Messa – Close

von am 11. Juni 2022 in Album

Messa – Close

Der Kosmos des Doom ist für Messa nicht mehr groß genug: Mit dem identitätserweiternden Close wachsen die Italiener über sich selbst hinaus, scheitern dabei aber auch ein bisschen an ihren assimilierenden Ambitionen.

Immer wieder will Close einfach zu viel – sowohl beim Blick auf das große, 65 Minuten lange Ganze, als auch bei Fokus auf die einzelnen Teilstücke des Drittwerks von Messa.
Gerade der Einstieg in die Platte will kaum in Gang kommen, denn das tolle Suspended beginnt behäbig und schleppend, einnehmend – als hätten Earl Greyhound die doomigen Blues Pills von Crippled Black Phoenix genommen -, wenn Sängerin Sara Bianchin (mit ihrem Juwel von einer Stimme) zwischen wundervoller Lethargie und kraftvoll angezogener Geste im hymnischen Refrain schwelgt, abwartend und driftend in den Jazz-Keller hinabsteigt. Doch erst das direkt übernehmende Dark Horse löst die Handbremse löst und energisch nach vorne treibt. Als Vintage Rock mit psychedelisch schimmernder Patina – der leider leicht auszurechnen ist: Messa ändern das Tempo zwischen flottem Galopp und elegischem Dösen in einen perlenschnurartig genormten Wechselkurs, der gerade über 7 Minuten ermüdet. Da kann die Band hinten raus noch so fies braten und die besonders tief entschleunigt durch die Hypnose bremsende Walze auspacken, die eine gar zu mutwillig forcierten Appendix an das Gefüge hängt: gerade hier wirkt das Songwriting von Close auf Teufel komm raus in die Länge gezogen, ohne strukturell aber über simpelste Muster hinauszugehen.

Bevor die Dinge sich bessern, müssen sie aber noch enervierender werden. Orphales könnte mit seinem mystischen Pendeln als eine Seite der Medaille auch als Intro für einen zweiten Teil von 8 Mile herhalten, das zweimalige kurze Aufbäumen als die andere wirkt hingegen, als würden Darkher durch eine mittelalterliche Feierstimmung von Richard Dawson taumeln. Das ist ästhetisch schlüssig, macht aus dem vagen Abtasten einer zwanglosen Idee aber trotzdem keinen zündenden Song, sondern eine mäandernde Geduldsprobe. Bis zu diesem Zeitpunkt gleich Close insofern einem faszinierenden Bummelzug, der sich im fünften Gang bemüht einen Gebirgspass entlang hinaufplagt.
Danach geht Messa allerdings der Knoten auf – und die okkulten Perspektiven in umliegende Gefilde bedingen keine ziellose Desorientierung mehr.

Das starke Rubedo lässt sich gehen, gar bis zu gniedelnden Blastbeats, und entwickelt endlich ein zwingendes Momentum im Albumfluß, zündet wuchtig und erhaben, vor allem aber unmittelbar und intuitiv. Pilgrim baut danach auf dem fernöstlichen Interlude Hollow als ambiente-esoterische Tempelmusik auf, die die Achse aus Blood Ceremony und The Devi‘s Witches so unbedingt authentisch globale Ansätze inhaliert.
Ohne die homogene Atmosphäre der den Doom als Leitstern nehmenden Platte zu verfälschen orientiert sich das beinahe folkloristische 0=2 dagegen lose am Western, tänzelt beim Öffnen der Strukturen zum wenig konkreten Jam – doch arbeitet die Band hier mit mehr Tiefenwirkung und findet gar bis zu einem freejazzig-fiebrigen Saxofon-Galopp, der sich sehr stimmig in seinen traditionellen Wellengang legt. Noch besser ist nur If You Want Her to Be Taken als wunderbar melodisch verträumte Ballade mit plötzlichem Black Metal-Twist, der über das keifend-ballernde, manisch-fauchende Anhängsel Leffotrak sogar noch verlängert wird.

Man ist mit dem Wachstumsschmerzen, die Close bereiten kann, also nicht erst ausgesöhnt, wenn Serving Him als ebenso weitläufige wie zeitlose Eleganz die Messa’schen Tugenden als finales Statement beschließt, daher auch der organische, so natürliche (und erstaunlicherweise niemals auch nur ansatzweise überladene) Sound der Produktion generell besticht, und all dies auch noch von einem der feinsten Artworks des bisherigen Jahres eingekleidet wird.
Der Vorwurf, dass Close nur einfach nicht so überwältigend geworden ist, wie es immer wieder in Aussicht gestellt wird, bedeuten schließlich nur, dass mit ein wenig Feinschliff aus einem hervorragenden – sowie trotz allem: Messas bisher bestem! – Album ein brillantes hätte werden können. Das Versprechen, dass Album Nummer 4 das Meisterstück der Gruppe werden könnte, ist gerade deswegen hiermit allerdings insofern inbegriffen.


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