Luh – Spiritual Songs for Lovers to Sing

von am 10. Mai 2016 in Album

Luh – Spiritual Songs for Lovers to Sing

Wenn man will, kann man dem immer wieder zu pathetisch in die Arena schielenden Gesten neigenden Debüt von LUH durchaus anhören, dass Ellery Roberts mit WU LYF durchaus 2011 am Sprung war, die gesamte (Indie)Welt im Rausch zu erobern. Spiritual Songs for Lovers to Sing hat jedoch noch weitaus höhere Ziele als das, ächzt dabei nach zu langer Zeit im Inkubator jedoch schon einmal unter seinem vieldimensionalen Überbau.


In den knapp zwei Jahren, die die Beziehung von Roberts und der Amsterdamer Künstlerin Ebony Hoorn andauert, haben sie bereits ein beachtlich ambitioniertes kreatives Konstrukt unter dem Banner LUH Lost Under Heaven – erbaut und ein multimediales Sammelsurium an Gedankengänge über ihr  Bandprojekt gestülpt, die vor philosophischen Schriften oder Abhandlungen über Transhumanismus nicht zurückschrecken, im Endeffekt aber schlichtweg das Konzept der fieberhaften, unstillbaren Liebe mit megalomanischer Bandbreite zu destillieren versucht.
Gerade in diesem grundsätzlich simplen Antrieb steckt dann auch Knackpunkt der Platte, nicht in verkopftes Kunstbrimborium abzudriften. Ohne dass man als Konsument postwendend zu dicken Wälzern greift, muss sich Spiritual Songs for Lovers to Sing nun heruntergebrochen auf das Wesentliche die Frage gefallen lassen, ob das alles letztendlich über annähernd 60 Minuten aus musikalischer Perspektive überhaupt dennoch funktioniert.
Die ambivalente Antwort: Tut es! Sogar bisweilen großartigst! Jedoch steht das auf kristalline The Edge-Gitarren, texturierte Synthiewände, romantische Cinemascope-Arrangements und intensiviert beschworenen Elektroversatzstücke bauende Spiritual Songs for Lovers to Sing sich selbst und der anvisierten Größe doch auch immer wieder selbst im Weg. Weil LUH nicht selten schlichtweg tatsächlich zuviel wollen und der sich ziehende Entstehungsprozess der Platte offenbar auch vieles zerdacht, überladen oder verschlimmbessert hat.

Die verwaschenen Homerecording-Predigt Kerou’s Lament mit ihren diffusen Bläserarrangements wurde etwa zum weihevoll mit R&B Beat arbeitenden Lament aufgeblasen, das von Produzent Bobby Krlic alias The Haxan Cloak (übrigens mit seinen hypnotisch fesselnden Loops, Beats und der atmosphärisch verstörenden Dichte im Zwischenspiel aus majestätischer Pop-Imposanz und apokalyptischer Industrial-Dystopie wie schon auf Teilen von Björks Vulnicura der heimliche Held der Platte) zwar mit genügend Sperrfeuer im Untergrund bearbeitet wird, um nicht vollends domestiziert anzumuten – jedoch hat die ursprüngliche Gangart der Nummer seine Tendenzen zur Hymne nicht derart bemüht entwickelt, wie die finale Studioversion. Ein generelles Problem der Platte: Schon vom Opener I&I weg strecken sich LUH mit einem vor Ehrgeit berstenden Sound an die Decke, zur digital unterfütterten großen Geste von Stadionrockbands wie U2, lösen die sich immer weiter zugespitzt aufgebauten Spannungsbögen am Zenit aber oft nur ungenügend epochal auf. Oder anders: Kaum ein Song von Spiritual Songs for Lovers to Sing schafft es, am Ende auch wirklich derartig überwältigend zu sein, wie es der Weg dorthin in Aussicht stellt.
Die markanteste – und paradoxeste – Ausnahme stellt insofern $ORO als der Scheitelpunkt und das Herzstück der Platte dar: Ein Gewächs aus 2000-er Vocoder-Mashup in bester Rihanna / Lil Wayne-Tradition, dass über den Umweg Eurotrash plötzlich als astreiner Happy Hardcore nach vorne in die Distortion presst. Zuviel ist offenbar zu dick aufgetragen, viel zuviel aber Maßen förderlich.  Das mag dann jedoch auch der über alles polarisierende Moment sein, in dem LUH viele Hörer verlieren werden – aber mehr noch jener, in dem die Band derart mutig und fordernd, schonungslos und innovativ auftrumpft, wie sie das bis drumherum nur angedeutet hat.

Umso erstaunlicher – und auch absolut beachtenswerter – ist dann auch, dass $ORO zwar aus dem restlichen Kontext absolut heraussticht, aber deswegen nicht notwendigerweise die Homogenität der Platte rücksichtslos aufreißt. Alleine schon deswegen, weil LUH und The Haxan Cloak das waghalsige Experiment gefühlvoll auffangen, indem sie es in die ambiente Schönheit von Here Our Moment Ends überfließen lassen, an dessen Mündung man die melancholischsten Momente der aktuellen Foals in den Sternenhimmel blicken zu sehen meint, während Bon Iver in der Blockhütte daneben ein Feuer am Kamin anzündet, Roberts und Hoorn als zum gemeinschaftlichen Folk für Loyalty einlädt. Und wie wunderbar sich der rauh-jaulende, so roh energetische Trademark-Gesang des ehemaligen WU LYF-Bosses und die bezaubernde Stimme von Hoorn hier ergänzen: ein ergreifend, strahlendes Strenenkino.
Wie übrigens auch die unter die Haut gehende Nomen-Est-Omen-Ballade Future Blues – Die besten, weil weniger dick auftragenden und mit natürlicher Erhabenheit glänzenden Momente gehören also der Niederländerin. Daran ändert auch der weniger inspirierte, aber die Vielseitigkeit der Band unterstreichende 90er-Rock von Lost Under Heaven nichts, zumal der Blick auf das (im wahrsten Sinne des Wortes) in sich geschlossene Möbiusband-Gesamtgefüge Spiritual Songs for Lovers to Sing eher die zahlreichen Highlights unterstreicht, als dass es an den ihr bestechendes Potential nicht restlos abrufen könnenden Momenten krankt. Und mögen LUH damit auch nicht alle Versprechen einlösen, die sie vollmundig geben: Einen originäreren, hungrigeren Impulsgeber für den Indie als Spiritual Songs for Lovers to Sing wird man 2016 nur schwer finden.

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