Lily Allen – West End Girl

von am 12. November 2025 in Album

Lily Allen – West End Girl

Das Ehe-Aus mit David Harbour hat Lily Allen aus dem Pop-Ruhestand geholt und die nötige Inspiration gegeben, um in Form von West End Girl ihr bestes Album seit It’s Not Me, It’s You aufzunehmen.

Passenderweise endet West End Girl in Fruityloop (auch) mit einem entsprechenden selbstreferentiellen Verweis auf die eigene Karriere („It’s not me, it’s you/ It’s what you’ve always done, it’s what you’ll do/ Forever till you die, it’s true/ It’s not me, it’s you/ And there is nothing I could do/ You’re stuck inside your fruityloop“), vor allem aber scheint Allen im ätherisch plätschernden Closer eines autofiktiven Konzeptwerks in gewisser Weise ihren Frieden mit den Umständen zu machen: „It is what it is, you’re a mess, I’m a bitch/ Wish I could fix all your shit, but all your shit’s yours to fix“.
Zu diesem Zeitpunkt hat West End Girl seinen musikalischen Reiz zugegebenermaßen schon ein bisschen eingebüßt und hält primär aus voyeuristischer Tabloid-Sicht an Bord – hinten raus verliert die Platte mit dem souligen Dallas Major, dem elegisch um Never Leave You (Uh Oooh, Uh Oooh) schleichenden Beg for Me sowie dem netten Let You W/in ein wenig an Prägnanz und kann seine gelungenen Hooks nicht mehr wirklich zwingend umsetzen (ohne den Qualitätslevel dadurch gravierend negativ zu senken).

Bis dahin aber überzeugt das überraschende Comeback der 40 jährigen Britin deutlich ansatzloser als Sheezus und No Shame, indem ihr so viele erinnerungswürdigere Nummern gelingen als 2014 und 2018 –  vor allem in der ersten Hälfte ihres fünften Langspielers, nachdem das eröffnende Happy End-Titelstück wie ein leichtgängiger Musical-Lounge-Traum swingend durch einen Telefonanruf (der so nur innerhalb des Kontexts funktioniert) platzt.
Sleepwalking schwoft elegant relaxt durch die 50er und Tennis klimpert nonchalant der mysteriösen Madeline auf die Spur kommend, der eben Madeline, der Song, mit Flamenco-Zug und dubbigen Groove samt schwerwiegendem Verdacht folgt: das durchaus ikonische Epizentrum des Albums!
In diesem Schatten überzeugen danach auch 4chan Stan (eine Giftspitze, getarnt als harmloser Pop), der Dancehall-Flow von Nonmonogamummy (mit Specialist Moss auf der Gästeliste) und die still getupfte Einkehr Just Enough, deren Melancholie durch hoffnungsvolle Streicher-Arrangements bittersüß einwirkt.

Dass Allen phasenweise auf dem demonstrative Einsatz von Autotune setzt, kann man subjektiv unnötig und störend finden – zumindest kann sie mit dem Stimmeffekt (in einem halbwegs wohldosierten Ausmaß) umgehen.
In Ruminating, einem elektronisch mit wummendem Bass und Beats zum Club und House angelegten Dance Pop für den Radio-Mainstream-Standard, darf man man den Vocoder ja auch als Meta-Kommentar deuten, derweil er zur sphärischen 2/Dub-Step-Kontemplation Relapse einfach schlüssig passt. Selbiges gilt für den Dreampop von Pussy Palace. Dass die Nummer bis auf den einmal gehört nie wieder vergessen werden könnenden Chorus („I didn’t know it was your pussy palace, pussy palace, pussy palace, pussy palace/ I always thought it was a dojo, dojo, dojo“) schon relativ langweilig ist, steht da auf einem anderen Blatt. Und ist ein gar nicht so verkehrtes Sinnbild für West End Girl im Ganzes.


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