MGMT – Little Dark Age

von am 11. Februar 2018 in Album

MGMT – Little Dark Age

Nach ihrem diffusen, selbstbetitelten Kaleidoskop von 2013 bleiben MGMT im Geiste eine 60s-Psychedelica-Band hinter dem schillernden Sound der 80er, nähern sich dabei über ein Jahrzehnt nach Oracular Spectacular mit Little Dark Age jedoch zumindest ansatzweise wieder deutlicher ihren schmissigen Synthpop-Wurzeln an.

Gerade die Anfangsphase der vierten MGMT-Platte fühlt sich wie ein durchaus kompromissbereites Statement an, das Brücken bauen könnte: Nein, Andrew VanWyngarden und Ben Goldwasser haben keinen Bock mehr darauf, jene Art von Hits (!) abzuliefern, mit denen sich ihr (auch abseits der supercatchy einfangenden Aushängeschilder so grandioses) Debütalbum bis heute frisch und infektiös gehalten hat. Viel lieber zelebrieren sie ihr Verständnis für den Pop spätestens seit Congratulations als pures Weirdo-Spektakel mit dem Hang zum Absurden, enorm psychedelisch ausgeleuchtet und mit anachronistischer Surrealität hantierend, gerade auf Albumlänge ausfransend aus dem Ruder laufend und keine konsumfertigen Singles mehr abwerfend.
Allerdings, soviel stellen sie nun klar, könnte das Duo Konsens-Breitseiten für die Tanzfläche ala Time to Pretend, Kids oder Electric Feel theoretisch immer noch aus dem Handgelenk schütteln.  Zumindest ist dies der der Knackpunkt, an dem Little Dark Age den Faden von MGMT aufnimmt, jedoch Fans der ersten Stunde unmittelbarer die Hand reicht.

Das griffige She Works Out To Much ist eine neongrell funkelnder 80er-Trip durch die lebenden Abenstunden japanischer Spielhöllen, der gleichzeitig hyperhibbelig und seltsam sediert durch das kunterbunte Treiben flaniert, und in etwa so klingt, als würden Keyboarder Ariel Pink und die aus Italien zurückgekehrten Phoenix zu Bankrupt!-Zeiten den Bogen genüsslich überspannen. Nicht zuletzt im witzigen, aber zu oft repetierten Schenkelklopfer-Refrain (übrigens ein Grundproblem der griffigeren Songs der Platte) – bis plötzlich ein shakendes Saxofon in den Reigen taumelt.
Ein Szenario, in dem der Titelsong dann seine eigene Interpretation von in sich ruhenden French House mit synthetischem Funkbass in einen wandelnden Zeitlupengroover übersetzt, der wie nebenbei seinen starken Hypno-Refrain bei der Hintertür hereinschleust, wohingegendas flott schunkelnde When You Die mit klarer Ariel Pink-Handschrift entspannt an einem latenten Asia-Feeling  vorbeicruist, sich textlich betont fuck you-fies gibt, während sich Sébastien Tellier im Hintergrund versteckt. Das sanft pumpende Me and Michael wiederum ist der kleine wattierte, nostalgische Ohrwurm, den M83 nach dem unsterblichen Saturdays = Youth so nicht mehr vorlegen wollten.
Diese ersten 20 Minuten der Platte dämmen den Hang von MGMT zum unsteten Mäandern für diese wieder gestiegene Zugänglichkeit keinesfalls restlos ein, schärfen den Fokus des freigeistigen Duos aber merklich: Näher dran an gefällig fesselnden Songwriting war die Band schon lange nicht mehr. Dass ihnen gerade diese verhältnismäßig kompakte Ausrichtung verdammt gut steht, werden VanWyngarden und Goldwasser wohl mit gemischten Gefühlen hören.

Danach verliert sich Little Dark Age jedoch ohnedies zunehmend in einem wenig zielbewussten Trip, der die wandelbare Soundästhetik der feinen Produktion über die Qualität der eigentlichen Kompositionen stellt. Melodien und Hooks werden zu vagen Ahnungen, treiben beinahe willkürlich durch das Geschehen, MGMT lassen die Dinge schleifen. Das Material verliert bewusst an Spannung und Stringenz, bleibt jedoch hinter den detailverliebten Texturen auch frustrierend oberflächlich und plätschert trotz der humorvollen Gaga-Lyrics immer wieder gefährlich nahe an die Grenze zur gepflegten Langeweile, weil das angerührte Halluzinogen zu beliebig, harmlos und austauschbar mit der grundlegenden Substanz umgeht.
TSLAMP hätte beispielsweise durchaus einen feinen Chorus im Zentrum seines Geschehens parat, darumherum dümpeln MGMT jedoch durch einen drucklos zerfaserten Teppich ohne gravierende Ideen – da hilft auch das aus dem Nichts nachgeschobene spanische Gitarrensolo wenig. James verstellt hingegen das Visier eines entschleunigten Air– Traumes auf der Disco zum atmosphärisch dösenden Lamentieren. Konturen erzeugen MGMT dabei allerdings keine, weswegen eindruckslos keinerlei Nachhaltigkeit entsteht, bevor die Skizze Days That Got Away als kurzes Intermezzo im Kontext durchaus stimmungsvoll funktioniert hätte, jedoch als knapp fünfminütiger Müßiggang ohne stemmende Inspiration nur für leere Meter und lange Gesichter sorgt. Ernüchternd, dass nicht einmal die Ex-Chairlift-Hälfte und Co-Produzent Patrick Wimberly hier für eine treffende Pointe sorgen kann.

Dass Little Dark Age den verwässerten Weichzeichner des Mittelteils auf die letzten Meter dennoch zurückfährt und sich ab dem netten Dancepop-Workout One Thing Left to Try noch einmal konzentrierter gibt, sorgt im Finale für eine am Klavier schwelgende Ballade mit groß gestikulierenden Streichergesten (When You’re Small) sowie eine beiläufige Foxygen’sche Softrock-Versöhnlichkeit (Hand it Over), allerdings nicht für weniger Ambivalenz.
Der Grower Little Dark Age leidet darunter, dass MGMT zwischen dem, was sie einfach können, und dem, was sie aus kreativer Sicht wollen, zu unkonkret die Orientierung aufgeben und so viel Potential nicht beim Schopf packen. Zwar hat es das Duo natürlich nicht notwendig, sein Songwriting stets unbedingt prägnant auf den Punkt zu bringen (davon zeugen zahlreiche Momente auf Oracular Spectacular und dem wunderbaren Congratulations). Jedoch gelingt es dem vierten Studioalbum trotz der stärkeren Einzelsongs nur bedingt besser als seinem fahrigen Vorgänger, eine klare Vision hinter der Ausrichtung zu artikulieren, den Kern der Kompositionen über das kreierte Ambiente zu stellen und dabei mitzureißen, anstatt sich zur eigenen Exzentrik dröge und ohne nennenswerten Langzeit-Mehrwert im nebensächlichen Kreis zu drehen – oder sich eben durch Sätze wie „When you’re high, you don’t have to know why“ etwas zu einfach aus der Affäre zieht.
Dennoch wird vom unentschlossenen Schritt in die subjektiv richtige Richtung, der der wankelmütige Spaß Little Dark Age letztendlich ist, definitiv mehr bleiben, als von MGMT. Nicht nur die Erkenntnis, dass der als Solomusiker leider in der Versenkung verschwundene Miles Benjamin Anthony Robinson offenbar zum Go to Guy wird, was das engineering bei Synthpop-Platten angeht.

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