen. Dass Kylesa einen schwindelerregenden Hang zum Psychedelic-Rock haben, weiß man spätestens dank des grandiosen ‚Static Tension‚ sicher, vermutet es aber zumindest seit dem legendären Syd Barrett Tribut Album ‚Like Black Holes in the Sky‚ , dessen Pink Floyd-Adaption ‚Interstellar Overdrive‚ hier ebenso Platz findet wie das in selber Tradition stehende ‚Between Silence and Sound II‚ (in dieser Version trotz allem kompakter, klarer). Im einzig wirklich neuen Song ‚End Truth‚ schürfen Kylesa aus ähnlich nebulosen Stoner-Gefilden eine Melodie, die sich so auch Al Cisnero ausgedacht hätte haben können und verdeutlichen damit abermals die immense Entwicklung der Band von ihren ungestümen Anfängen zur heutigen Vormachtstellung neben den Seelenverwandten von Baroness im über die Grenzen tretenden Sludge-Genre.

Das hochmelodiöse ‚Paranoid Tempo‘ ist dagegen geradezu eine Punk-Rakete, ‚Inverse‘ der brachial-räudige Radaubruder und ‚Bottom Line II‚ (trotz aller Härte weicher als sein sieben Jahre altes Original, in den Extremen besser ausgearbeitet) nicht minder in sein Gaspedal verliebt, hat aber auch tief schleppenden Doom auf der To-do-Liste. ‚Wavering‚ zermalmt jedes Hindernis, während sich das tonnenschwer mit Electric Wizard liebäugelnde ‚Drained‚ unter eben solchen schlicht kurz vor den Toren der Hölle durchgräbt. Das dröhnende Streitross ‚111 Degree Heat Index‚ hat man seit der 2004er ‚No Ending‚ 7″ auf der Lieblingsliederliste der Band, als Bestandteil des so abwechslungsreichen Facettenreigens ‚From the Vaults, Vol. 1‚ entfaltet es sein Potential vielleicht majestätischer denn je und ‚Bass Salts‚ sorgt als ambientes Interlude noch schnell dafür, dass die mittlerweile bereits klassischen 42 Minuten (+/- 60 Sekunden) einer typischen Kylesa-Platte gefüllt sind.

From the Vaults, Vol.1‚ funktioniert als unheimlich stimmungsvoll arrangiertes Dacapo der bisherigen Errungenschaften der Band, beinahe auf Augenhöhe mit den fünf regulären Alben. Obwohl oder eigentlich gerade weil das trotz seiner Recycling-Herkunft im neuen Rahmen so unheimlich gut funktioniert, ertappt man sich immer wieder bei dem stupiden Wunsch, dass Kylesa es ruhig wie gewohnt auch etwas innovativer zugehen hätten lassen können – aber dafür ist dann ja das kommende Studioalbum zuständig. Dass Phillip Cope von dieser Songsammlung als „a labor of love“ spricht, macht letztendlich nur Sinn, die investierte Zeit wird hörbar, dass ein weitsichtig hinten nach geschobenes ‚Vol.1′ gleichzeitig mehr verspricht, ist dann das Tüpfelchen auf dem i. Man muss die neuen Versionen der alten Songs dabei nicht zwangsläufig besser finden als die ursprünglichen Interpretationen um sich darüber Gedanken zu machen: werden hier nicht auch ein bisschen Standards für Compilation-Alben neu definiert?

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