Mother Tongue – Streetlight & Ghost Note (Fan Edition)

von am 28. Juli 2016 in Compilation, Reissue

Mother Tongue – Streetlight & Ghost Note (Fan Edition)

Rechtzeitig zur aktuellen In The Blood Tour legt Noisulotion in gewohnt liebevoller Aufmachung die vergriffen gewesenen Mother Tongue-Alben Streetlight und Ghost Note als Fan Edition-Doppel neu auf. Kleine Schönheitsfehler trüben das runde Gesamtpaket kaum.

Insgeheim hätte man sich über diese Neuauflage nach 13 Jahren wohl noch mehr gefreut, wenn man sich das Zweit- und Drittwerk der Band wie bereits das grandiose selbstbetitelte und (bereits 2003 vom qualitätsgarantierenden Berliner Label) überarbeitete Debüt der Band aus Los Angeles separat in die CD-Sammlung stecken hätte dürfen. Allerdings ergeben sich durchaus interessante Perspektiven aus der verbindenden Zusammenstellung von Streetlight und Ghost Note. Weniger aufgrund des unschlagbaren Preis/Leistung-Verhältnisses dieser Fan Edition, als wegen der optischen Überarbeitung durch Zeichentier Alexander von Wieding, der das ursprüngliche Artwork beider Platten eindrucksvoll miteinander fusioniert und alleine damit einen Anreiz für Sammler und Ästheten geschaffen hat. Dieser optische Mehrwert setzt sich in der restlichen, durchaus üppig daherkommenden Aufmachung und Haptik zwar nur bedingt fort, bedient aber zumindest Nostalgiker ideal und lässt designtechnisch kaum Wünsche offen: Im dicken, doppelt aufklappbaren Digipack verstecken sich die ursprünglichen Cover von Streetlight und Ghost Note, dazu die  Texte aller aufgefahrenen Songs und ein Großteil der in den Original-Veröffentlichungen aufgefahrenen Band/Live-Fotos.

Viel wichtiger als die tolle Aufmachung ist es jedoch freilich ohnedies, die beiden Studioalben wieder verfügbar zu sehen. Vor allem das überragende Streetlight ruft sich dabei als Geniestreich in Erinnerung, dem die Zeit nichts anhaben konnte. Und das, obwohl die Ausgangslage seinerzeit denkbar schwierig für Mother Tongue gewesen war: Nach ihrem überragenden Einstiegsmeisterwerk 1994 zerbrach die Band beinahe an Besetzungswechseln sowie Labelschwierigkeiten und verschwand jahrelang in der Versenkung – aus der sie eben erst 2002 wieder auferstehen sollte. Doch mit welcher Wucht!
Streetlight addiert nicht nur mehr Soul und eine nuancierte Wärme in den Bandsound, sondern trumpft auch mit einem schwindelerregend packenden Songwriting auf: das wuchtige CRMBL, das hippiesk harmonierende Modern Man, das bedrohlich pochende Casper oder die beiden Achterbahnfahrten F.T.W und Nightmare,….zwischen dem stimmungsvollen, titelspendenden Intro und dem abschließenden Melancholiker Stars ist hier praktisch kein Song weniger als Hit, Hymne, Fanliebling. Kurzum: Keine Sammlung sollte ohne dieses Monstrum auskommen müssen. Denn wie man einen adäquaten Nachfolger für ein Meisterwerk parat hat oder ein triumphales Comeback feiert, das immensen Erwartungshaltungen stand hält – darauf liefert das kompakte Streetlight Antworten aus dem Lehrbuch. Danach war klar: Mit Mother Tongue musste man wieder unbedingt rechnen, da brannte es unter den Fingernägeln.

Dass die Band kaum ein Jahr darauf bereits ihr drittes Studioalbum aus der Hüfte schoss, kam dennoch überraschend flott – zumal sie abermals in neuer, und der bis heute finalen Besetzung auftrat. „Das größte und schönste Geschenk, dass uns die für sie selbst mittlerweile viel zu kleine Schublade Alternative Rock je gemacht hat“ nannten die treuen Förderer bei der Visions Mother Tongue anhand des 46 Minuten lange Ghost Note folglich, wobei sie aber trotz aller angebrachten Euphorie ausschließlich auf die Platte bezogen nur zum Teil recht hatten. Das zwischen bestialischem Groove und schwitzendem Rock arbeitende Dark Side Baby, die intensive Halbballade The Void, das bis in den Dub schielende That Man oder die im Refrain Gas gebende Alternative-Bank Alien sind vorauseilend allesamt großartige Songs, die den Kanon von Streetlight hin zu noch mehr Zugänglichkeit und einer leichter verdaulichen Helligkeit im Sound weiterdenken. Allerdings halten im Gegensatz zu den beiden Vorgängern nicht alle Nummern das selbe immens hohe Grundniveau und die Fülle an Ausnahmekompositionen ist diesmal generell rarer gesät. Dazu verpasst Produzent Robert Carranza die Gelegenheit, dem Album soundtechnisch den nötigen Druck mitzugeben, um eine ähnlich fesselnde Atmosphäre und Dringlichkeit zu entwickeln, wie man es von Mother Tongue gewohnt ist: Mehr Pop in der DNA steht der Band eben nur bedingt.
Wie immens viel Luft die Kompositionen von Ghost Note nach ihrer konservierten Tonträgerform noch nach oben haben, lässt sich insofern vor allem bei den Live-Interpretationen nachhören, aber auch bei den deutlich intimer zündenden Acoustic-Mitschnitten wie etwa jenem auf der The Void DVD. Ein bisschen ist Ghost Note deswegen auch nicht nur Trademark-Expansion und Zielgruppenfeuerwerk, sondern auch das phasenweise wenig erschöpfende Umschiffen von Möglichkeiten. Was der Platte im Ganzen auch knapp ein Jahrzehnt später noch einen dezent enttäuschenden Beigeschmack verleiht, die unsterbliche Strahlkraft einzelner Highlights aber kaum geschmälert hat. Dass nahverwandte Genrebands für ein Werk wie dieses auch heute wohl noch morden würden, steht hingegen außer Frage.

Für Abzüge in der B-Note des Fan Edition-Kompletpacketes sorgt deswegen auch nur die Auswahl des für Komplettisten frustrierenden Bonusmaterials. Auf Streetlight finden sich mit I’m Leaving und dem Instant-Klassiker Lines Drawn zwei tolle Songs von der Now or Never-EP aus dem Jahr 2004 – was im Umkehrschluss jedoch bedeutet, dass von eben jener die anderen beiden Tracks Jr. Got Shot und Believing fehlen. So fein es also auch ist, diese schwer zu erwerbenden Schmankerl aus der zweiten Reihe endlich auch regulär im Regal stehen haben zu können, bleibt dennoch das Gefühl der ärgerlichen Unvollständigkeit. Nur wenig besser sieht die Sachlage bei Ghost Note aus: Von der unbetitelten 2006er Tour EP werden May Day und Silhouette aufgefahren – die abseits davon eben noch Together Released zu bieten gehabt hätte.
Trotzdem wiegt diese Lücke hier ob der Tatsache, dass ohnedies alle drei Tracks letztendlich auf dem vierten Studioalbum der Band landen sollten, weniger gravierend. Zumal die Inkludierung der Songs auch irgendwo die Hoffnung nährt, dass man sich in Berlin mit der liebevollen Wiederaufbereitung des Mother Tongue-Kataloges eventuell ja auch noch dem bisher nur im Eigenvertrieb veröffentlichten (und Ende September via Lonestar Recs erstmals auf Vinyl erscheinen sollenden) Follow the Trail annehmen wird…wo eine generelle Neuauflage aller Alben der Band auf Vinyl eine sehr feine Sache wäre.
Ganz abgesehen von solchen Wunschträumen stellt diese wunderbare Fan Edition auch so ein Sahnestück im so bärenstark abliefernden Noiseolution Jahr 2016 dar, vor allem aber gilt: Jeder, der nur ansatzweise etwas mit bluesaffinem Retro-Rock’n’Roll anfangen kann und in diesem Metier die Ausnahmeband Mother Tongue bisher verpasst hat – oder als Langzeitanhänger seine Sammlung mit zusätzlichen optischen Reizen aufpeppen will – muss hier unbedingt zugreifen.

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