Nathan Gray – Working Title

von am 11. Februar 2020 in Album

Nathan Gray – Working Title

Nathan Gray und die neue Leichtigkeit des Seins: Eine gehörige Portion Lebensmut und Optimismus mag dem 48 Jährigen Boysetsfire-Vorstand sichtlich gut zu, schmeichelt den Songs auf Working Title allerdings kaum.

Zwei Jahre nach nach dem zurückgenommenen Feral Hymns hat sich Gray seinen Dämonen und Depressionen gestellt, es geht ihm längst psychisch und physisch besser denn je, daraus macht er auch medial keinen Hehl. Doch man soll es nicht nur sehen, sondern auch hören: Working Title ist mit neuer Backingband (Bass-Kumpel Chris Rakus, Drummer Jake Blochinger, Ben Christo sowie Bouncing Souls-Gitarrist Pete Steinkopf) eine Rückkehr zum saftigeren Rock, im Gegensatz zu weiten Teilen Grays restlichen Outputs jedoch dezidiert lebensbejahend und hoffnungsstrotzend, extrem positiv in der Grundhaltung und hell in der Stimmung.
Gleich im eröffnenden, schmissig nach vorne gehenden In My Defense gibt Gray insofern unmittelbar die Richtung vor, wenn Zeilen wie „I found a brand new direction/…/because freedom is a mercy/ You give to yourself/ When you stumble/ And then rise up/ ten times stronger than you feel/ Yeah, I know I’m not perfect/ But I don’t need to be/ I’m a work in progress, indefinitely“ wahlweise ungeniert optimistisch mit sich selbst im Frieden geschlossen haben – oder plakativ kitschig den direktesten (Middle of the Road-)Weg gehen, die kantenlos inszenierten Fronten ziehend jedoch sowieso auch ganz allgemein mit viel Enthusiasmus und noch öfter repetierten Chorus vorwegnehmen, dass die Grenze zwischen unkryptischer Eingängigkeit und einer es sich zu einfach machenden Beliebigkeit auf Working Title bestenfalls schmal sind.

Zwar kann Gray seine angestammten Stärken (sein Charisma, das Gespür für catchy Melodien, diese Stimme!) natürlich auch in dieser Umgebung immer wieder umsetzen. Flott nach vorne gehende Songs wie The Markings, Hold, das kompakte No Way, Never Alone mit seiner Synth-Patina oder The Fall kranken zwar an der schwammigen Produktion (wie wenig zwingende Kraft und Energie können Gitarren haben?), machen keinen Hehl aus ihren überschaubaren Ideen und sind im Grunde simple, stromlinienförmige Standards im Spannungsfeld aus Punkrock und Powerpop, funktionieren dabei aber ohne nennenswerte Halbwertszeit oder Gewicht für den Moment aber nichtsdestotrotz herrlich kurzweilig und holen über den motivierten Drive anstandslos ab.
Noch besser ist die Eingangsphase, in der das zu Beginn vorgelegte Tempo erst immer weiter ausgebremst wird und über das nebenbei klimpernde, ganz bei sich selbst arbeitende I’m a Lot früh im stärksten Song der Platte gipfelt: Das Titelstück verschenkt Chuck Ragan auf der Gästeliste zwar, doch das getragenere Tempo und die fast klassische Ausrichtung evozieren eine zeitlose Klasse.

Letztendlich dominieren auf den seicht schwächelnden 42 Minuten von Working Title jedoch so viele störende Faktoren ein nicht immer geschmackssicheres Songwriting, die sich dann auch gar nicht zwangsweise an der plakativ mit sich selbst im Reinen aufdrängenden Attitüde der Platte festmachen lassen.
What About You? beginnt als einer von vielen Ohrwürmern schwülstig, zieht dann formelhaft die Vorhänge auf und nimmt an poppigem Tempo zu – leider übersättigt der am Silbertablett servierte Chorus auf seiner im matschigen Mix untergehenden Orgel so frustrierend schnell. Refrain bekommt als bemüht romantische Kerzenlichtballade am Klavier von seinem debilen Text die Kniescheiben weggeschossen und ist aus jenem Material, das man in seinem penetranten Mangel an jedweder Subtilität sogar verabscheuen kann, schon bevor die pathetische Nummer zu allem Überfluss auch noch in uninspirierten Streicher-Arrangements ersäuft.
Still Here ist danach so lange netter Meat Loaf-Schmalz, bis die billig hinter demChorus nachgeschickte Synthie-Linie an die unangenehmsten Seiten der 80er denken lässt, dabei allerdings zumindest stets schmissig bleibt. Das unverbindliche Gospel-Geklampfe von Mercy will gar nichts anderes sein als purer Pathos und die bedächtig ausgebreitete Arena-Nummer Down reklamiert Feuerzeugmeere, wenn Gray den Closer entgegen der Intention ohne viel Deutungsfläche davon handeln lässt, dass eben beim letzten Song angekommen ist. Dass hat diese Zuspitzung der neuen Lebensfreude auf Working Title (gerade in der generell zum dilettantischen Vorschlaghammer neigenden Achse aus Lyrics und Refrains) schon beinahe etwas selbstpersiflierendes. Was schade ist, da es in Summe doch die Freude überdecken kann, die diese Zäsur durchaus zu erzeugen weiß.

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